Management Wirtschaftsliteratur: Europas Strippenzieher

Ein unterhaltsam geschriebener Inside-Report offenbart, wer in Brüssel wirklich das Sagen hat - und räumt nebenbei so manches Vorurteil über die Europäische Union beiseite.

BuchcoverEuropas Strippenzieher


Wer in Brüssel wirklich regiert

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Cerstin Gammelin, Raimund Löw


Econ, 384 Seiten, 19,99 Euro


Inspiration ♦♦♦♦♦
Nutzwert ♦♦♦♦
Lesbarkeit ♦♦♦♦♦

Kennen Sie Catherine Day? Die Irin ist eine der einflussreichsten Frauen Europas. Day entscheidet, über was die EU-Kommission verhandelt und über was nicht: Als Generalsekretärin gilt sie nicht wenigen als allmächtig. Die „Jeanne d’Arc der Bürokratie“, wie Bewunderer sie nennen, sei morgens um 5 Uhr die Erste im Büro, und um 23 Uhr die Letzte, wissen die beiden Brüssel-Korrespondenten Cerstin Gammelin („Süddeutsche Zeitung“) und Raimund Löw (ORF) zu berichten. Das Autoren-Duo hält das auf dem Buchcover gegebene Versprechen und erklärt, „wer in Brüssel wirklich regiert.“

Es geht um Gipfel und Geheimpapiere, Lobbyisten und Lügner, Mauscheleien und Machenschaften. Oft anekdotisch und nah am Geschehen, manchmal haarsträubend, aber nie polemisch gehen die Autoren zwar hart mit dem „Ufo Brüssel“ ins Gericht, lassen aber stets klug die Fakten sprechen; im Gegensatz zu vielen Europa-Kritikern von CSU bis AfD im EU-Wahlkampf. Deren Forderung, dass Deutschland endlich mehr Gewicht in Brüssel bekommen müsse, weil die Stimmverhältnisse der einzelnen EU-Länder nicht der Bevölkerungsgröße entsprechen, enttarnt das Buch nebenbei als Nonsens.

„Berlin, die heimliche Hauptstadt Europas“, heißt ein Kapitel, „Monarchin – Angela Merkel regiert Europa“ ein anderes. In der Euro-Krise setzt Deutschland durch, was es sich wünscht, notfalls auch gegen den Willen der anderen, das ist der Tenor. Und wer was von Europa will, der fliegt sowieso nach Berlin: Als der chinesische Premierminister in die EU reist, da schickt er nur seinen Handelsattaché nach Brüssel. Er selbst verhandelt in Berlin mit der Kanzlerin – Europa, das ist für Peking Deutschland.

Das fast 400 Seiten dicke Buch ist mehr Reportage als Sachbuch und liest sich auch deshalb so unterhaltsam, weil die beiden Autoren mit vielen uns allen vertrauten Vorurteilen aufräumen, etwa mit der angeblich „überbordenden Bürokratie“: 60.000 EU-Beamte für 506 Millionen Bürger? Das klingt nach viel, ist es aber nicht: Allein das Land Berlin hat fast 73.000 Staatsdiener – für 3,5 Millionen Einwohner.

Dieser Lesetipp stammt aus dem impulse-Magazin.

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