Recht + Steuern Der tiefe Fall des Thomas Middelhoff

Der einstige Top-Manager Thomas Middelhoff sitzt seit fünf Monaten in der JVA Essen.

Der einstige Top-Manager Thomas Middelhoff sitzt seit fünf Monaten in der JVA Essen.© dpa - picture alliance

Zelle in der JVA Essen statt Villa in St. Tropez: Middelhoff war einer der einflussreichsten Manager Deutschlands. Heute ist ihm fast nichts geblieben. Wie konnte es dazu kommen?

Vom Konzernlenker mit Villa im südfranzösischen Nobelort St. Tropez und millionenteurer Luxusjacht zum Untersuchungshäftling in einer kleinen, kargen Zelle. Der Sturz von Thomas Middelhoff ist tief. In der Justizvollzugsanstalt Essen lebt der 61-jährige frühere Topmanager nun schon seit fast fünf Monaten in einer 8,15 Quadratmeter engen Zelle. Laut NRW-Justizministerium ausgestattet nur mit Schrank, Tisch, Bett, Regal, Waschbecken, WC.

Middelhoff verlor mehr als zehn Kilo Gewicht. Auch sonst ist es zuletzt in einem atemberaubenden Tempo bergab gegangen für Middelhoff. Finanziell: Der Manager, der einst Millionen verdiente, musste Ende März Privatinsolvenz anmelden. Der vorläufige Insolvenzverwalter Thorsten Fuest sagte, aus dem Insolvenzantrag ergebe sich, dass Middelhoff sich mit den Forderungen von „mindestens 50 Gläubigern“ konfrontiert sehe.

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Und wohl auch gesundheitlich: Der früher stets sonnengebräunte und dynamisch auftretende Manager ist in der Haft nach Angaben seiner Anwälte an einer Immunkrankheit erkrankt und musste zur Behandlung ins Universitätsklinikum Essen verlegt werden. Er soll an Chilblain Lupus leiden, mit schmerzhaften, frostbeulenartigen Schwellungen und Knoten vor allem an Händen und Füßen. Außerdem soll er mehr als zehn Kilogramm Gewicht verloren haben.

Arcandor war der Wendepunkt für Middelhoff

Die Justiz sah in den ersten Haftwochen sogar Selbstmordgefahr bei dem Manager. Middelhoff sei schließlich ein „haft-unerfahrener Mensch“, der immer „in einer ganz anderen Welt gelebt“ habe, hieß es im Justizministerium. In der JVA wurde er daher vorübergehend aus „Obhutspflicht“ unter eine besondere Überwachung gestellt.

Dabei galt Middelhoff noch vor wenigen Jahren als einer der einflussreichsten Manager Deutschlands. Als Bertelsmann-Chef verdiente er Milliarden für den Gütersloher Medienriesen, danach machte er als Investmentbanker viel Geld in London. Als er den Chefsessel beim angeschlagenen Warenhauskonzern KarstadtQuelle übernahm, wurde er von den Beschäftigten als Retter begrüßt.

Doch der Einstieg bei dem später in Arcandor umbenannten Handelsunternehmen erwies sich für den Manager als Wendepunkt seiner Karriere. Middelhoff gelang es trotz fieberhafter Bemühungen nicht, eine nachhaltige Erholung des Handelsriesen zu erreichen. Er musste schließlich Anfang 2009 den Chefsessel räumen. Wenige Monate später meldete das Unternehmen Insolvenz an.

„Erbsenzählerei“ brachte Middelhoff vor Gericht

Und ausgerechnet das Insolvenzverfahren wurde zum Fallstrick für den Manager. Es sei die „Erbsenzählerei“ der Insolvenzverwalter gewesen, die zum Essener Verfahren geführt habe, in dem Middelhoff am Ende wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, sagte der Vorsitzende Richter Jörg Schmitt. Noch im Gerichtssaal wurde Middelhoff im November 2014 nach der Urteilsverkündung wegen Fluchtgefahr verhaftet.

In der Öffentlichkeit war das Bild des Managers spätestens nach dem Urteil ruiniert. Middelhoff wurde zum Urbild des „abgehobenen Managers“, der sich im Hubschrauber über den Stau am Kamener Kreuz hinwegfliegen ließ, während der von ihm geleitete Konzern auf den Abgrund zutaumelte.

Vergessen war, was Middelhoffs Ehefrau Cornelie im Prozess über die hohe Arbeitsbelastung ihres Mannes in der Arcandor-Zeit gesagt hatte: „Er hat eigentlich immer gearbeitet, immer, immer.“ Vergessen auch die wenigen Einblicke, die er in seine Privatsphäre gegeben hatte: Dass er gläubiger Katholik sei, sich immer bemüht habe, sein Leben nach christlichen Werten und Grundsätzen zu gestalten. Und: Welch große Rolle die Familie in seinem Leben spielt. Dass er sein Anwesen in Bielefeld nicht nur mit Frau und Kindern bewohnt habe, sondern als Großfamilie „mit meinen Eltern, meinem jüngeren Bruder, zwei meiner Schwägerinnen und meinem Schwiegervater“.

Der einstige Macher gerät in eine Opferrolle
Der 61-Jährige hofft nun auf den Bundesgerichtshof. Der wird wohl erst in einigen Monaten über seine Revision entscheiden. Selbst wenn der BGH das Essener Urteil revidieren sollte, droht ihm noch Ungemach. Die Bochumer Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität hat gegen Middelhoff vor dem Essener Landgericht eine weitere Anklage erhoben. Der Vorwurf: Untreue. Diesmal geht es um eine von ihm veranlasste 800.000 Euro-Spende von Arcandor an die britische Universität Oxford – nach Auffassung der Staatsanwaltschaft ohne entsprechenden Gegenwert für das Unternehmen. Middelhoff bestreitet den Vorwurf.

Derweil haben seine Anwälte erneut einen Antrag auf Haftprüfung gestellt. Ihr Mandant sei wegen seiner Erkrankung haftunfähig. Die Verteidiger machen die Justiz verantwortlich für seinen Zustand. In der U-Haft sei er über Wochen einem Schlafentzug ausgesetzt gewesen, der sein Immunsystem geschwächt habe. Der einstige Macher gerät in eine Opferrolle.

Viele Weggefährten sehen ihn da schon länger. Der frühere Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende und Middelhoff-Mentor, Mark Wössner, sagte der „Neuen Westfälischen Zeitung“ er halte das Urteil für „viel zu hart“. In seinen Augen wäre eine Bewährungsstrafe angemessener gewesen. „Herr Middelhoff tut mir persönlich unendlich leid.“

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