• Zusammen ist man weniger allein

    Viele Gründer setzen auf Office-Sharing. Die flexiblen Großraumbüros locken mit günstigen Mieten in bester Lage - und wertvollen Kontakten.

    Beim würzigen Bohneneintopf mit Chorizo treffen die neue und die alte Arbeitswelt aufeinander. Die Vertreter der alten Welt tragen gelbe Bändchen mit ihren Hausausweisen um den Hals. Fast wortlos löffeln sie ihr Mittagessen. Einen Tisch weiter plaudert fröhlich die neue Welt. Bei Lemonaid, Fritz-Kola und Club-Mate dreht sich das Gespräch um Geschäftsmodelle, Internetseiten und Partys.

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    Ein Sammelplatz für Kreative

    Das Café liegt im Erdgeschoss eines Bürohochhauses an der Venloer Straße in Köln. Vier der 13 Stockwerke sind seit Jahren fest in der Hand einer Tochtergesellschaft der Deutschen Post. Im April 2011 eröffnete der willkommene Kantinenersatz – und mit ihm das Betahaus Köln auf der ersten Etage. Seitdem sehen die Konzernangestellten ständig neue Gesichter. Freiberufler, Unternehmer, Studenten: Das erste Stockwerk hat viele Untermieter, und ihre Zusammensetzung ändert sich täglich.

    Mit seinen 500 Quadratmetern ist das Betahaus Köln einer der größten sogenannten Coworking-Spaces in Deutschland. Der etwas sper­rige Begriff bezeichnet in der Regel ein Großraumbüro, in das man sich tage-, wochen- oder ­monatsweise einmieten kann. Gegen die Nutzungsgebühr gibt es einen Platz an einem der großen Schreibtische, eine kabellose Internetverbindung – und die Aussicht, immer neue Leute kennenzulernen.

    “Insbesondere Selbstständige und Kleinunternehmer aus der Kreativwirtschaft wählen Coworking-Spaces als Arbeitsorte”, sagt Carsten Foertsch, Mitgründer der Büroplatz-Vermittlungsagentur Deskwanted. “Sie arbeiten hier in der Regel produktiver, erweitern ihre Netzwerke, frischen ihr Wissen auf und können letztlich ihre Einkommen steigern.”

    Wo und wann genau der erste Coworking-Space gegründet worden ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Fest steht: Immer mehr ­Menschen finden Gefallen am Arbeitsplatz ­zwischen wechselnden Kollegen. Bei einer Zählung im August hat Deskwanted über 160 Coworking-Büros in Deutschland gefunden – nicht nur in den Großstädten, sondern auch in Aachen, Friedrichshafen oder Würzburg. Weltweit wurden fast 1800 Coworking-Spaces ausgemacht. Ihre Zahl hat sich seit 2006 jedes Jahr verdoppelt.

    In Köln arbeitet Sprachtrainerin Eva Schuster seit ein paar Monaten regelmäßig im Betahaus. Das Café in der ersten Etage nutzt sie oft für ihren Englischunterricht. “Vor allem meine jüngeren Schüler kommen gern hierher”, sagt Schuster. Nötig wäre das nicht, meist hält sie ihre Stunden über den Internet-Telefondienst Skype ab. Mit ihren 57 Jahren fällt Eva Schuster etwas aus dem Rahmen, ihre Büronachbarn sind meist um die 30 Jahre alt. Sie alle verbindet, dass sie zum Arbeiten nicht viel mehr als einen Laptop brauchen. Und sie eine ein “gemeinsamer Spirit”, sagt Schuster: “Hier machen alle Leute etwas aus Leidenschaft. Statt sich als Festangestellte von Urlaub zu Urlaub zu schleppen, gehen sie als Selbstständige Risiken ein.”

    Die Sprachlehrerin hat lange in den USA gelebt, war zuletzt kaufmännische Leiterin bei einem Schmuck­importeur. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland startete sie in die späte Selbstständigkeit – zunächst am Küchentisch. Jetzt flüchtet sie mit Mehrtageskarten fürs Betahaus aus dem Homeoffice. “Ich hatte Angst, zu Hause verrückt zu werden”, sagt sie. “Es ist gut, mit Gleichgesinnten sprechen zu können.”

    Lieber Lärm und Leute als Privatsphäre

    Tatsächlich ist “Interaktion mit anderen” der wichtigste Grund für Coworking, wie eine weltweite Erhebung von Deskwanted ergeben hat. Demnach haben die meisten der über 1500 Befragten vorher von zu Hause aus gearbeitet oder saßen als Angestellte in einem normalen Büro. Die mangelnde Privatsphäre und den für Großraumbüros typischen Lärmpegel empfindet nur eine Minderheit als Nachteil.

    Auch der ehemalige Unternehmensberater Alexander Kölpin und der Internetunternehmer Christoph Gerlinger entschieden sich für einen Platz im Großraumbüro, als ihre Pläne für die gemeinsame Risikokapitalfirma German Start­ups Group konkreter wurden. Bis sie eigene Räumlichkeiten gefunden haben, wollen sie im Berliner St. Oberholz bleiben. Der Coworking-Space liegt direkt über dem gleichnamigen W-Lan-Café in Berlin-Mitte. “Für uns ist die Lage perfekt”, sagt Kölpin. “Hier in der Rosenthaler Straße konzentriert sich die Gründerszene Berlins.” Über dem Café fanden Kölpin und Gerlinger beim Einzug im Juni fünf andere Startups vor. Dazu freiberufliche Programmierer und Designer – “ein ganzes Ökosystem”, schwärmt Kölpin. Den Begriff Coworking dürfe man wörtlich nehmen: “Mit einem der Startups hier hat sich für uns direkt eine Zusammen­arbeit ­ergeben.”

    Zur Vernetzung tragen neben der räumlichen Nähe auch die von den Betreibern organi­sierten Vortragsreihen, Diskussionsrunden und Partys bei. Flankiert werden die Angebote von Facebook-Seiten und Blogs. Im September gab es sogar eine “Coworking Week”, für die sich Betreiber in verschiedenen Städten zusammengetan haben. Das Motto klingt wie ein Manifest: “Wir nennen es Zukunft der Arbeit.”

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse.de
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