20.05.2008

Der Deutschland-Plan: Wie Unternehmer die soziale Marktwirtschaft retten


© Birgitta Kowsky für impulse
Zerstört der globale Superkapitalismus unser Wirtschaftssystem? Die Bürger sind verunsichert, die Politiker orientierungslos. Zum 60. Jahrestag von Ludwig Erhards Modell ergreifen die Unternehmer das Wort. In einer exklusiven impulse-Studie bekennen sie: Erfolgreiches Wirtschaften und Solidarität sind ein starkes Doppel. 78 Prozent verteidigen die Soziale Marktwirtschaft. Ihre wichtigste Forderung: Es muss sozialer zugehen.

Unternehmer Dieter Reitmeyer ist ein Revolutionär. Er kümmert sich um die, die es auf dem Arbeitsmarkt am schwersten haben: die älteren Arbeitslosen. Für sie führt normalerweise kein Weg in den Beruf zurück, wenn sie ihren Job einmal verloren haben. Anders bei Reitmeyer, Chef der Redi-Group, einem stark wachsenden technischen Dienstleister für die Automobilindustrie mit inzwischen 1500 Mitarbeitern: Er bietet Ausgemusterten eine zweite Chance. Sein Credo: "Wer Menschen führen will, muss Menschen mögen."

Auf eigene Kosten qualifizierte er 100 arbeitslose Ingenieure jenseits der 50 in einem "Training on the Job". 80 davon schafften es in die Festanstellung. Für die meisten war es der Weckruf in ein neues Leben, das Ende der Lethargie. Reitmeyer glaubt, ein Erfolgsmodell für ganz Deutschland gefunden zu haben. Um Zweifler zu überzeugen, zieht er das Ganze noch größer auf. Er will 550 Menschen, alt und arbeitslos, wieder in Arbeit bringen. Bis 2010 hält er sogar 4000 Jobvermittlungen für möglich.

Reitmeyer will eine Welle auslösen, die über die Republik rollt. Er sagt: "Ich war schon in 102 Ländern, aber ich kenne keines, wo die Menschen so viel Potenzial besitzen." Er glaubt an den Standort und dessen Prinzip - die Soziale Marktwirtschaft. "Wir finden unseren Erfolgsweg, damals wie heute."

Ein Optimist trotzt der Angst. Das Land fürchtet sich vor eiskaltem Weltkapitalismus, die Bürger sehen ihren Wohlstand schwinden und trauen der Sozialen Marktwirtschaft nicht mehr, die Volksparteien haben keine Kraft oder keinen Mut, etwas dagegenzusetzen – da macht sich ein Erfolgs­unternehmer diese Aufgabe zu eigen. Hat rheinischer Kapitalismus, also Ökonomie mit sozialem Maß, wirklich eine Chance gegen globalen Turbowettbewerb? Ja.

Die deutsche Marktwirtschaft widersteht Turbulenzen auf den Finanzmärkten und punktet erfolgreich gegen aggressive Auslandskonkurrenz. Sie ist Garant für den Wohlstand der Menschen. Und nicht nur Unternehmer Reitmeyer ist ihr feuriger Verfechter. Eine große Mehrheit der Wirtschaftsführer bekennt sich zum marktwirtschaftlichen und sozialen Modell – und lebt es in der Praxis. Das zeigt eine exklusive impulse-Studie. 78 Prozent der Unternehmer halten die Soziale Marktwirtschaft nach wie vor für zeitgemäß und für das beste Modell überhaupt. Weil sie nicht nur den größtmöglichen ökonomischen Erfolg für alle garantiert, sondern weil sie unsere Gesellschaft im Kern zusammenhält.

Die Ergebnisse basieren auf ausführlichen Interviews des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Dessen Chef Professor Manfred Güllner und sein Team haben 103 Familienunternehmer befragt, in allen Ecken der Republik, durch alle Branchen und über alle Unternehmensgrößen hinweg, da­runter auch Weltmarktführer mit mehr als 1000 Mitarbeitern.

Es lebe die Solidarität

Herausgekommen ist ein Bericht zur Lage und Zukunft der Nation. Denn die Unternehmer geben nicht nur Auskunft darüber, wo die Republik steht. Sie schreiben auch eine Reform­agenda für die Kernbereiche Politik, Steuern, Arbeitsmarkt, Sozialsysteme und Bildung. Und sie zeigen ihre Bereitschaft, persönlich als Vorbild vo­ranzugehen. So entsteht der Deutschland-Plan - von Wirtschaftslenkern entwickelt und dank ihrer Initiative örtlich oft schon Realität. impulse stellt beispielhaft fünf Unternehmer vor, die sich bereits in der gesellschaftlichen Debatte zurückgemeldet haben und die selbst zukunftsweisende Standards setzen.

Die Studie wischt mit verblüffenden Ergebnissen das weit verbreitete Vorurteil vom Tisch, Unternehmer seien die Abzocker der Na­tion - weil sie maximale Gewinne aus ihren Mitarbeitern pressen, dabei minimale Löhne zahlen wollen und am liebsten null Steuern. Das Gegenteil ist richtig. Mit ihren Visionen entwerfen sie eine Neue Soziale Marktwirtschaft, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen fair behandelt. Die Familienunternehmer treten an, für eine sozialere und gerechtere Gesellschaft zu kämpfen. Da sie nach eigenem Urteil in den letzten Jahren teils gut weggekommen sind, fordern sie jetzt den Nachschlag für ihre Leute.

So hat der Deutschland-Plan wenig mit den Sanierungsprogrammen der FDP und des CDU-Wirtschaftsflügels gemein. Und mancher Verband wird mit Schrecken erkennen, auf welch einsamem Ego-Trip er bislang unterwegs ist. Denn:


Eine Mehrheit der Unternehmer findet, dass nicht sie, sondern die Arbeitnehmer die Verlierer unseres Steuersystems sind. Ein Paukenschlag: 40 Prozent wären bereit, einen höheren Spitzensteuersatz zu akzeptieren, wenn mit den Einnahmen untere Einkommen entlastet würden.

In den Arbeitsbeziehungen hat ein gelockerter Kündigungsschutz längst keine Top-Priorität mehr. Familienunternehmer sorgen sich stärker um eine vernünftige Teilhabe der Beschäf­tigten an den Firmengewinnen.

Die Rente mit 67 ist den Familienunternehmer zufolge erst einmal He­rausforderung genug für Arbeitnehmer. Für zwingend erforderlich halten sie eine stärkere Steuerfinanzierung der Sozialkassen – damit würden sie sich selbst sogar der Vorteile von Beitragsbemessungsgrenzen und Privatversichertenstatus berauben.

Die meisten Firmenchefs wollen keine Privatisierung des gesamten Bildungssystems. Die Politik soll aber den Föderalismus überwinden und die Gesetzgebungshoheit für Bildung dem Bund übertragen.

Seite   1 | 2 | 3 | 

© 2008 impulse.de

Ihre Meinung

Ich bin registrierter User und möchte mich anmelden

Ihr Name
Ihre Email-Adresse (wird n. veröffentl.)
Betreff
Ihr Kommentar


Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück

Diesen Artikel bookmarken bei...

Tausendreporter BlinkList del.icio.us Folkd Furl Google Linkarena Mister Wong oneview Yahoo MyWeb YiGG Webnews