Ein klitzekleiner Fehler macht Manuel Krause stutzig. Als der Steuerfahnder ein Gutachten zum "Markteintritt in China" durchblättert, fällt ihm eine Fußnote auf. "Darin verwiesen die Autoren auf einen Artikel, der 2007 erschienen ist", erinnert er sich. In einem Gutachten, das aus dem Jahr zuvor, nämlich 2006, stammen soll? Kann nicht sein. "Das war für mich ein klares Indiz, dass es fingiert ist."
Krauses Jagdtrieb ist geweckt. Der Mainzer Fahnder, der seinen richtigen Namen nicht in der Presse lesen will, nimmt sich jede Seite vor, gibt Schlagworte bei Google ein, überprüft Fußnoten und Zitate. Bald steht fest: Das 275 Seiten dicke Papier, für das ein Unternehmer 250.000 Euro an eine Beratungsgesellschaft in Malaysia bezahlt hat, ist aus frei zugänglichen Internetquellen zusammenkopiert - und sein Geld nicht wert. So professionell die Gestaltung erscheint, so dünn ist der Inhalt. Krause ist sich nun sicher, dass der Verdacht des Betriebsprüfers, der kurz zuvor auf das Machwerk gestoßen war, richtig ist: Der Mittelständler wollte keineswegs den chinesischen Markt erobern. Er hat vielmehr Geld am Fiskus vorbei zu einer Briefkastenfirma transferiert - getarnt als Preis für ein exklusives Gutachten.
Das Schriftstück bringt die Fahnder auf die Spur des Deutschen Lutz A., der ein beachtliches Doppelleben führt. In Deutschland ist er bekannt als renommierter Gutachter in Steuersachen, der auf Tagungen auftritt und in Fachzeitschriften publiziert. Von der malaysischen Insel Labuan aus organisiert er mit Finesse Schwarzgeldtransfers für vermögende Deutsche. Diese Entdeckung löst eine Lawine von Razzien und einen der spektakulärsten Steuerskandale der Republik aus.
Zwei Jahre nach Krauses Fund haben die Fahnder Dutzende deutsche Unternehmer aufgespürt, die mithilfe von Lutz A. Geld zu Tarnfirmen auf Labuan und in Gibraltar schleusten. "Es gibt rund 100 Beschuldigte", sagt Holger Kriebel, Leiter der Mainzer Steuerfahndung. "Wir stoßen immer wieder auf neue Verdächtige." Die 50 abgeschlossenen Fälle hätten Steuernachzahlungen von 25 Mio. Euro gebracht - Geldstrafen nicht eingerechnet. Lutz A., auf den hierzulande viele Jahre Gefängnis warteten, flüchtete 2010 auf die Philippinen, wo er kurz darauf festgenommen wurde. Unmittelbar vor der Abschiebung nach Deutschland starb er. Die Todesursache ist unklar.
Das Doppelleben des "Gutachters"
Warum aber ließen sich honorige Geschäftsleute und Steuerberater auf illegale Deals ein, riskierten Haftstrafen und den Verlust ihrer Zulassung? Wer das verstehen will, muss sich den Werdegang und das Geschäftsmodell des Lutz A. genauer anschauen.
Irgendwann Anfang der 90er hat er die Nase voll vom Dasein als Finanzbeamter. 22 Jahre sind genug, er macht sich selbstständig und bezeichnet sich fortan als "Gutachter in Angelegenheiten des internationalen Steuerrechts". Zu einem Büro im heimischen Rheinland-Pfalz kommt 1992 die von ihm gegründete Gesellschaft Intercontinental Consultancy Services (ICS) mit Niederlassungen in Malaysia und Gibraltar. Das britische Offshore-Territorium Gibraltar ist schon seit Jahren eine beliebte Steueroase, die Insel Labuan erst, seit Malaysia sie 1990 zur Sonderwirtschaftszone erklärt hat. Als Lutz A. dort aufschlägt, hat sich das unter deutschen Steuerfahndern noch nicht so richtig herumgesprochen.
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