Management „Zu scheitern ist in Deutschland ein Tabu“

Attila von Unruh war jahrelang als Unternehmer erfolgreich. Die Insolvenz 2005 kam für ihn völlig unerwartet. Von Unruh hat alles verloren – und sich zurückgekämpft. Seine Selbsthilfegruppen, die „Anonymen Insolvenzler“, haben inzwischen Tausende Menschen besucht. Heute weiß er, wie sich der komplette Ruin vermeiden lässt.

impulse: Neigen Unternehmer dazu, zu lange an ihre Firma zu glauben?

Attila von Unruh: Wer nicht an sein Unternehmen glaubt, wird keinen Erfolg haben. Kritisch wird es, wenn das Unternehmen in eine Krise gerät. Dann neigen gerade die Inhaber von mittelständischen Unternehmen dazu, die Augen vor der Realität zu verschließen und folgen zu lange dem Prinzip Hoffnung. Schließlich haben sie sehr viel Herzblut und Arbeit in den Aufbau der Firma gesteckt. Das ist sehr emotional.

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Dass eine Firma pleitegeht, ist die eine Sache. Warum aber rutschen so viele Unternehmer dann auch in die Privatinsolvenz?

In der Regel muss der Unternehmer mit seinem Privatvermögen haften, um eine Finanzierung durch die Bank zu bekommen. Dadurch hat er bei einer Krise Angst, alles zu verlieren, und hält so lange wie möglich am Unternehmen fest. So verpasst man die Chance, rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Welche Maßnahmen könnten das sein?

Attila von Unruh

Attila von Unruh

Natürlich konsequentes Gegensteuern in der Geschäftsführung, auch mit Unterstützung durch externe Experten. Wenn das nicht möglich ist, ist es wichtig das Insolvenzverfahren oder das Schutzschirmverfahren rechtzeitig einzuleiten. Denn auch die können eine gute zweite Chance für die Sanierung eines Unternehmens sein. Aber diese Entscheidungen werden oftmals hinausgezögert bis alle finanziellen Mittel verbraucht sind und der Unternehmer vor dem Ruin steht.

Welche Möglichkeiten gibt es, zumindest Haus und Hof vor den Banken zu schützen?

Man sollte eine Rechtsform mit beschränkter Haftung wählen und keine persönlichen Bürgschaften eingehen, wenn für ein Darlehen bereits andere Sicherheiten zur Verfügung stehen. Hier muss man mit den Banken verhandeln, und darauf bestehen, dass Ehegatten nicht mitbürgen. Bürgschaften sollten zudem immer zeitlich befristet sein und möglichst nur in Form einer Ausfallbürgschaft übernommen werden, nicht in Form einer selbstschuldnerischen Bürgschaft.

Hilft es, das persönliche Eigentum auf den Ehepartner zu übertragen?

Das kann man machen – die Übertragung muss dann aber früh erfolgen, mehrere Jahre bevor man zum Beispiel einen Kredit bei der Bank aufnimmt. Natürlich besteht auch das Risiko, dass man sich trennt. Daher sollte man einen Ehevertrag formulieren und bei Immobilien ein Wohnrecht vereinbaren. Es müssen zudem die sehr schwierigen Fragen der Gläubigerbenachteiligung bedacht werden.

Können die Gläubiger denn zum Beispiel ein an die Ehefrau übertragenes Haus zurückfordern?

Ja, die Insolvenzanfechtungstatbestände sind in der Vergangenheit deutlich verschärft worden und geben dem Insolvenzverwalter weitreichende Möglichkeiten, vor der Insolvenz übertragende Vermögensgegenstände zurückzufordern. Mein Fazit: Rechtzeitige Beratung zu diesen Fragen – möglichst schon bei der Unternehmensgründung und nicht erst in der Krise.

Warum sind Sie damals eine persönliche Bürgschaft eingegangen?

Weil ich an meine Sache geglaubt habe und als Unternehmer schon viele Millionen erfolgreich finanziert und zurückbezahlt hatte. Es war für mich eine reine Formsache geworden, zu haften. Das Risiko war schließlich gut kalkuliert und auch die Banken waren vom Konzept in hohem Maße überzeugt. Außerdem gab es damals keine andere Möglichkeit, Darlehen zu bekommen.

Was ist dann passiert?

Ein Geschäftspartner wurde zahlungsunfähig. Er schuldete mir einen großen Betrag, so dass auch ich meine Verbindlichkeiten nicht mehr bezahlen konnte. Ich habe mir dann leider keine richtige Beratung geholt, sondern bin zu meinem Hausanwalt gegangen. Der war aber kein Experte im Bereich Insolvenzrecht. Ich habe zu spät reagiert.

Inwiefern sind bei einem insolventen Unternehmer auch Partner und Kinder mitbetroffen?

Grundsätzlich müssen sie nicht für die Schulden des Unternehmens aufkommen. Es sei denn, sie haben für Kredite unterschrieben oder haben Bürgschaften übernommen. Allerdings kann eine Unterhaltspflicht bestehen, das heißt, der Ehemann oder die -frau muss für den insolventen Partner aufkommen. Riskant wird es, wenn Familienmitglieder als Mitgesellschafter persönlich haften, etwa in Rechtsformen mit persönlicher Haftung, zum Beispiel bei einer GbR. Bei anderen Rechtsformen können Familiengesellschafter zur Kasse gebeten werden, wenn die Kapitaleinlagen noch nicht erbracht wurden. Die kann der Insolvenzverwalter dann einfordern.

Wie kann man das verhindern?

Das geht nur, indem man Angehörige erst gar nicht mithaften lässt und man bestimmte Vermögensteile, zum Beispiel das Eigenheim der Familie, bei der Haftung ausschließt.

Welche Möglichkeiten gibt es allgemein, die persönliche Haftung gering zu halten?

Zunächst sollte man alle Kreditverträge, Bürgschafts- und sonstige Vereinbarungen vor Abschluss ausführlich von einem Experten prüfen lassen. Mit ihm sollte man auch das Krisenszenario Insolvenz gedanklich mit allen Konsequenzen durchspielen. Dabei ist wichtig, das gesamte Geschäftsmodell zu betrachten, also auch zu prüfen, welche Verpflichtungen man im Ernstfall durch Arbeits-, Miet- oder sonstige Verträge hätte. Unternehmern ist hier ihre Verantwortung oftmals nicht in vollem Umfang bewusst.

Wo bekommt man bei drohender Insolvenz kompetente Hilfe?

Meine Erfahrung ist, dass es leider viele unseriöse Anbieter gibt, die nur viel Papier produzieren und ansonsten Profit aus der Not der Unternehmer ziehen wollen. Hausanwälte und Steuerberater sind oft nicht auf Insolvenz und Sanierung spezialisiert. Ich empfehle deshalb, Fachanwälte und Sanierungsexperten. Neben der Fachberatung ist aber auch eine emotionale Unterstützung wichtig.

Was meinen Sie damit?

Zu scheitern ist in Deutschland ein Tabuthema. Daher ist es wichtig, mit anderen Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Diese sind zum Beispiel im BV INSO organisiert, im „Bundesverband Menschen in Insolvenz und neue Chancen“. Der gemeinnützige Verband bietet bundesweit Informationsveranstaltungen, Gesprächsgruppen und Einzelberatungen an. Je früher sich Unternehmer Unterstützung holen, desto besser sind die Chancen, die Krise zu meistern.

 

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1 Kommentar
  • Die Insolvenzler 23. Dezember 2013 10:14

    Wir sind ein Zusammenschluss von Deutschen und Österreichern in England, welche selbst aus diversen Umständen in eine finanzielle Schieflage geraten sind.
    Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Menschen die in Deutschland als auch in Österreich leben und mit ihrer Schuldensituation nicht mehr klar kommen, zu helfen. Wir möchten zeigen, dass es Wege aus dem Teufelskreis der Schulden gibt und möchten appellieren an beispielsweise Ehepaare, stressfreier mit sich in einer solch schwierigen Phase des Lebens umzugehen. Denn auch wir haben diese Krisenzeit letztendlich überstanden und führen wieder ein Leben, ohne Angst vor Gerichtsvollziehern zu haben.

    Wichtig dabei ist die Menschen auch emotional zu unterstützen, wir haben deshalb die erste Selbsthilfegruppe in England gegründet, „Die INSOLVENZLER – Hilfe von Mensch zu Mensch.

    Hier helfen Betroffene, reden miteinander, unterstützen sich gegenseitig und haben einen geschützten Raum, um über ihre Situation zu reden.
    Wenn Sie sich im Internet umschauen werden Sie eine Fülle von Anbietern unterschiedlichster Art und Struktur finden – von z.B. deutschen Anwälten die ihre Dienste anbieten, bis hin zu Agenturen welche mit Netzwerken in England glänzen.

    Jeder einzelne von uns Insolvenzlern hat seine eigene Erfahrung mit diesen Dienstleistern gemacht. Und jeder einzelne brachte seine individuelle Lebensgeschichte mit ganz unterschiedlichen finanziellen Ausgangssituationen mit nach England. Und manche von uns mussten einige Tiefschläge hinnehmen, weil die Beratungsleistung derer, die Geld dafür bekommen haben, um zu helfen, nicht eingehalten wurde. Dies gilt auch für großzügig gemachte Versprechen in deren Erstgesprächen.

    Wir wollen nicht, daß jemand die gleichen Fehler begeht und helfen mit unserer Erfahrung.

    Die INSOLVENZLER

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