Recht + Steuern AIG: Das Recht, seinen Retter zu verklagen

Das Portal des Supreme Court in Washington.

Das Portal des Supreme Court in Washington.© bbourdages - Fotolia.com

AIG war der größte Versicherer der Welt, bis er in der Finanzkrise vor der Pleite bewahrt werden musste. Ex-Chef Hank Greenberg könnte über die Rettung froh sein - er hatte damals die meisten Aktien im Feuer. Stattdessen klagt er auf Schadenersatz in Milliardenhöhe.

Es klingt absurd: Eine Firma bringt mit ihren Spekulationen die ganze Weltwirtschaft ins Wanken, muss mit mehr als hundert Milliarden Steuergeld gerettet werden – und hinterher klagt der verantwortliche Unternehmenschef auf Schadenersatz. Doch der Fall ist nicht fiktiv und die Klage könnte Erfolg haben.

Die American International Group, kurz AIG, war einst der größte Versicherer der Welt. Ihr Ex-Chef, Maurice „Hank“ Greenberg: einer der ganz Großen an der Wall Street. Vor der Krise, die im September 2008 im Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers eskalierte, hatte AIG ein gigantisches Kartenhaus an riskanten Wertpapieren aufgebaut. Die Lehman-Pleite drohte, es einstürzen zu lassen.

Anzeige

AIG wurde vor dem Infarkt bewahrt. Mit mehr als 180 Milliarden Dollar (143 Mrd Euro) stützte die Regierung den Versicherungsriesen. Greenberg hätte froh sein können, doch stattdessen klagte er. Seit Jahren bemüht sich der mittlerweile 89-Jährige um einen Prozess, sieht sich von der US-Regierung erpresst und enteignet. Nun ist sein Fall auf der großen Bühne angekommen.

Showdown in Washington

Seit Anfang Oktober läuft der sechswöchige Showdown vor dem Bundesgericht in Washington. Staranwalt David Boies fordert mehr als 40 Milliarden Dollar Entschädigung für Greenberg und andere Aktionäre. Plötzlich sind sie wieder da, die Gesichter der Krise: Die Ex-Finanzminister Henry Paulson und Timothy Geithner müssen aussagen. Auch der ehemalige Notenbankchef Ben Bernanke.

Dabei hat das Trio auf den ersten Blick einen guten Job gemacht. Für die Regierung, die zwischenzeitlich mit mehr als 90 Prozent an AIG beteiligt war, hat sich die Rettung gerechnet. Unter dem Strich machte der Staat mit Aktien und Zinsen auf Hilfskredite einen Gewinn von 22,7 Milliarden Dollar. Doch die Krisenmanager haben möglicherweise entscheidende rechtliche Fehler gemacht.

Notkredite mit hohen Zinsen

Als Paulson, Geithner (damals noch als Chef der einflussreichen regionalen Notenbankfiliale von New York) und Bernanke den Versicherungsriesen aufpäppelten, waren sie alles andere als zimperlich. Die AIG-Rettung sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, sagt Greenberg. Regierung und Notenbank sollen die Bedingungen im Rambo-Stil diktiert haben, die Aktionäre hatten nichts zu melden.

Es stimmt: Firmenanteile gingen zu Schnäppchenkursen in Staatsbesitz über, allerdings waren die Aktien in der Krise auch kaum noch etwas wert. Doch auch Notkredite sollen AIG zu hohen Zinsen von 14 Prozent aufgedrückt worden sein. Paulson räumte bei seiner Anhörung am Montag harte Bedingungen ein. Härtere als für andere Finanzriesen, wie beispielsweise die Citigroup, die ebenfalls in Schieflage waren?

Greenberg wittert eine Verschwörung

Die Anklageschrift stellt die Motive der Retter in Frage. Denen sei es nie darum gegangen, AIG aus dem Schlamassel zu ziehen, sondern die Finanzakteure, für deren Schrottanleihen der Versicherer bürgte. Tatsächlich haben Großbanken wie Goldman Sachs, UBS, Société Générale, Merrill Lynch oder Deutsche Bank Milliardenbeträge von AIG erhalten, die ohne den Staatseingriff wohl ausgefallen wären.

Greenberg wittert dahinter eine große Verschwörung. Er sieht sein Lebenswerk – mehr als 30 Jahre war er an der AIG-Spitze – als Vehikel missbraucht, um internationale Großbanken vor dem Untergang zu bewahren. Das ändert nichts daran, dass Greenbergs Aktien ohne Staatshilfe der Totalverlust gedroht hätte und sie danach kräftig im Kurs gestiegen sind. „Der Prozess ist eine absurde Comedy“, kommentiert Kolumnist John Cassidy für das renommierte Magazin „The New Yorker“.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.