Recht + Steuern Flexibler Renteneinstieg: Nur etwas für Besserverdiener?

Lieber spazieren gehen als weiter zu schuften. 255 000 Menschen haben bisher die Rente ab 63 beantragt.

Lieber spazieren gehen als weiter zu schuften. 255 000 Menschen haben bisher die Rente ab 63 beantragt.© Darren Baker - Fotolia.com

An der Forderung des DGB nach einem flexiblen Renteneinstieg ab 60 Jahren hagelt es massenweise Kritik. Union und die Wirtschaft befürchten eine neue Welle von Frühverrentungen in Unternehmen. Die Politik sieht aber auch noch einen ganz anderen Punkt kritisch.

Es gibt sie längst, die Teilrente. Und zwar seit 1992. Wer will, kann seither seinen Übergang in den Ruhestand sanft und schrittweise vorziehen, und zwar nach dem Muster: Weniger arbeiten und früher Rente kassieren. Allerdings mit Abschlag. Das funktioniert bislang für mindestens 63-Jährige. Das aber, meint der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), soll sich ändern. Sein Vorschlag: Teilrente ab 60. Sie soll auch ein Puffer gegen Altersarmut sein.

Das wirkt wie ein Stich ins Wespennest. Es hagelt massenweise Kritik: Union und die Wirtschaft sehen eine neue Welle von Frühverrentungen auf die Unternehmen zurollen. Und das in Zeiten, in denen Firmen händeringend um Fachkräfte werben. Zumal die jüngst beschlossene abschlagsfreie Rente ab 63 nach 45 Beitragsjahren das Problem noch vergrößern könnte.

Anzeige

Die Teilrente ist jedoch kein Frühverrentungsprogramm – und soll es auch nicht sein. Die aktuelle Regelung gilt Fachleuten aber als viel zu kompliziert und unflexibel. Sie ist „eine Art Aschenputtel unter den Wegbereitern in den Ruhestand: Nur gut 1000 Beschäftigte nutzen in Deutschland pro Jahr diese seit 1992 existierende Möglichkeit, um gleichzeitig ihre Arbeitszeit zu reduzieren und über eine „echte“ Altersteilzeit aus dem Berufsleben hinauszugleiten“, stellte die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung (HBS) fest.

Wirtschaft fordert flexibleren Renteneinstieg

Änderungsbedarf sieht deshalb auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD): Sie hat sich vorgenommen, die Teilrente zu reformieren, will das zusammen mit den Koalitionsfraktionen und den Tarifpartnern noch in diesem Jahr erreichen. Einig ist sich die Ministerin mit den Experten von Union und SPD, dass die aktuelle Regelung zu bürokratisch, die Hinzuverdienstmöglichkeit zu gering ist.

Nun wird nach Lösungen gesucht für jene, die vor dem offiziellen Rentenalter schrittweise aussteigen wollen – und für jene, die sich fit genug fühlen, länger zu arbeiten. Die Wirtschaft setzt vor allem auf Letztere, möchte dabei aber Belastungen wie die Weiterzahlung von Beiträgen an die Rentenkasse abstreifen. Das wiederum lehnen die Gewerkschaften ab.

Überraschenderweise steht der DGB mit seinen Überlegungen für eine Flexi-Rente ab 60 keineswegs allein. Auch die SPD hat sich dafür schon erwärmt. Und die aus dem Bundestag geflogene FDP warb bereits im Wahlkampf 2013 dafür, dass die Beschäftigten schon ab dem 60. Lebensjahr ihre Arbeitszeit reduzieren können, den Verdienstausfall durch den Bezug einer Teilrente kompensieren oder – wenn gewünscht – über das Rentenalter hinaus länger arbeiten können.

SPD kritisiert „Privilegien für Besserverdienende“

Flankieren wollten die Liberalen ihr Konzept durch unbegrenzte Hinzuverdienstmöglichkeiten für Frührentner. Die SPD wetterte, dies schaffe „keine gleitenden Übergänge“ in den Ruhestand, sondern nur „Privilegien für Besserverdienende“. Versicherte mit geringem Einkommen könnten sich eine Rente ab 60 „kaum leisten“. Das gilt freilich für alle Varianten – auch für das DGB-Konzept, das die gleitenden Übergänge in die Rente tarifpolitisch flankieren will.

„Dafür braucht es bessere gesetzliche Rahmenbedingungen – zum Beispiel einen besseren Teilzeitanspruch, Altersteilzeit oder attraktivere Hinzuverdienstgrenzen bei der Teilrente, die schon ab 60 Jahren beginnen sollte“, formulierte DGB-Chef Reiner Hoffmann im „Focus“ seine Erwartungen an den Gesetzgeber. Die Gewerkschaften würden dann diesen Rahmen ausfüllen wollen – durch Tarifvereinbarungen mit den Arbeitgebern wie in der Chemie-Branche.

Dort gibt es mit dem Demografie-Tarifvertrag schon eine Art Werkzeugkasten: „Wir könnten unsere Instrumente dafür scharf schalten. Wir warten nur auf den Gesetzgeber“, so Ekkehart Linnemann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie im Papier der Hans-Böckler-Stiftung. Dabei ist aber zu bedenken: Die Chemie gilt als Hochlohnbranche, deren Beschäftigte sich eine schrittweise Reduzierung der Arbeit am ehesten leisten können – eher als schlechter bezahlte Beschäftigte im Einzelhandel zum Beispiel.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.