Beim Rundgang durch seinen Betrieb drückt Herbert Holtgreife aufs Tempo. Mit schnellen und präzisen Gesten skizziert er, wie er sich die neuen Abläufe in der Metallbearbeitung vorstellt: "Das müssen wir dringend neu ordnen", sagt er, obwohl die Halle einen gut organisierten Eindruck macht. "Das hier entspricht nicht meinen Vorstellungen von Perfektion." Nach einer kurzen Pause schiebt der 58-Jährige erläuternd nach: "Unser Betrieb platzt aus allen Nähten, aber wir können nicht schon wieder neu bauen." Also müssen die Abläufe in der Produktion besser werden. Die Mitarbeiter nicken. Sie kennen die Ansprüche des Chefs inzwischen, sein Tempo steckt sie an.
Typisch für Holtgreife: Er ist mittendrin statt nur dabei. Mit seiner Solarlux GmbH, die in Bissendorf bei Osnabrück Faltglasfassaden und Wintergärten herstellt, setzt er Maßstäbe als Firmenchef – mit Verve und Mut, aber auch Verantwortungsgefühl für die Belegschaft und den Standort. Dafür bekommt er den Hansgrohe-Preis 2007 "Mehr Unternehmen wagen" verliehen, den der gleichnamige Bad- und Sanitärspezialist und impulse erstmals ausgelobt haben.
Die Auszeichnung geht an Firmenlenker, die nicht nur erfolgreich sind, sondern auch unternehmerische Werte pflegen und nachhaltig wirtschaften. In dieser Tradition sieht sich der Sanitärausstatter aus dem Schwarzwald selbst.
Hartnäckiger Visionär
Unter mehr als 50 guten Bewerbungen stach die von Holtgreife hervor. "Der Preisträger setzt ein Zeichen, wie es bei aller unternehmerischer Tatkraft gelingt, Bodenhaftung zu behalten", sagt Juryvorsitzender Professor Axel G. Schmidt vom Institut für Mittelstandsökonomie der Uni Trier. Auf einer Feierstunde wurde der Solarlux-Chef geehrt.
Seit 25 Jahren produziert das Unternehmen Glaswände, die sich durch einen Präzisionsmechanismus auf ein Minimum zusammenfalten lassen, auseinandergezogen aber eine transparente Fassade ergeben. Die von der Konkurrenz zunächst belächelte Idee hat sich inzwischen weltweit durch-gesetzt. Hartnäckig glaubte Holtgreife an seine Vision, bearbeitete und überzeugte zunächst mühsam einzelne Architekten. Dann kam ihm auch der Zufall zu Hilfe: Glasfassaden wurden Ende der 90er Jahre international plötzlich schick. Aus dem 1983 gegründeten Zwei-Mann-Betrieb ist so ein starker Mittelständler mit weltweit 490 Beschäftigten geworden.
Allein in den vergangenen zwei Jahren schuf Holtgreife 120 neue Arbeitsplätze, die meisten in der niedersächsischen Zentrale. Der Umsatz kletterte um 43 Prozent nach oben auf 54 Millionen Euro, die Umsatzrendite lag bei fast neun Prozent. Dass Solarlux gegen den Branchentrend wächst, liegt vor allem an klugen und mutigen Innovationen. Die Grundlage für viele technische Entwicklungen und Patente legte Mitbegründer Heinz-Theo Ebbert, der 1990 überraschend starb. Von da an musste sich Holtgreife als "Nur-Kaufmann" auch hier bewähren. Er schuf ein kleines, hochkarätiges Entwicklerteam, dem er bis heute jeden erdenklichen Freiraum beim Tüfteln gibt. "Geht nicht, gibt’s nicht", heißt der Leitsatz. Zum Schwur kommt es am Ende gleichwohl. Von dem, was die Techniker entwickeln, interessiert den Chef nur eines: "Was hat der Kunde davon?" Lang dürfen die Antworten der Ingenieure für einen Tempomacher wie Holtgreife nicht sein: "Maximal eine Seite – so formuliert, dass ich es auch verstehe."
Freier Blick auf den Chef
Auch wenn allen in Bissendorf klar ist, wer letztlich das Sagen hat – Transparenz in den Abläufen ist allgegenwärtig. Das fängt schon bei der Architektur an. Mauern gibt es kaum in der Verwaltung, Glaswände erlauben den Blick in alle Büros – auch ins Chefzimmer. Sogar interne Zahlen gibt Holtgreife der Belegschaft preis: "Ein Grundgefühl für die unternehmerische Lage sollen alle bekommen." Ganz selbstverständlich lässt er sich – wie jeder Abteilungsleiter – regelmäßig von seinen Mitarbeitern beurteilen. Und so passt es in die Solarlux-Firmenwelt, dass statt eines Betriebsrats die Mitarbeiter lieber auf ein Netz von Vertrauensleuten setzen.
Holtgreife wäre nicht Holtgreife, wenn er nicht schon den Tag X seines Ruhestands in den Blick genommen hätte. Sein 32-jähriger Sohn Stefan soll dann übernehmen. Dieser hat die USA-Vertretung aufgebaut und ordnet gerade die heimische Schlosserei neu. Weitere Stationen sollen folgen. Credo des Vaters: "Das Geschäft soll von der Pike auf gelernt sein."
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