Recht + Steuern Kirchensteuer auf Kapitalerträge: Mehr Austritte durch Neuregelung

Das Benediktiner-Kloster im baden-württembergischen Neresheim.

Das Benediktiner-Kloster im baden-württembergischen Neresheim.© Franzfoto/Wikimedia Commons/Lizenz: CC BY-SA 3.0

Kein großer Missbrauchsskandal, kein neuer "Protz-Bischof" mit Luxus-Amtssitz - und trotzdem sind die Kirchenaustrittszahlen 2014 nach oben geschnellt. Schuld ist wohl eine vergleichsweise kleine Veränderung bei der Kirchensteuer.

Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben 2014 deutlich mehr Mitglieder verloren als zuletzt. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur in katholischen Bistümern, evangelischen Landeskirchen und Behörden. Demnach muss die katholische Kirche damit rechnen, dass der Aderlass noch größer war als im Rekordjahr 2010 nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals. Bei den Protestanten sieht es ähnlich dramatisch aus, dort verdoppelten sich die Austrittszahlen teils.

Hauptgrund ist nach Einschätzung von Fachleuten das neue Einzugsverfahren der Kirchensteuer auf Kapitalerträge. Die Kirche müsse sich selbstkritisch fragen, ob sie die neue Regelung ausreichend kommuniziert habe, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. Bei manchen Christen sei der falsche Eindruck entstanden, es handle sich um eine neue Steuer. Seit Januar führen Banken und Versicherer die auf Kapitalerträge entfallende Kirchensteuer direkt ab.

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Besonders heftig traf es die Evangelische Landeskirche in Sachsen und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland. Dort sind 2014 etwa doppelt so viele Menschen ausgetreten wie in den Jahren zuvor. Auch andere Landeskirchen, Standesämter und Amtsgerichte melden einen teils enormen Anstieg der Kirchenaustritte.

Kirchenaustritte: Neue Höchststände erwartet

So rechnet die Evangelische Kirche im Rheinland, mit rund 2,7 Millionen Mitgliedern zweitgrößte Landeskirche, mit 50 Prozent mehr Austritten als 2013. Damals hatten rund 19.000 Männer und Frauen die Kirche verlassen. Die evangelische Landeskirche in Bayern muss 30.600 Kirchenaustritte verkraften, 2013 waren es 18 900. In Hannover kehrten 3931 Menschen ihrer Kirche den Rücken – nach 2945 im Vorjahr.

Die Deutsche Bischofskonferenz will die Austrittszahlen erst zur Jahresmitte vorlegen. Dennoch lassen die Angaben der Amtsgerichte und Standesämter auf eine ähnliche Entwicklung in der katholischen Kirche schließen. 2013 hatte sie 179.000 Austritte registriert – 2014 könnte somit der Höchststand von 2010 mit 181.193 Austritten noch übertroffen werden.

Im überwiegend katholisch geprägten München etwa erklärten 12.674 katholische und evangelische Christen ihren Austritt, das sind 19 Prozent mehr als 2013. Im bayerischen Regensburg mit seinem starken katholischen Milieu verzeichnete das Standesamt 2014 rund 1200 Austritte nach knapp 950 im Jahr zuvor. In Köln wird die Zahl der Austritte aus katholischer und evangelischer Kirche zusammen auf etwa 7500 geschätzt. Das sind laut Amtsgericht etwa 1000 mehr als 2013.

Trotz neuer Regeln: Steuerpflicht bleibt gleich

Eine Einschätzung wagen auch einige Bistümer. „Wir rechnen mit mehr Austritten“, sagte ein Sprecher des Bistums Fulda. Auch er nannte die Umstellung beim Kirchensteuereinzug als Hauptgrund: „Das hat Missverständnisse verursacht und ist es sehr ärgerlich. Offenbar dachten viele Menschen, es gebe eine neue Steuer.“

Ähnlich sieht es ein Sprecher des Erzbistums Bamberg: „Es ist bekannt, dass viele Kirchenmitglieder wegen der steuerlichen Neuregelung verunsichert waren.“ Das hat auch Hannovers Stadtsprecher Udo Möller beobachtet.

Er verweist darauf, dass sich an der Steuerpflicht selbst dadurch nichts geändert hat. Zuletzt hatten katholische und evangelische Kirche in Deutschland zusammen rund 48 Millionen Mitglieder.

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