Management Wie eine Comic-Landkarte zu einer Navigationshilfe für Ihr Unternehmen werden kann

Ideen und Zukunftsentwürfe werden erst greifbar, wenn man sie optisch darstellt. Bei Tagungen, Konferenzen und Teambesprechungen wird das „Graphic Recording“ immer populärer: Ein Zeichner hält Erkenntnisse und Ziele sofort in Comicform fest. Unternehmerin und impulse-Bloggerin Antje Hinz über ein Unternehmen, dem beim Zeichnen buchstäblich die Augen aufgingen.

Situation im Unternehmen
Ein Familienunternehmen aus dem Agrarsektor hat sein Geschäftsgebiet von Schleswig-Holstein aus kontinuierlich erweitert. Seit 1990 ist es auf 15 Standorte mit über 700 Mitarbeitern gewachsen – in den neuen Bundesländern und in Osteuropa. Das Ziel: Die Teams sollen mehr über die einzelnen Niederlassungen erfahren: Worauf sind sie spezialisiert? Was produzieren sie (zum Beispiel Saatgut, Dünger, Rapsöl oder Malz)? Welche Dienstleistungen bieten sie an (zum Beispiel Lagerung)? Die Standorte sollen auch enger miteinander kommunizieren und sich austauschen.

Nach einigem Abwägen und Gesprächen mit dem Vorstand wagte die Firma statt eines klassischen Personalcoachings erstmalig eine künstlerische Intervention: „Bei einer ISO-Schulung, in der es um reine Fakten geht, sind künstlerische Methoden sicherlich fehl am Platz“, erklärt die Personalreferentin des Unternehmens. „Passend ist aber das, was in einem Unternehmen abstrakt ist: Prozesse, Strategien und Visionen, all das, was dicht am Menschen ist. Dazu braucht es mehr als Fakten und Wissen – zum Beispiel Kunst.“

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Comics zeichnen und Fragen stellen
Ein Zeichen-Workshop soll die verschiedenen Standorte miteinander ins Gespräch bringen. Die Comic-Künstler Tim Eckhorst und Gregor Hinz vom Illustratorenkollektiv „Pure Fruit“ aus Kiel laden die Personalreferentin und zehn Führungskräfte verschiedener Niederlassungen in ihr Atelier ein. Drei Tage lang tauschen sich die Mitarbeiter über Arbeitsweisen, Abläufe, Kompetenzen und Verantwortung an den einzelnen Stationen im Unternehmen aus. Wissensmanagement durch gegenseitiges Befragen. Jeder kann sein Wissen einbringen:

  • Was machen Sie in Ihrer Niederlassung?
  • Welche Rolle spielen Sie im Team?
  • Kennen Sie auch das folgende Problem?
  • Wie lösen Sie es?
  • Wo gibt es Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede an den Standorten?

Um die Kommunikation zwischen den Teamchefs auf unkonventionelle Art anzuregen, wird sowohl frei als auch nach Vorgaben gezeichnet. Die Visualisierung hilft, Prozesse und Zusammenhänge zu veranschaulichen. Nach und nach entsteht eine Unternehmenslandkarte mit den einzelnen Standorten – im Stile eines Comics. Kleine Symbole führen Gemeinsamkeiten und Unterschiede vor Augen. Das finale mediale Produkt gibt auf einen Blick Aufschluss über das gesamte Unternehmen und die Standorte im Detail.


Impulse und Inspirationen für Mitarbeiter und Künstler
Durch die gemeinsame Arbeit an der Unternehmenslandkarte wird bei den Mitarbeitern der Teamgeist geweckt und gestärkt. Innovativ und humorvoll initiieren die Künstler den Austausch unter den Kollegen, Ideen entwickeln sich, Wissen wird vermittelt, Vorschläge unterbreitet, Routinen hinterfragt. In der direkten Auseinandersetzung und mit den neu gewonnenen Informationen weitet sich der Blick vom eigenen Arbeitsplatz und Standort auf andere Niederlassungen. Ein lohnender Perspektivwechsel dank eines lebendig gelebten Wissensmanagements. Die Mitarbeiter verstehen ihr Tun und identifizieren sich mit dem Unternehmen.

Warum lässt sich ein freier Künstler darauf ein, in einem Unternehmen tätig zu werden? Mancher Kreativschaffender sieht sich von Kollegen mit dem Vorwurf konfrontiert, er lasse sich von der Wirtschaft instrumentalisieren. Diejenigen, die bereits ähnliche „künstlerische Interventionen“ konzipiert und in die Tat umgesetzt haben, schildern sie für sich als große Bereicherung. Auch Tim Eckhorst und Gregor Hinz schätzen die Möglichkeit, neue soziale Kontexte zu erobern und ungewöhnliche Orte zu „bespielen“. Interessiert setzen sie sich mit Arbeitsräumen und Tätigkeitsfeldern auseinander, mit menschlichen Beziehungsebenen. Die Erfahrungen und Erlebnisse in den Unternehmen dienen als Inspirationsquelle für das eigene kreative Schaffen. Viele Impulse fließen später direkt oder indirekt in künstlerische Arbeiten ein. Comiczeichner Tim Eckhorst sieht es so: „Bei unternehmerischer Kulturförderung wird nur an der Oberfläche gekratzt. Der direkte und aktive Umgang mit Kunst hat weitaus mehr Wert. Dieser sorgt nämlich für das, was nicht bezahlbar ist: Ehrliche Kommunikation, gemeinsames Erleben, völlig neue Denkansätze, Verlassen ausgetretener Pfade.“

Irritationen
Die Führungskräfte hingegen fanden sas kreative, leistungsbefreite Arbeiten anfangs gar nicht behaglich. Die meisten hatten noch nie oder jahrelang nicht mehr gezeichnet. In der eigenen Wahrnehmung versagten sie. Eine ungewohnte Erfahrung, sich plötzlich als Laie zu fühlen. Normalerweise nahmen sich die Führungskräfte als Experten wahr. Die Künstler beruhigten sie: Das Scheitern und Versagen sei fest in den Projektverlauf einkalkuliert, erwartet und sogar erwünscht. Der Umgang mit Frustration und mit Grenzsituationen sollte aktiv erprobt werden. „Die Arbeit mit Menschen, die von sich behaupten, sie wären unkreativ und untalentiert, ist uns bestens vertraut“, sagt Künstler Tim Eckhorst. „Entsprechend sind wir in der Lage, diesen Teilnehmern das Gegenteil zu beweisen. Kreative Arbeit lässt Subjektivität und Geschmäcker großzügig zu und hat keinerlei Interesse daran, Persönlichkeit zu verbergen. Kritik, Orientierungslosigkeit und damit verbundenes Scheitern gehören – leider und zugleich zum Glück – dazu.“

Intentionen und Meinungen
Eine künstlerische Intervention braucht gegenseitiges Vertrauen der Beteiligten und Sympathie. Auf dieser Basis lassen sich Schwierigkeiten überwinden und Krisen überstehen. „Nicht nur ein Weg führt zum Ziel“, erklärt der Vorstand die Kunst-Intervention. „Das wollen wir mit dieser innovativen Aktion erlebbar machen und nachhaltig vermitteln, denn sie öffnet die Köpfe für neue Herangehensweisen.“

Der Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Kiel, Ingo Scheuse, ist von der Wirksamkeit künstlerischer Interventionen überzeugt: „Der Einsatz von Kunst in Unternehmern bietet die Möglichkeit, neue Sichtweisen der innerbetrieblichen Strukturen, Abläufe und der internen wie auch externen Unternehmenswahrnehmung zu gewinnen. Der unkonventionelle und aus diesem Grund viel ergebnisoffenere Ansatz ist hier der entscheidende Punkt.“

Nachhaltigkeit
Damit die neuen Erkenntnisse nicht im Alltagstrott verloren gehen, dient die Landkarte an den Standorten des Unternehmens als Gedächtnisstütze und auch als Kommunikationsmittel. Das im Comic-Workshop gewonnene Wissen kann an weitere Kollegen der Niederlassungen vermittelt werden, um auch mit ihnen intensiver ins Gespräch zu kommen. Das Kunstwerk bietet dem Unternehmen vielseitige Einsatzmöglichkeiten.
Die individuellen Zeichnungen der Teilnehmer sollten nicht zuletzt für die Außendarstellung und Imagepflege des Unternehmens genutzt werden. Die Künstler fertigten daher als Auftragsarbeit nach dem Workshop eine professionelle Reinzeichnung an.

Die Begleitung des Projektes übernahm die Initiative »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg, über die ich in meiner Blog-Reihe bereits berichtet habe.

 

Quellen und Inspirationstipps:

  • Projekt »Unternehmen! KulturWirtschaft« am Nordkolleg Rendsburg
  • Pure Fruit – Zeichenkollektiv von vier freiberuflichen Illustratoren, u. a. mit Tim Eckhorst und Gregor Hinz, die vielseitige Zeichenprojekte realisieren, das gleichnamige, kostenlose Comic- und Illustrationsmagazin herausgeben, und Kunst-Interventionen in Unternehmen realisieren.
  • Einen Film über den Workshop der Comiczeichner von Pure Fruit im Unternehmen finden Sie hier

 

In meiner Blog-Reihe „Kreativität für Wirtschaft“ stelle ich Ihnen Best-Practice-Beispiele für „Künstlerische Interventionen“ zwischen Unternehmern und Kreativschaffenden vor. In der 10. Folge erfahren Sie, warum ein großer Drogerie-Hersteller seinen Azubis Schauspielunterricht bietet.

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