Die Rollen sind verteilt: Unternehmer und Spitzenmanager sind die Bösen, Politiker und Finanzbehörden die Guten in dem Kampf gegen die Steuermigranten – die Scheinheiligkeit hat Hochkonjunktur in diesen Tagen. Wer Steuern hinterzieht, muss bestraft werden, da gibt es kein Vertun. "Aber die Doppelmoral der Beteiligten ist unerträglich", beklagt der renommierte Sozialethiker Pater Wolfgang Ockenfels.
Natürlich gibt es Firmenchefs, die Geld in Liechtenstein oder auf den Cayman-Inseln vor dem Fiskus verstecken. Genauso wie es Architekten, Ärzte und Handwerker gibt, die im Kampf gegen Steuereintreiber Grenzen überschreiten. Doch seit dem Fall Zumwinkel steht die gesamte Wirtschaftselite unter Generalverdacht. Dabei spielen auch Politiker, Fahnder, Banker und Steuerberater in der Affäre Liechtenstein eine unrühmliche Rolle. Die Schlagzeilen gehören den Anklägern und den Kritikern – vom eigenen Versagen spricht keiner, alle schießen sich auf Deutschlands Unternehmer ein.
Sind die Unternehmer vielleicht zu empfindlich, bilden sie sich die Stimmungsmache nur ein? Inoffizielle Zahlen der Finanzverwaltung belegen das Gegenteil und zeigen: Die Steuerfahnder nehmen gezielt Großverdiener aufs Korn. So sank die Zahl der Ermittlungsfälle in den vergangenen acht Jahren zwar von 48.000 auf rund 40.000. Dennoch stieg die Summe der Steuernachzahlungen rasant von 1,5 Milliarden Euro auf fast zwei Milliarden Euro. Insgesamt wurden 1.600 Jahre Gefängnisstrafen verhängt – 60 Prozent mehr als noch vor acht Jahren. Eine Steilvorlage für Politikprofis, die wie SPD-Generalsekretär Hubertus Heil vermeintliche Steuersünder bereits als "neue Asoziale" beschimpfen oder vom "Abschaum der Menschheit" sprechen, wie Sozialdemokrat Klaus Uwe Benneter.
Derartige Beschimpfungen sind "unwürdig und unerträglich", wehrt sich Unternehmer Manfred Wittenstein, der als Präsident des Maschinenbauer-Verbands VDMA mehr als 3.000 Firmen vertritt. Von einem Verfall der Sitten bei Unternehmern oder Managern zu reden sei Unsinn, meint der Wirtschaftswissenschaftler Stefan Homburg. "Diese Verallgemeinerung ist völlig falsch", sagt der Steuerberater und Professor der Universität Hannover im Interview. Seit Jahrzehnten klagen Union, SPD und FDP über Steuerparadiese für Deutschlands Geldelite. Geschehen ist nichts. Während Berlin jetzt zum Angriff auf Vaduz bläst und dem Wahlvolk Entschiedenheit vorgaukelt, entstehen längst neue Oasen.
Kein Wort auch dazu, wie die Politiker selbst versagt haben beim Versuch, das konfuse Steuersystem zu entrümpeln. "Dabei ist Steuerhinterziehung ein Virus, das in allen Bevölkerungsteilen grassiert", sagt Unternehmer Patrick Adenauer. "Zwar ist ein Gesetzesverstoß nie zu rechtfertigen, gleichwohl sollten wir die Frage stellen, warum Kapital ins Ausland flieht." Die Antwort hört der Präsident des Verbands Die Familienunternehmer-ASU jeden Tag von Firmenchefs und deren Mitarbeitern: "Die Menschen sind frustriert über die Steuern und Abgaben, die auf den Früchten ihrer Arbeit lasten."
© 2008 impulse.de
Ihre Meinung
Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück






















Diesen Artikel bookmarken bei...