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18.03.2008

Treffen: Jetzt spricht der Nachwuchs

Mindestlohn, Unternehmertum, Gerechtigkeit – wie beurteilen die Jungen diese Themen? impulse brachte sechs Aufsteiger aus Politik und Wirtschaft zusammen - und bekam spannende Antworten.

impulse: Die Anfeindungen gegen Unternehmer reißen nicht ab. Mal werden sie als gierige Einkommensmillionäre dargestellt, dann wieder als Subventions­heuschrecken. Wird unternehmerische Leistung in Deutschland noch gewürdigt?

Dirk Martin: Der Firmenchef ist Teil einer fast schon geächteten Minderheit. Er bekommt für vieles die Schuld und erhält wenig Anerkennung. Wenn sich da nichts ändert, müssen wir eben in Zukunft mit zehn Millionen Arbeits­losen mehr leben, weil deutsche Unternehmer hinschmeißen oder ins Ausland ziehen. Im Moment sind die meisten zum Glück noch so verrückt wie ich, dass sie trotzdem hier weitermachen.
Franziska Drohsel: Ich muss sagen, Unternehmer tun mir kein Stück leid. Die von Ihnen beschriebene Ausgrenzung kann ich nicht erkennen. Und schließlich haben Sie sich freiwillig für diesen Job entschieden. So schlecht scheinen die Bedingungen hierzulande dann doch nicht zu sein.
Anja Kämpfer: Ich möchte nicht diskutieren, ob man schlauer oder weniger schlau ist, wenn man ein Unternehmen führt. Politiker sollten sich lieber fragen, was sie für eine starke, funktionierende Wirtschaft im Land tun können. Dazu gehört für mich auch ein klares Bekenntnis zu den Unternehmern.

Aber der jüngste Steuerskandal gibt den Vorurteilen gegen egoistische Wirtschaftsführer neues Futter. Fahren einige Alte und Etablierte das Image der gesamten Wirtschaft an die Wand?

Kapfer: Ich bin wirklich erschüttert. Es ist frustrierend: Man kämpft über Jahre für ein positives Unternehmerbild, engagiert sich ehrenamtlich, redet über Verantwortung der Wirtschaft – und dann kommen ein paar schwarze Schafe und bringen mit ihrer persönlichen Gier unsere ganze Branche in Misskredit.
Carsten Röttgers: Prominente Wirtschaftsvertreter geraten ins Fadenkreuz der Steuerjustiz. Für die Medien ist das ein gefundenes Fressen, für uns Unternehmer ist das sehr schädlich.

Ein paar schwarze Schafe ruinieren den Ruf einer ganzen Berufsgruppe?

Jan Korte: Das sind keine Einzelfälle – das ist ein Systemdefekt. Hier wird mal wieder die Maßlosigkeit deutlich, die sich in der Wirtschaft festgesetzt hat und die sich bereits in obszönen Managergehältern zeigt. Der Skandal ist Symbol für das Scheitern der Steuersenkungspolitik für Reiche. Klar ist jedenfalls, dass die viel beschworene Elite ihrer Verantwortung nicht nachkommt. Wir können uns nicht auf sie verlassen.
Röttgers: Ich glaube nicht, dass die Menschen das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft verloren haben. Aber wir werden eine Wertediskussion verstärken müssen, denn wir dürfen keine gespaltene Gesellschaft bekommen, in der wieder in Klassen gedacht wird.

Was kann man tun, um solche Auswüchse zu verhindern?

Kapfer: Am Ende muss auf jeden Fall das klare Signal stehen, dass Steuerhinterziehung kein Kavaliersdelikt ist.
Drohsel: Ich fände es fatal, wenn der Eindruck entsteht, ALG-II-Empfänger unterlägen harten Kontrollen, und bei Reichen schaut der Staat weg.
Korte: So ist es aber: Bei Arbeitslosen schießt der Staat aus allen Rohren. Bei den Ackermännern und Zumwinkels lässt man Gnade walten.

Nach dem Skandal wird immer offensichtlicher: Wirtschaft und Politik haben sich nichts mehr zu sagen. Warum eigentlich?

Martin: Viele Firmenchefs ziehen sich zurück aus der öffentlichen Debatte. Sie wollen nicht für populistische Wahlkämpfe missbraucht werden. Denn am schlechten Unternehmerbild trägt die Politik eine besondere Schuld. Wenn et­was schiefläuft in dieser Republik, machen sie uns häufig als Grund allen Übels aus. In Talkshows haben wir in der Regel dann auch die Buhmann-Rolle.
Korte: Da haben wir was gemeinsam.

Was meinen Sie muss anders wer­den, damit sich das Unterneh­mer­bild verbessert?

Martin: Die Politik sollte stärker differenzieren zwischen Managern und Unternehmern. Unternehmer haften für Fehler mit ihrem Privatvermögen – und sie pflegen häufig ein persönlicheres Verhältnis zu ihren Mitarbeitern.
Röttgers: Trotzdem muss man zugeben: Die Geschäftspraxis von manchem Großunternehmen gehört sich einfach nicht. Unter dem Imageschaden leiden nämlich alle in der Wirtschaft.

Stellt die Politik Unternehmer zu Unrecht an den Pranger?

Philipp Rösler: Diese Klassenkampfzitate der Politik führen kein Stück weiter. Gerade der Mittelstand leistet enorm viel – hier bloße Profitgier zu unterstellen, zeugt von großem Unverständnis.
Korte: Aber im aktuellen Wettlauf um Marktanteile und Gewinne wird kein Unternehmer aus Moralität oder sonstigen ehrbaren Gründen große Zugeständnisse an die Arbeitnehmer machen. Gerade heute muss vieles von den Gewerkschaften erkämpft oder vom Staat geregelt werden.
Drohsel: Der Interessengegensatz zwischen Unternehmer und Arbeitnehmer kann nicht wegdiskutiert werden. Meine Orientierung ist klar: Wir dürfen nicht zulassen, dass die Schwachen der Gesellschaft unter die Räder kommen.

Klassenkampf im Mittelstand – braucht der Arbeitnehmer wirklich mehr Schutz vor der Profitgier seines Chefs?

Kapfer: Frau Drohsel und Herr Korte pflegen ihr Unternehmerfeindbild. In der Realität kann kein Betrieb gegen die Interessen seiner Mitarbeiter aufgebaut werden. Bei Neugründungen verdient der Unternehmer oft den geringsten Lohn und trägt das gesamte Risiko. Hier bekommt niemand Millionenabfindungen, wenn er das Geschäft gegen die Wand fährt. Wir hängen mit Herzblut an unseren Firmen und wollen nicht den größten Profit herauspressen.

Ist unternehmerfreundliche Politik überhaupt noch mehrheits­fähig?

Rösler: Es wird zunehmend schwieriger, einen ordnungspolitisch sauberen Kompass aufrechtzuerhalten. Bereits die rot-grüne Regierung hat eine unternehmerfeindliche Politik betrieben. Und auch in der Gesellschaft müssen wir die Tendenz feststellen, dass nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft in der Kritik stehen, wie zum Beispiel der faire Wettbewerb.
Korte: Ich finde, die deutsche Wirtschaft hat enormen Einfluss auf die Politik und kann viele ihrer Interessen sehr wohl durchsetzen. Trotzdem will ich nicht bestreiten, dass für junge Kleinunternehmer und Gründer in den letzten Jahren nicht die beste Politik gemacht wurde, sondern nur für die Konzerne.
Martin: Wundertüte Linkspartei: Jetzt zeigt sie ein Herz für Unternehmer. Aber es stimmt, eine wirklich unternehmerfreundliche Politik hätte zu anderen Ergebnissen führen müssen, als wir sie jetzt haben. Immerhin können sich die Regierenden mit anrechnen lassen, dass binnen eines Jahres fast 500.000 neue sozialversicherungspflichtige Jobs entstanden sind.

Aber trotzdem ist die Stimmung bei den Bürgern getrübt, und die soziale Marktwirtschaft steht unter Beschuss.

Rösler: Das stimmt, die Menschen haben nicht mehr das ursprüngliche Vertrauen in die Marktkräfte. Eine Grundidee der sozialen Marktwirtschaft war, dass sich Leistung lohnt und jeder nach seiner Leistung entlohnt wird. Dass nun alle Parteien außer der FDP einen Mindestlohn fordern, zeigt leider, wie sehr das System in Bedrängnis geraten ist.
Drohsel:Herr Rösler glaubt: Der Markt gäbe jedem, was er verdient. Aber wie viel größer ist die Leistung eines Managers gegenüber der einer Reinigungskraft? Die Arbeitnehmer mit Niedriglöhnen sind weder faul noch überflüssig – trotzdem vermittelt ihnen ihr Gehaltsscheck genau diese Botschaft. Unsere Gesellschaft braucht den Mindestlohn, sonst droht die Spaltung.
Rösler: Ich weiß schon, Sie wollen am liebsten den gesetzlichen Mindestlohn, und damit den Einstieg in die Planwirtschaft. Am Ende setzt Frau Merkel den Mindestlohn fest.
Korte: Wir möchten auch nicht, dass es Frau Merkel ist, die das entscheidet.

Die Wirtschaft ist uneins beim Mindestlohn. Einige Branchen lieb­äugeln schon damit.

Röttgers: Auch ich bin für einen Mindestlohn. Aber der muss zwischen den Sozialpartnern ausgehandelt werden und sich flexibel an Regionen und Branchen anpassen. Im Malerhandwerk haben wir bereits einen Mindestlohn von gut elf Euro für Gesellen – und deshalb auch Erfahrungen mit seinen Schwächen. Es ist so, dass immer mehr Mitbewerber den Mindestlohn um­gehen, indem sie Werkverträge mit Dumping-Anbietern schließen. Deshalb müssen Schlupflöcher geschlossen und Kontrollen effizienter werden. Sonst treiben wir die Menschen in die Schwarzarbeit.
Kapfer: Der Mindestlohn ist ein Irrweg. Hier wird Menschen vorgegaukelt, dass sie von einem Tag auf den anderen mehr verdienen können, nur weil die Politik das entscheidet. Aber so funktioniert Wirtschaft nicht – hier geht es nun einmal um Leistung und darum, dass man sich über Einsatz und Qualifikation eine Stelle erarbeitet.

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