Nikolaus Förster Medienlab New York City: Neue Technologien, alte Geschäftsmodelle

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So fremd einem Amerika auch wird, wenn man daran denkt, wie leichtfertig der Staat dort Freiheitsrechte aushebelt – so faszinierend ist doch zugleich, wie stark die „Neue Welt“ Europa voraus ist, wenn es um Technologie und Konsumtrends geht. Eine knappe Woche lang war ich, auf Initiative des „Medium Magazins“ (http://www.mediummagazin.de/), mit einem Dutzend deutscher Chefredakteure in New York, besuchte Medien-Flaggschiffe wie das „Wall Street Journal“, die „New York Times“ oder „Forbes“, lernte die Macher von Portalen wie „Buzzfeed“ (http://www.buzzfeed.com/), „Gawker“ (http://gawker.com/) oder „Quartz“ (http://qz.com/) kennen, dazu eine Handvoll Medien-Startups, die neue Formen des Erzählens erproben, Investigativprojekte starten oder, als Gegenentwurf, alles daran setzen, im Internet neue Reichweitenrekorde zu erzielen – nach dem Motto: Erfolgreich ist, was geklickt wird. Und bitte schön: Was ist schon gegen grinsende Katzen einzuwenden?

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Wer in den USA mit Akteuren, Beobachtern und Investoren spricht, erhält einen ziemlich guten Einblick in das, womit Medienunternehmer gerade kämpfen – und wo sie ihr Heil suchen. Auf der einen Seite – das kommt einem bekannt vor – die großen Verlage, die sehr genau wissen, wie prekär ihre Lage ist: Mit ihren angestammten Produkten, Zeitungen oder Magazinen, Geld zu verdienen, fällt ihnen zunehmend schwer. Und ihre traditionellen Strukturen umzubauen, ist für sie auch kein Kinderspiel. Kein Wunder, dass vor allem unter jüngeren Unternehmern nur noch von sogenannten „legacy“-Medien die Rede ist: ein Begriff (siehe http://www.linguee.de/englisch-deutsch/uebersetzung/legacy.html) mit wenig schmeichelhaften Bedeutungen:

legacy Substantiv

Erbe nt

Vermächtnis nt

Hinterlassenschaft f

Erbschaft f

Legat nf (Recht)

Altlast f

Altlast? Viele sehen kaum mehr eine Chance für die einstigen Flaggschiffe und wenden sich flugs neuen Experimenten zu: scheinbar unbeschwerte Medien-Startups, die – frei von Tradition – neu starten, mit Papier erst gar nicht anbandeln, im World Wide Web austesten, was funktioniert, sich an steigenden Klickzahlen berauschen, langsam neue Marken etablieren – und doch ein erschreckend altes Geschäftsmodell propagieren: Reichweite ausbauen und vermarkten. Einige haben Journalismus als Geschäftsmodell längst abgeschrieben, sie konzentrieren sich auf die Entwicklung neuer Tools und Portale und freuen sich, dass andere – auf ihre eigenen Kosten – Inhalte erstellen. „We stay away from creative content“, sagt zum Beispiel Betaworks-Chef John Borthwick (http://betaworks.com/), der mit seinen Teams Startups entwickelt (Digg etc.) und finanziert (Twitter etc.), „the economies are just terrible.“

Medienlab New York City – welche Lehre also nehme ich zurück in den Industriehof in Hammerbrook? So faszinierend es ist, wie gerade die neuen Akteure Technologie einsetzen, etwa für Datenanalysen, attraktive Visualisierungen oder Multimediaprojekte (da haben wir noch einiges aufzuholen), so traditionell agieren sie zugleich strategisch: Wer daran glaubt, dass Reichweitenmaximierung und –vermarktung alleine ein gutes Fundament zur Finanzierung von Qualitätsjournalismus bieten, wird wohl mit glühenden Augen und vernebeltem Kopf nach Deutschland zurückkehren. Ich glaube nicht daran. Ich vertraue auf etwas sehr Traditionelles: dass ein Geschäftsmodell dann langfristig funktioniert, wenn Kunden tatsächlich für das zahlen, was sie erhalten (was im Journalismus immer weniger die Regel ist), weil sie dadurch einen realen Nutzen haben (auch das: eine Ausnahme).

Die bittere Wahrheit ist: Für vieles, was Journalisten heute produzieren, lässt sich kaum mehr Geld verlangen – weil vergleichbare kostenlose Angebote im Netz nur einen Klick entfernt sind. Man muss es ja nicht so radikal sehen wie Albert Wenger von der New Yorker Wagniskapitalfirma United Square Venture (http://www.usv.com/), der den Preis von Inhalten inzwischen mit „nahe Null“ bewertet – und nur noch Chancen für hochspezialisierte Inhalte sieht. Aber in der Tendenz hat er sicherlich Recht. Eine ernüchternde Analyse für Blätter, die alle und jeden anzusprechen versuchen.

Gut, dass Impulse nicht alle und jeden zu erreichen versucht. Sondern Unternehmer. Eine seltene Spezies – gerade in Deutschland.

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