Management Wieviel Erfolg verspricht Mikromanagement?

Noah Wild ist Vorstandsmitglied der Wild Beauty AG. Sein Unternehmen (25 Mio. Euro Umsatz) vertreibt Friseurprodukte. Er fragt: "Führt extremes Mikromanagement à la Steve Jobs zum Erfolg?"

Professor Axel Haunschild vom Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Leibniz Universität Hannover

Für eine gute Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter ist in der Regel Autonomie notwendig. Die Führungsforschung spricht davon, dass die Größe des Handlungsspielraums mit der Erfahrung und Qualifikation wachsen soll. Insbesondere ein qualifizierter und erfahrener Mitarbeiter sollte also nicht ständig unter der Kontrolle seines Vorgesetzten stehen. Bei Apple sah das unter Steve Jobs jedoch anders aus. Fast alle Mitarbeiter dort sind hoch qualifiziert – trotzdem haben sie das Mikromanagement von Jobs geduldet.

Anzeige

Das lag ganz eindeutig an der charismatischen Führungskraft. Jobs hatte große Visionen und unglaubliche Ideen, er hat seine Mitarbeiter begeistert und mitgerissen. Eigentlich ist es ein Widerspruch, dass gerade die Mitarbeiter von Apple nur wenige Freiräume hatten. Denn in kreativen Branchen muss genug Raum für neue Ideen sein. Es ist ein Einzelfall, dass sich hoch qualifizierte Entwickler in ihre Arbeit haben reinreden lassen.

Normalerweise wirkt Mikromanagement auf Mitarbeiter stark demotivierend und ist darum als Führungsstil im Allgemeinen nicht zu empfehlen. Die Arbeitswissenschaft weiß spätestens seit den 30er-Jahren, dass eine tayloristische Arbeitsorganisation große Nachteile hat. Mitarbeiter, die partizipieren dürfen und Handlungsautonomie besitzen, steigern die Produktivität im Unternehmen und sind zufriedener. Heute beobachten wir vor allem im Dienstleistungssektor eine Rückkehr zur strikten Kontrolle. In Fast-Food-Ketten, Callcentern, Versicherungen und Banken sind die Abläufe detailliert vorgegeben. Bei Kundenanfragen gibt es Textbausteine zur Formulierung, die Freiräume sind gleich null.

Auch in der sogenannten Wissensarbeit beobachten wir solche Taylorisierungstendenzen. Steve Jobs‘ Mikromanagement basierte jedoch stärker auf persönlichem Führungsstil als auf Arbeitsorganisation. Ich habe mich mit der Arbeitsorganisation in der Kreativwirtschaft befasst und sehe auch dort dieses Phänomen – immer dann, wenn die Führungskraft so charismatisch ist, dass Mitarbeiter über die Nachteile hinwegsehen. Wie bei großen Theaterregisseuren. Die Schauspieler vertrauen ihnen und nehmen vieles in Kauf, um dem Visionär zu folgen. Sie sind so vom Endprodukt überzeugt, dass sie an der Entstehung beteiligt sein wollen.

Das war bei Apple ähnlich. Die Identifikation mit den Produkten überlagerte den Ärger über zu strenge Kontrolle. Es ist spannend zu beobachten, was jetzt – nach dem Tod von Steve Jobs – passiert. Sein Nachfolger kann den Führungsstil nicht übernehmen, weil sich die Mitarbeiter nicht so stark mit ihm identifizieren. Er muss sich das Vertrauen erst erarbeiten.

Professor Malte Brettel leitet den Lehrstuhl Wirtschaftswissenschaften für Ingenieure und Naturwissenschaftler an der RWTH Aachen

Wir haben eine Studie durchgeführt, die eindeutig zeigt: Mikromanagement funktioniert nicht. Bei Firmen mit maximal 20 Mitarbeitern vielleicht gerade noch, weil der Unternehmer alles im Blick haben kann. Sobald die Firma wächst, muss sich der Gründer vom Mikromanagement verabschieden. Erstens weil er Zeit für andere Dinge braucht. Zweitens weil er nicht mehr alle Prozesse perfekt durchschaut und beherrscht. Im Zweifel bringt er mit seinem Eingreifen Chaos in die Abläufe.

Stellen Sie sich vor, Sie gründen eine Website, die Tierfutter verkauft. Anfangs packen

Sie alle Päckchen selbst, gehen ans Telefon, beantworten E-Mails. Irgendwann werden es zu viele Päckchen. Sie müssen einem Mitarbeiter erklären, wie er packen soll. In der dritten Phase sind es so viele Päckchen, dass Sie keinen Überblick mehr haben. Wenn Sie jedem neuen Mitarbeiter alles selbst erklären würden, hätten Sie kaum noch Zeit für wichtigere Aufgaben wie strategische Planung und Innovation.

Verheddern Sie sich nicht in Details und im Alltagsgeschäft! Es ist schädlich für ein Unternehmen, wenn alle auf den Chef hören, der keine Ahnung mehr hat. Sie verpassen strategische Weichenstellungen und behindern Wachstum.

Bei der Einführung von neuen Produkten sieht das anders aus. Da können Sie zu Beginn jedes Detail beaufsichtigen. Im Alltag sollten Sie aber der Routine Ihrer Mitarbeiter vertrauen und die Kontrolle aus der Hand geben.

Das hat Steve Jobs bei Apple auch getan. Er war sehr dominant, aber nur in ausgewählten Bereichen. Er hatte grandiose Visionen, mit denen er fast immer recht behalten hat. Bei denen hat er sich um jedes Detail gekümmert, das Alltagsgeschäft aber aus der Hand gegeben. Das empfiehlt sich auch für kleine und mittlere Unternehmen, die meist sehr an der Person des Unternehmers hängen. Ähnlich wie Steve Jobs kann ein Mittelständler seine Mitarbeiter durch Visionen und Ideen mitreißen. Vom Alltagsgeschäft lassen Sie aber lieber die Finger!

Professor Jürgen Weibler führt an der Fernuniversität in Hagen den Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre. Seine Schwerpunkte: Personalführung und Organisation

Es gibt immer wieder Unternehmer oder Vorgesetzte, die versuchen, noch das letzte Detail genau zu bestimmen. Dieses Verhalten kann unterschiedlicher Motivation entspringen: Der Ängstliche will Fehler vermeiden. Er versucht krampfhaft, die Kontrolle zu behalten. Der Selbstherrliche denkt, dass keiner außer ihm vernünftige Arbeit leisten kann. Der Unterdrücker will seine Mitarbeiter daran hindern, sich zu entfalten. Ihm geht es um Machtausübung.

Das sind die häufigsten Fälle, und wenn extremes Mikromanagement derart motiviert ist, wird es nicht oder bestenfalls kurzfristig zum Erfolg führen. Ein spezieller Fall ist der Künstler, der eine ganz klare Vorstellung davon hat – und auch als Einziger haben kann -, wie das Produkt am Ende aussehen muss. Der Künstler muss zwangsweise bis zum Schluss korrigieren und Dinge immer wieder umschmeißen. Steve Jobs fiel sicherlich in diese Kategorie, aber auch ein Modedesigner wie Karl Lagerfeld lebt von einer klaren Vorstellung, die nicht mehrheitsfähig ist. In diesen Fällen ist Mikromanagement geradezu die Voraussetzung für den Erfolg. Das ist aber eher die Ausnahme.

Wir wissen aus unterschiedlichen Studien, dass sich die meisten Mitarbeiter wünschen, kooperativ oder delegativ geführt zu werden. Sie wünschen sich Freiräume, wollen kreativ an Lösungen arbeiten und Verantwortung übernehmen. Strenge Überwachung und ständige Kritik an Details führen dazu, dass sie mit Widerstand und Frustration reagieren. Sie ziehen sich zurück und kündigen innerlich.

Diese sogenannte Reaktanztheorie, die erklärt, warum und wie Menschen auf die Einengung ihrer Handlungsspielräume reagieren, ist auch von der Leadership-Forschung immer wieder bestätigt worden. Und auch eine andere Beobachtung haben wir in der Praxis gemacht: Oft führen Unternehmer autoritärer, als sie selbst geführt werden wollen. Versuchen Sie, nicht alles zu kontrollieren. Trauen Sie Ihren Mitarbeitern etwas zu!

Haben Sie Fragen?
Tauchen in Ihrem Alltag als Unternehmer auch Fragen auf, auf die Sie gern eine Antwort hätten? Dann schreiben Sie uns, am besten per Mail an wissen@impulse.de. Wir machen uns für Sie auf die Suche nach den besten Experten.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *