Management Wie Mitarbeiter an sich selbst wachsen

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Das Geschäft wächst und gedeiht? Mit der richtigen Wachstumsstrategie können Einzelunternehmer Umsatz und Gewinn steigern.

Das Geschäft wächst und gedeiht? Mit der richtigen Wachstumsstrategie können Einzelunternehmer Umsatz und Gewinn steigern. © Viktor Hanacek/picjumbo.com

Gute Mitarbeiter lassen sich immer seltener mit hohen Gehältern oder Firmenwagen locken. Im Fokus steht eher ein sinnerfüllter Job, die Vereinbarung von Arbeits- und Familienleben, ein gutes Betriebsklima, Eigenverantwortung und die Chance auf Entwicklung und Weiterbildung. Wie das Drogeriemarktunternehmen dm auf kreative Weise seine Mitarbeiter fördert, erklärt Unternehmerin und Impulse-Bloggerin Antje Hinz.

Vor 15 Jahren stellte dm-Gründer Götz Werner fest, dass seinem Nachwuchs die Sprache abhanden gekommen war – durch zu viel passiven Medienkonsum, wie er vermutete: „Wir beschäftigen viele junge Menschen. Die sollen mit ihren Kunden in Kontakt treten, die Kunden beraten. Doch sie können es nicht.“

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Wenn Auszubildende heute von einem Theaterworkshop bei dm zurückkehren, sind die Filialeiter regelmäßig überrascht: „Viele sind offener, selbstbewusster und zielstrebiger. Viele verbessern auch ihre Sprachgestaltung: Man versteht sie plötzlich, sie sprechen in ganzen Sätzen“, resümiert Heidi Ley-Beck, Gebietsverantwortliche für die Filialen in Köln.

Kunst gegen Sprachverlust

Inspiriert durch persönliche künstlerische Erfahrungen wollte Werner Abhilfe durch Kunst schaffen. „Versuchsballons“ mit verschiedenen Kunstsparten wurden gestartet. Am besten erlangten die jungen Leute ihre Sprache beim Theaterspielen zurück. 2001 startete dm das Programm „Abenteuer Kultur“ – Schauspielseminare als 3. Säule der Ausbildung neben Berufsschule und Ausbildung in der Firma. Jedes Jahr organisiert dm seitdem deutschlandweit über 100 Theaterworkshops mit mehr als 2000 Lehrlingen und dual Studierenden. Einmal in der Woche proben die Jugendlichen siebeneinhalb Stunden auf der Theaterbühne. Nach 8 Wochen gibt es eine Aufführung vor Kollegen, Filialleitern, vor Eltern, Freunden, allen Leuten, die die Jugendlichen einladen. Am Ende bekommen alle eine Rose und ein Zertifikat, als Ausdruck der Wertschätzung.

Der Weg ist das Ziel

Erfahrene Theaterpädagogen vermitteln alles, was ein bühnenreifes Stück am Ende ausmacht: die Auswahl des Stoffes, das Erlernen der Rolle, die Inszenierung, der Entwurf der Kostüme und des Bühnenbildes. Ein direkter Bezug zum Arbeitsalltag ist bei der Themenwahl nicht beabsichtigt. Doch die Jugendlichen sollen diskutieren, wo sie sich in den Texten selbst wieder finden. Die Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen ist für viele ungewohnt. Doch genau darum geht es, erklärt Theaterpädagogin Nomena Struß: „Ich finde es sehr wichtig, dass sie gleich am ersten Tag lernen, ins Gespräch zu kommen. Kritik empfinden wir oft als rein negative Angelegenheit. Es ist aber etwas, was unbedingt notwendig ist, um sich zu entwickeln. Im Theater machen wir das permanent. Das ist auch Inspiration.“

Fehler sind ausdrücklich erwünscht

Das Drogeriemarktunternehmen will seine angehenden Nachwuchskräfte auch früh dazu inspirieren, ihre Arbeit selbstbestimmt, selbstbewusst und aktiv zu gestalten. Die Jugendlichen dürfen in den Filialen stets mehrere Lösungsansätze ausprobieren. Fehler sind ausdrücklich erwünscht. Das schärft den Blick auf die Arbeit, den Arbeitsplatz, und eröffnet Möglichkeiten, persönlich zu wachsen – als Teil der Unternehmenskultur.

Das in den Theaterkursen gewonnene Selbstbewusstsein führt dazu, dass 22-Jährige die Position des Filialleiters übernehmen und dass auch viele Mädchen in verantwortliche Positionen eintreten. Sie trauen sich mehr zu. Sie haben gelernt, mehr zu sich zu stehen, nicht nur zu gehorchen.

Kunst als Experimentierfeld für alle Mitarbeiter

dm bietet nicht nur seinen Auszubildenden kreative Erfahrungen. Egal ob Führungskräfte oder breite Belegschaft: Jede und jeder kann seine Talente aufspüren. Heidi Ley-Beck, Gebietsverantwortliche für dm in Köln, konnte sich seit ihrem Start 1983 im Unternehmen stetig weiterentwickeln. Sowohl fachlich als auch persönlich. Und hat inzwischen auch ihre Liebe zum Malen entdeckt.

Wenn neue Projekte oder Strategien in Angriff genommen werden, bieten Kunst und Kultur eine ideale Experimentier- und Spielwiese. Beim Kreieren von Collagen, der Arbeit mit Kupfer oder Ton eröffnen sich innovative Ideen und neue Sichtweisen. Museumsbesuche helfen dabei, die Welt mit geschärftem Blick zu entdecken. Ein Künstler hilft den Mitarbeitern, sich eine Meinung zu bilden, ob und inwiefern das Bild oder Objekt etwas mit der eigenen Lebenswelt zu tun hat.

Die Mitarbeiter nehmen das Angebot gerne an. Es gibt Ihnen die Möglichkeit, den Blick auf etwas außerhalb der Arbeit zu richten. Von oberflächlichen Anreizen hält Götz Werner nichts. Bonus-Systeme sind für ihn Malus-Systeme: „Wer einen Bonus anbietet, lenkt den Blick weg vom Kunden und hin auf den eigenen Nutzen.“

Fähigkeiten entdecken, um Fertigkeiten zu erlangen

Werner lässt seine Mitarbeiter lieber im Selbstversuch erleben, was sie können und was in ihnen steckt. Die meisten haben wenig Erfahrung mit künstlerischem Handwerk und sind zuweilen von sich selbst überrascht. Verborgene Fähigkeiten zu entdecken, empfinden sie als beglückend und motivierend. Im Gegensatz zu erlernten Fertigkeiten sind Fähigkeiten angeboren und können durch Training verbessert werden. Die eigenen Fähigkeiten besser zu kennen, ist die Voraussetzung, um Fertigkeiten zu erlangen. Michael J. Kolodziej, bis 2012 Mitglied der dm-Geschäftsführung und verantwortlich für das Ressort Logistik, erklärt den Grundgedanken: „Dabei entdeckt der Mitarbeiter auch seine Biografie, seine ‚Bestimmung‘. Und wenn er dann das Unternehmen mit diesen Erfahrungen in Verbindung setzen und seine eigene Biografie mit ihm weiterleben kann, dann haben wir das Bestmögliche erreicht.“

Fähigkeitenwerkstatt

Kolodziej hat zusammen mit der Künstlerin und Beraterin Mariott Stollsteiner von „art&business“ das Konzept der Fähigkeitenwerkstatt entwickelt. Pro Jahr kann sich jeder Mitarbeiter an drei aufeinander folgenden Tagen für je zwei Stunden kreativ erproben – während der Arbeitszeit. Ein jährlich wechselndes Motto bietet Raum für Inspirationen. Je nach Interesse und Neigung kann frei gewählt werden: Musik, Tanz, Schreiben, Malerei, Töpfern, Bildhauerei. Filialleiter können beispielsweise unter Anleitung eines Profi-Musikers den Unterschied zwischen Fremd- und Selbstorganisation körperlich erfahren, indem sie Mechanismen eines Orchesters auf Abläufe in der Firma übertragen. Reflexion und Eigenverantwortung sollen so geschult werden. Durchschnittlich mehr als die Hälfte der Mitarbeiter nimmt freiwillig an den Workshops teil. „Viele, die am Anfang skeptisch sind, sind hinterher völlig begeistert“, sagt Mariott Stollsteiner.

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