Recht + Steuern Jede Insolvenz ist eine Lektion!

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Insolvenz ist keine Schande - sie kann jeden treffen, sagt Schuldneranwalt Hans Müller. Für impulse erzählt er aus seiner Praxis als Berater überschuldeter Kleinunternehmer. Heute: ein Metzger, der nicht dazulernen wollte – und dreimal nacheinander pleiteging.

Insolvenz ist keine Schande. Sie kann jeden treffen. In meinem Mandantenkreis habe ich Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte, Apotheker. Alles Menschen, von denen erwartet wird, dass sie ohne finanzielle Sorgen leben. So ist es aber nicht. Jeder Unternehmer kann Fehler machen, die ihn seine wirtschaftliche Existenz kosten.

Aber genauso haben wir die Chance zum Neubeginn. Hier helfe ich als Insolvenzanwalt und freue mich, wenn mein Mandant es schafft. Es gibt allerdings eine fundamentale Voraussetzung für den dauerhaften Erfolg: Die Fehler müssen erkannt und für die Zukunft abgestellt werden. Wenn nicht, holt den Unternehmer seine Vergangenheit ein. Und er wird wieder scheitern.

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Deswegen beginnt für mich als Schuldneranwalt die Arbeit als erstes damit, dass ich das Unternehmen meines Mandanten analysiere und die Ursachen seiner Insolvenz ergründe. In den meisten Fällen stelle ich dann eines fest: Nach Meinung vieler Mandanten haben immer andere Schuld an ihrer wirtschaftlichen Situation.

  • Zum Beispiel die bösen Banken, die ihnen kein Geld mehr geben, gar die Kredite kündigen. Was ist denn dabei, denkt sich der Mandant, wenn ich die Konten über jedes Limit hinaus immer weiter überziehe? Schließlich verdienen die Banken doch gut an mir. Irgendwann zahle ich ja alles zurück.
  • Schuld sind natürlich die Kunden, die völlig grundlos und willkürlich nicht zahlen. Die von ihnen reklamierten Fehler und Mängel sind alle nur vorgeschoben.
  • Verantwortung tragen auch die unfähigen Mitarbeiter. Sie sind faul und feiern ständig krank.

Diese drei Varianten der Selbsttäuschung begegnen mir immer wieder. Ein Unternehmer muss lernen, dass er in der Regel allein verantwortlich ist für die wirtschaftliche Schieflage. Jeder Chef hat auf Dauer die Mitarbeiter, die er verdient. Bei der Auswahl der Kunden sollte man nicht nur auf den schnellen Euro schauen. Und wenn der Umsatz immer weiter zurückgeht, sollte man sich überlegen, ob die Konkurrenz nicht mehr bietet. Das Essen im Nachbargasthof ist vielleicht doch besser als meines.

Ein Beispiel aus meiner Praxis, das dies illustriert:

Im Jahr 2003 kam ein Metzgermeister zu mir. Er hatte 18 Filialen und in seiner Expansionswut eine neue Fabrik gebaut. Doch leider hatte er den Fehler gemacht, dass er Filialen an unwirtschaftlichen Standorten eröffnete, nur weil er größer werden wollte. Wachstum um jeden Preis. Mehr Filialen sind auch gut fürs Ego.

Durch den starken Konkurrenzkampf mit anderen Filialisten und Supermärkten verlor er Umsatz. Umsatz und damit Ertrag, den er dringend zur Finanzierung des Neubaus brauchte. Schließlich konnte er die Annuitäten für das Millionendarlehen nicht mehr aufbringen.

Ich musste für ihn Insolvenz anmelden. Nachdem ich ihm erzählt hatte, dass er über die Gründung einer GmbH weitermachen könne, war das kein Problem mehr für den Mandanten. Die Ehefrau wurde Gesellschafterin, und er fungierte als Geschäftsführer. Sein Name stand weiterhin an der Tür. Ein paar unwirtschaftliche Filialen wurden nicht übernommen, aber dafür fanden sich wieder neue Standorte, verbunden mit neuen Investitionen.

Familie muss einspringen

Die Ehefrau kaufte die Fabrik relativ günstig aus der Insolvenzmasse zurück. Ansonsten wurde das erneute Wachstum aus dem laufenden Geschäftsbetrieb finanziert, weil weitere Bankkredite wegen der Insolvenz nicht möglich waren. Notfalls mussten eben die Arbeitnehmer und die Krankenkassen etwas warten. Es dauerte nicht lange, und schon stand wieder der Gerichtsvollzieher vor der Tür.

Wieder musste der Unternehmer einen Insolvenzantrag stellen. Als GmbH-Geschäftsführer unterliegt man strengen Verpflichtungen. Doch mein Mandant hatte den Antrag zu spät gestellt. Ein Strafverfahren wegen Insolvenzverschleppung war die Folge.

Aber: Es ging wieder weiter. Schließlich gab es noch die Ehefrau. Auf sie wurde der Betrieb umgemeldet. Die Frau trug zwar noch die Belastungen aus dem Darlehen für das Betriebsgebäude, war aber ansonsten schuldenfrei. Mittlerweile waren nur noch einige Filialen übriggeblieben, weil der eine oder andere Vermieter das Spiel langsam satt hatte. Es gab teilweise hohe Mietrückstände.

Und schließlich zog mein Mandant auch noch seinen 18-jährigen Stiefsohn mit hinein. Auf seinen Namen meldete der Metzger noch eine Filiale als „dessen“ Gewerbe an.

Der Weg aus der Krise

Das Ende der Geschichte können Sie sich denken: Auch diese beiden Betriebe setzte der Unternehmer in den Sand. Ich kann ihn – rückblickend betrachtet – nur als beratungsresistent bezeichnen. Wer nicht bereit ist, aus seinen unternehmerischen Fehlern zu lernen, der wird immer wieder seinen Betrieb verlieren. Traurig ist nur, wenn er dabei auch die Familie in den Abgrund reißt.

Nach vier Insolvenzen hat es mein Mandant endlich kapiert. Er hat eine Restschuldbefreiung aus seiner privaten Insolvenz erhalten. Nicht mehr die Größe seines Betriebs, sondern die Qualität seiner Fleisch- und Wurstwaren steht jetzt im Vordergrund. Er hat nur noch einen Laden, beliefert ausgewählte Kunden und hat Kalkulieren gelernt. Die Kunden fahren auch weite Strecken zu ihm, weil er geschmacklich tolle Ware liefert, die es in keinem Supermarkt zu kaufen gibt – auch wenn sie etwas teurer ist. Aber die Kundschaft weiß seine Qualität zu schätzen.

Nicht die Größe und der Umsatz eines Betriebes sind entscheidend. Weniger ist oft mehr. Eine Lehre, die viele Firmeninhaber ziehen sollten. Eine Insolvenz ist auch eine Lektion: Lerne aus Deinen Fehlern, lass Dich beraten und starte durch. Dann schaffst Du es.

 Hans Müller ist Gründer der Anwaltskanzlei Hans Müller & Kollegen in Nürnberg und spezialisiert auf die Schuldnerberatung von Kleinunternehmern.  

 

 

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1 Kommentar
  • Rositta Beck 4. Februar 2015 08:52

    Schön, dass dieser Metzger seine Lektion noch gelernt hat. Schlimm für die Familien seiner leer ausgegangenen Gläubiger, die für seine „Ausbildung “ unfreiwillig zur Kasse gebeten wurden.

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