18.08.2008

Arbeitsmarkt: In der Zange: Mindestlohn bedroht Zeitarbeit


© Catrin Moritz
Die Zeitarbeit ist ein Glücksfall für Deutschland: Die Branche hat zu einem großen Teil zum deutschen Jobwunder beigetragen. Und jetzt - im Konjunkturknick - bewahrt sie viele Unternehmen vor schlimmeren Folgen. Aber der Mindestlohn bedroht sie – und damit auch die Beweglichkeit der Unternehmen - wie der impulse-Praxisreport zeigt.

Es hämmert, es rattert, irgendwo frisst sich eine Säge durch Metall. Der Geruch von Eisen und Kühlschmierstoff hängt in der Luft. "So riecht es, wenn aus Stahl ein Produkt wird", sagt Bernd Kirschey. Er ist Geschäftsführer des Düssel­dorfer Familienunternehmens Centa. Hier werden Antriebswellen und Kupplungen für Ozeandampfer, Baumaschinen und Windräder gebaut. Centa schöpft, wie viele Unternehmen, seine Leistungsfähigkeit auch aus der Zeitarbeit. Aktuell sind 20 geliehene Kräfte in der Firma. Der Übergang zur Stamm-Mannschaft ist fließend. Jeder Zweite der 285 Mit­arbeiter jobbte vorher als Zeitarbeiter hier. "Die Leiharbeit ist unverzichtbar für unsere Personalstrategie", so Kirschey.

Ein großer Teil des deutschen Jobwunders geht auf das Konto der Zeitarbeit: Fast 500.000 Stellen hat die Branche seit 2002 geschaffen, keine war erfolgreicher. Nun geht die Volkswirtschaft in den Sinkflug - und es zeigt sich, dass das Modell nicht nur im Aufschwung taugt.

In Schwächephasen erweist sich die Zeitarbeit als Garant für eine weiche Landung. Der Bielefelder Ökonom Herwig Birg sagt: "Zeitarbeit verhilft Betrieben zu der Flexibilität, die im weltweiten Wettbewerb gefordert ist." Viele kleine und mittlere Firmen verkraften den Umsatzknick nur, weil sie dank Leiharbeit schnell Lohnkosten einsparen können.

Ausgerechnet jetzt wollen Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) einen Mindestlohn für die Branche durchpauken. Auch wenn es vordergründig nur um ein paar Cent zusätzlich pro Stunde geht, steht mehr auf dem Spiel. Für die Gewerkschaften geht es um ihre Vormachtstellung, für die SPD um die Platzierung eines Wahlkampfschlagers. Für die Zeitarbeit geht es an den Kern der Existenz: Ihre Finanzierbarkeit steht zur Disposition.

Mit Zeitarbeitern Flauten kompensieren

Hauptsache Applaus – Centa-Chef Kirschey macht die Politik wütend: "Die Verteufelung der Leiharbeit ist pure Volksverdummung." Sein Vater Gerhard hat die Maschinenbau-firma 1970 gegründet. Heute ist Centa auf einigen Feldern der Antriebstechnik Weltmarktführer und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von mehr als 65 Millionen Euro. "Ohne die Zeitarbeit hätten wir nicht so mutig wachsen können", sagt der 42-Jährige.

Bei der Expansion halfen aber nicht die vermeintlich niedrigen Löhne. "Zeitarbeit ist für uns kein geeignetes Mittel, um Arbeitskosten zu sparen", erklärt der Unternehmer. Kirscheys Zeitarbeiter bekommen vom Entleiher vielleicht 15, 20 Prozent weniger Gehalt als seine fest an­gestellten Kräfte - er weiß es selbst nicht genau, weil kaum jemand darüber spricht.

Doch seine Rechnung, die kennt er: Ein Leiharbeitnehmer kostet Centa schon heute bis zu 30 Prozent mehr als ein regulär Beschäftigter, weil der Vermittler mitverdient. "Was wir davon haben? Wir kommen unkompliziert und schnell an passende Arbeitskräfte", sagt Kirschey. So fängt Centa Auftragsspitzen ab und kompensiert Flauten. "Würden die Zeitarbeitslöhne überproportional steigen, könnten wir diese Flexibilität nur schwer bezahlen."

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