Management Wirtschaftsliteratur: „Mythos Fachkräftemangel“

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Viele Unternehmer seien selbst daran schuld, dass sie keine qualifizierten Mitarbeiter fänden, sagt Autor Martin Gaedt. Und liefert in seinem Buch "Mythos Fachkräftemangel" ein paar handfeste Verbesserungsvorschläge.

Buchcover
Mythos Fachkräftemangel


Was auf Deutschlands Arbeitsmarkt gewaltig schiefläuft


Martin Gaedt


Wiley, 240 Seiten, 19,99 Euro


Inspiration ♦♦♦♦♦
Nutzwert ♦♦♦♦
Lesbarkeit ♦♦♦♦

Ein derart unverfrorenes Kerlchen war dem Geschäftsführer bei der Einstellung von Auszubildenden noch nicht untergekommen. Als er den besten Kandidaten persönlich mitteilte, dass sie nun in der engeren Wahl seien, erwiderte ein 16-Jähriger keck: „Ich gratuliere Ihnen auch. Sie sind bei mir ebenso in der engeren Wahl.“ Dem Geschäftsführer fiel die Klappe runter. Und er entschied: Der kriegt die Stelle nicht. Tenor: Der tanzt mir sonst nur auf der Nase herum.

Autor Martin Gaedt hat eine Fülle solcher Geschichten gesammelt und sie in seinem Buch über den Mythos vom Fachkräftemangel zusammengetragen. Die Episode steht seiner Meinung nach stellvertretend für eine der wahren Ursachen des Fachkräftemangels: die Unfähigkeit vieler Unternehmer, ein professionelles Personalmanagement zu installieren, und ihre Unfähigkeit, oft auch ihr Unwille, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren, häufig sichtbar in lieb- und konzeptionslos zusammengedengelten Webseiten. Kurz: Die meisten haben einfach noch nicht begriffen, dass sich der Arbeitsmarkt in vielen Branchen und Regionen längst gedreht hat. Der Unternehmer ist nun derjenige, der sich beim künftigen Mitarbeiter bewerben muss.

Der Buchtitel ist etwas irreführend, ist der Fachkräftemangel doch kein Mythos, sondern real. Allerdings ist er vorrangig ein Problem der Verteilung. Der Großteil der Arbeitskräfte bewirbt sich laut Gaedt bei 0,4 Prozent der deutschen Unternehmen, den rund 14 000 bekannten Konzernen. Bei knapp 3,6 Millionen der deutschen Unternehmen, 96 Prozent der deutschen Wirtschaft, will hingegen kaum einer anheuern. Weil das die kleinen und mittelgroßen Firmen sind, die keiner kennt. Das zu ändern könnte ein Anfang sein, etwa durch Internetauftritte, die das Alleinstellungsmerkmal der Firma erklären. Inspiration liefert zum Beispiel die Firma Vierol aus Oldenburg. Der Autozulieferer suchte händeringend Wissenschaftler. Das Problem: Die wohnen in der Regel in Bremen. Also bot Vierol den Bewerbern eine Bahncard 100 an. Und baute das neue Entwicklungszentrum direkt am Bahnhof.

 
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1 Kommentar
  • Bettina Schöbitz | Respektspezialistin 27. Juni 2014 18:24

    Ja, das mit dem Fachkräftemangel sehe ich als Respektspezialistin auch sehr kritisch. In vielen Fällen ist genau dieser nämlich „hausgemacht“. Indem (potentielle) Mitarbeiter schlicht respektlos (bewusst oder oft auch unbewusst) oder mit einem Mangel an Wertschätzung behandelt werden.

    Lars Hahn von LVQ und ich schrieben dazu unlängst ein Blogduett (http://www.respektspezialistin.de/fachkraeftemangel_blogduett/), welches eine ähnliche Position einnimmt wie Martin Gaedt in seinem Buch. Fakt ist: Echter Fachkräftemangel existiert derzeit nur in wenigen Branchen wie beispielsweise bei Ingenieuren oder in der IT.

    Das, was andere Branchen wie zum Beispiel Health Care (früher hieß das noch Medizin) oder Personaldienstleistung als Fachkräftemangel bezeichnen ist in meinen Augen kein echter Fachkräftemangel, sondern eine bewusste Entscheidung gegen menschlichen Umgang und leistungsgerechte Bezahlung. Ich nenne das einen „gebilligten“ Fachkräftemangel. Denn hier geht es vordergründig um Geld und erst dann um den Menschen – ganz bewusst und mit klarer Absicht.

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