Recht + Steuern Gebt den Schuldnern eine zweite Chance!

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Insolvenz

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Die Insolvenz ist in Deutschland trotz aller Reformen noch immer stigmatisiert. Doch Scheitern darf keine Schande sein, sagt Rechtsanwalt Hans Müller aus Nürnberg. Für impulse erzählt er aus seiner Praxis als Berater von überschuldeten Unternehmern

Ein kleines Kind darf bei seinen ersten Gehversuchen hinfallen, ohne dass wir schimpfen. Wir loben es sogar, wenn es wieder aufsteht und neu beginnt. Warum haben wir diese Denkweise nicht bei einem Menschen, der ein Unternehmen aufgebaut hat und dabei auf die Nase gefallen ist? Im Gegenteil – der Unternehmer, der es beim ersten Versuch nicht geschafft hat, gilt als Versager.

Die Folge ist, dass viele Schuldner oft keine Kraft mehr finden, wieder aufzustehen. Sie beziehen von überall nur Prügel und sind mürbe vom ewigen Kampf mit den Banken und Gläubigern, denen sie stets Zahlungen versprechen müssen, die sie dann doch nicht einhalten können. Sie lernen das Lügen. Und irgendwann glauben sie selbst an ihre Lügen.

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Ja, es gibt ein Leben nach der Insolvenz

Wer kann ihnen helfen? Die meisten Anwaltskollegen haben kein echtes Interesse an Mandanten, die kein Geld haben. Schuldneranwälte wie ich werden dagegen oft mitleidig belächelt. Ob Sie es glauben oder nicht: Es macht mir unheimlich Spaß. Ich stehe aus tiefer Überzeugung auf Seite der Unternehmer, die es nicht geschafft haben. Ich spüre gern die Dankbarkeit, wenn ich Mut machen kann. Ja, es gibt ein Leben nach der Insolvenz. Und es kann sehr erfolgreich sein.

Hans Müller, Fachanwalt für Insolvenz- und Steuerrecht

Hans Müller, Fachanwalt für Insolvenz- und Steuerrecht

Ich denke da an einen Versicherungsvertreter, den ich beraten habe. Er hatte sich mit Ostimmobilien übernommen, nur weil er Steuern sparen wollte. Die Agentur lief nicht schlecht, aber die finanziellen Belastungen der Banken erdrückten ihn. Seine Motivation für die Arbeit am Kunden ging gegen Null. Denn alles, was er verdiente, fiel an die Banken. Die Schuldenlast von über einer Million erdrückte ihn. Alles brach über ihm zusammen.

Auch er hatte sie, die Angst vor der Insolvenz. Er hatte Angst, seine Agentur zu verlieren. Die Versicherungsgesellschaft duldete normalerweise keinen Vermittler, der zahlungsunfähig ist. Deswegen versuchte ich zunächst, mich mit seinen Banken außergerichtlich zu einigen. Doch eine Verständigung scheiterte an deren Sturheit. Die Geldhäuser lehnten das Angebot kategorisch ab, dass mein Mandant seine Verbindlichkeiten mit monatlich 500 Euro abstottern wollte.

Schuldenfrei und sorgenlos

Es ist halt so. Banken buchen Forderungen lieber insolvenzbedingt aus, als wirtschaftlich zu denken. Es blieb – als einzig gangbarer Weg – nur noch die Insolvenz. Während seiner sechsjährigen Wohlverhaltensperiode zahlte mein Mandant dann nur noch monatlich 150 Euro an seinen Insolvenzverwalter. Aus seiner Agentur erzielte er gleichzeitig ein monatliches Einkommen von etwa 10.000 Euro.

Das glauben Sie nicht? Das ist völlig in Ordnung und entspricht der Rechtslage. In Paragraf 295 Insolvenzordnung steht nämlich: „Soweit der Schuldner eine selbstständige Tätigkeit ausübt, obliegt es ihm, die Insolvenzgläubiger durch Zahlungen an den Treuhänder so zu stellen, wie wenn er ein angemessenes Dienstverhältnis eingegangen wäre“. Das bedeutet, dass sein tatsächliches Einkommen als Selbstständiger nicht herangezogen werden darf, sondern nur ein fiktives Angestelltengehalt, was sich in der Regel aufgrund von Tarifverträgen ermitteln lässt.

Die monatlichen 150 Euro ergaben sich im betreffenden Fall aufgrund eines fiktiven Nettolohns von 2000 Euro und der Berücksichtigung von 2 Unterhaltsberechtigten. Die 150 Euro werden erst auf die Kosten des Insolvenzverfahrens (Gericht und Insolvenzverwalter) verrechnet, dann erst erhalten die Gläubiger quotenmäßig Geld davon. Mit Zahlungen von 10.800 Euro in sechs Jahren war der Mann schuldenfrei und seine Sorgen los.

Insolvenz als Startschuss

Wie geht das? Ein selbstständiger Schuldner kann sich vom Insolvenzverwalter seinen Betrieb aus der Insolvenzmasse freigeben lassen. Das steht in Paragraf 35 Insolvenzordnung und ist bei kleineren Betrieben und speziell bei Freiberuflern relativ unproblematisch, wenn kein Kapitalbedarf des Schuldners notwendig ist. Der Betrieb geht den Verwalter damit nichts mehr an. Auch das Einkommen hat dem Verwalter völlig egal zu sein. Mein Mandant konnte also wie vorher seinen Betrieb führen und verdienen, was er will.

Wie bei vielen anderen Mandanten war es nicht einfach, ihn davon zu überzeugen, dass die Insolvenz die einzig richtige Alternative ist. Nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens fasste der Versicherungsvertreter wieder Mut, bekam Energie und konnte seine Provisionserlöse steigern.

Es ist für mich ein schönes Gefühl, die Dankbarkeit eines Mandanten zu spüren, und zu wissen, dass ich wirklich helfen konnte. Die Insolvenz war auch hier der Startschuss zu einer erfolgreichen Zukunft ohne finanzielle Sorgen.

 

Hans Müller ist Gründer der Anwaltskanzlei Hans Müller & Kollegen in Nürnberg und spezialisiert auf die Schuldnerberatung von Kleinunternehmern.

 

 

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1 Kommentar
  • Isnich so wichtig 3. Februar 2015 14:53

    1992 machte ich mich selbstständig und musste zwei gutgehende Ladengeschäfte mit 3 Angestellten aufgrund einer Gesetzesänderung, die uns die Geschäftsgrundlage entzog, 1995
    aufgeben. Schuldensaldo bis dato 150 000 DM. Nachdem uns die Körperschaft des öffentlichen Rechts (KSK), Anwälte, Steuerberater, Krankenkassen und alle möglichen andere „Gläubiger“ durchgekaut und ausgespuckt hatten, blieb ein Schuldenstand von 250 000 DM übrig (unter anderem durch Überziehungszinsen auf dem Gírokonto in Höhe von 25 %). Dann wurde mir von der Genossenschaftsbank, bei der man noch Anteile hatte, „geholfen“. Da die vorherigen Darlehen schon abgesichert waren durch Grundschuld auf das Elternhaus, wurde nun die gesamte Familie (die nichts mit dem Geschäft zu tun hatten) mit in die Haftung einbezogen und „freundlicherweise“ ein Darlehen gewährt. Es gab keinerlei Entgegenkommen von irgendeiner Seite, da ja alles abgesichert war.

    Seit 1995 bezahle ich nun für diesen Fehler, mich selbstständig gemacht zu haben und habe diesen Schuldenberg 2016 vollständig abgetragen, insgesamt dann 390 000 € (!), aus voll versteuertem Einkommen, da auch das Finanzamt diese Schulden nicht anerkennt (Darlehensnehmer Familie). Es gibt und gab niemanden, dem ich je auch nur einen € schuldig geblieben bin.

    Warum die Vorgeschichte?
    Ich kann jedem nur raten, der in diese Situation kommt, nie und nimmer auch nur einen Versuch zu starten, sich mit den Banken zu einigen. Sie haben keine Chance. Und die werten Kollegen Anwälte, die gegen Vorschuss für Sie arbeiten, setzten noch eins drauf, in dem Sie den Rest, der Ihnen zum Leben bleibt, abgreifen. Es mag auch andere geben, ich habe noch keinen gefunden.

    Nehmen Sie sich unbedingt einen Fachanwalt Ihres Vertrauens wie oben beschrieben. Alles andere führt in die Sackgasse, Und glauben Sie bloß nicht an Recht, Sie werden, auch wenn alles für Sie spricht, kein Recht bekommen, wenn Sie gegen eine Bank vorgehen. Wie sagte mal ein Anwalt zu mir: „Vor Gericht bekommen Sie ein Urteil, nicht Recht.“ Dieser Satz sagt alles aus…

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