• Sperrig und bürokratisch

    Ein neues Arbeitszeitmodell soll Beschäftigte unterstützen, die sich zu ­Hause um alte oder kranke Angehörige kümmern. Doch das erste halbe Jahr zeigt: Das Gesetz geht an den Bedürfnissen der Unternehmen wie der Pflegenden komplett vorbei.

    Die Welt von Wilfried Brandebusemeyer ist durchzogen von Hochspannungsleitungen, Stahlöfen und Sauerstofftanks. Pausenlos rangieren Lkw vor seinem Fenster. Hinter dem Büro ragen Schornsteine auf, daneben liegt die ­Werkshalle des Finalbetrieb Stabstahl und das Walzwerk, in dem der Werkzeugmacher viele Jahre Schichten geschoben hat.

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    Doch das Stahlwerk Georgsmarienhütte ist nur die Welt, in der Brandebusemeyer sich von morgens 7 Uhr bis zum frühen Nachmittag aufhält. In der restlichen Zeit hat der 58-Jährige einen zweiten Job: Er pflegt seine alte Mutter.

    Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf meint in Zeiten des demografischen Wandels längst nicht mehr nur die Frage, wie sich neben dem Job die Kinder betreuen lassen. Für Unternehmen und deren Angestellte geht es zunehmend auch darum, den Beruf mit der Pflege der Eltern zu Hause zu vereinbaren.

    Schon heute leben hierzulande mehr Pflegebedürftige als Kinder unter drei Jahren. Über 1,6 Millionen alte oder kranke Menschen werden zu Hause von ihren Angehörigen betreut. Die, so hat es das Zentrum für Qualität in der Pflege ­errechnet, verbringen 37 Stunden die Woche ­damit, ihrer bettlägerigen Mutter oder dem ­dementen Vater das Essen zu bringen, ihn zu ­füttern, zu waschen, umzuziehen oder ihm – nein, zum Vorlesen bleibt wirklich keine Zeit mehr. Zu Hause wartet ja noch das eigene Kind, und auch dort ist der Kühlschrank leer.

    Zweiter Vollzeitjob – unbezahlt

    Pflegende Angehörige haben einen zweiten Vollzeitjob. Und sie machen ihn nebenher – die wenigsten Firmen sind bislang darauf eingestellt. Deshalb griff die Politik ein: Anfang 2012 trat das Familienpflegezeitgesetz in Kraft. Es ermöglicht Angestellten, ihre Arbeitszeit zwei Jahre lang auf bis zu 15 Stunden zu reduzieren. Das Gehalt wird aufgestockt, bei der halben Arbeitszeit beispielsweise auf 75 Prozent.

    Damit das letztlich nicht die Unternehmen zahlen müssen, muss der Arbeitnehmer die Gehaltsaufstockung später wieder abarbeiten: Wenn er aus der Familienpflegezeit zurückkommt, arbeitet er wieder Vollzeit, das Gehalt aber bleibt weitere zwei Jahre auf 75 Prozent reduziert. Für die Aufstockung erhalten die Firmen bei der KfW Bankengruppe einen zinslosen Kredit, zudem sind sie durch eine Ausfallversicherung geschützt – für den Fall, dass ein Beschäftigter nicht wiederkommt, um den Gehaltsvorschuss abzuarbeiten. All das ist Teil des Pakets.

    Anfang des Jahres noch, als das Gesetz neu war, schüttelte Bundesfamilienministerin Kristina Schröder viele Hände: die von Unternehmern, die zusagten, ihre Mitarbeiter mit dem Modell zu unterstützen. Denn die Firmen müssen freiwillig mitmachen. Doch trotz viel guten Willens: Das Konzept geht sowohl an der Rea­lität der Arbeitgeber als auch an der Situation der pflegenden Mitarbeiter vorbei. Wie viele das Angebot schon genutzt haben, konnte das Familienministerium bislang nicht erheben. Denn viele Firmen regelten solche Fälle in Eigenregie, beantragten daher auch keine staatliche Unterstützung.

    Kein Wunder. “Das Gesetz ist bei Personal­abteilungen vielfach ungeliebt, weil es relativ sperrig und bürokratisch ist”, sagt Rüdiger Koch, Betriebsratsvorsitzender des Pharma­unternehmens Merz. “Gerade im Hinblick auf den Bedarf an mehrmaligen und kürzeren Pflegezeiten wickeln viele Firmen dies intern schon flexibler und unbürokratischer ab.” Bei Merz gibt es für pflegende Mitarbeiter Teilzeitmodelle, Vertrauensarbeitszeit, Telearbeit, außerdem dürfen die Kollegen Telefon, E-Mail und Internet während der Arbeit auch privat nutzen, um mit Behörden oder dem Pflegedienst Probleme zu Hause zu klären. Kleinigkeiten, scheint es. Doch oft sind es genau diese Stellschrauben, die den Pflegenden das Leben erleichtern. Ganz ohne Gesetz.

    Familienpflegezeit – Das neue Modell

    Die Familienpflegezeit ist für Unternehmen kostenneutral: Es gibt zinslose Darlehen für die Gehaltsaufstockung. Die pflegenden Beschäftigten arbeiten diese später wieder ab. Eine Versicherung schützt die Firma vor Ausfällen.
    Inanspruchnahme Zur Familienpflegezeit müssen die Unternehmen sich freiwillig bereit erklären. Einen Rechtsanspruch gibt es nicht. Beschäftigte, die Angehörige ­pflegen, können ihre Arbeitszeit bis zu zwei Jahre lang auf bis zu 15 Stunden die Woche reduzieren. Das Gehalt wird um die Hälfte der Kürzung aufgestockt. Bei einer Reduktion auf die Hälfte der Arbeitszeit zum Beispiel bekommt der Angestellte 75 Prozent des Gehalts. Um den Vorschuss wieder abzuarbeiten, bleibt das Einkommen weitere zwei Jahre auf 75 Prozent reduziert, wenn der Mitarbeiter wieder voll arbeitet.
    Finanzierung Für die Aufstockung bekommen die Firmen einen Kredit bei der KfW Bank – zinslos. Den Antrag stellen sie beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA). Die Auszeit ist für das Unternehmen also kostenneutral.
    Absicherung Für den Fall, dass der Mitarbeiter der Rückzahlungspflicht nicht nachkommt, muss dieser eine Familienpflegezeitversicherung abschließen. Das geht individuell oder über eine vom BAFzA vorgehaltene Gruppenversicherung. Den Beitrag zahlt der Angestellte, die Höhe hängt von der Gehaltsaufstockung ab.

    Schließlich müssen auch die Unternehmen ein Interesse daran haben, ihre Angestellten in solchen Fällen zu unterstützen. Zu groß ist die Gefahr, dass Fachkräfte zu Firmen abwandern, die beispielsweise in Sachen Arbeitszeit beweglicher sind. Oder dass der Mitarbeiter durch die Überforderung am Ende selbst ausfällt – rund ein Drittel der Pflegenden erkrankt infolge der Belastung. Doch was bei Merz funktioniert, ist in deutschen Firmen längst nicht Alltag. Deshalb reist Koch viel durchs Land und besucht Unternehmen, um über den demografischen Wandel zu reden und Beispiele für die Entwicklung eigener Konzepte zu geben.

    Auch Unternehmer wie Helmut Wallrafen-Dreisow, Geschäftsführer der Sozial-Holding Mönchengladbach, sind auf die Familienpflegezeit gar nicht gut zu sprechen. Zu Beginn setzte er noch alles daran, seine Mitarbeiter für die Idee zu gewinnen. “Wir betreiben selber Altenheime und ambulante Pflegedienste. Bei uns ist Pflege kein Tabu, sondern Alltag”, sagt er. “Wer also sollte das machen, wenn nicht wir?”

    Als bundesweit Erster schloss Wallrafen-Dreisow für sein Unternehmen eine Versicherung mit dem Finanzdienstleister Genworth Finan­cial ab, um ein finanzielles Risiko auszuschließen. Dann machte er sich auf die Suche nach Kollegen, die das Angebot in Anspruch nehmen wollten, hängte Plakate in den Pausenräumen auf, bot Beratung an. Ohne Erfolg. “Bis heute”, redet sich Wallrafen-Dreisow in Rage, “bis heute haben wir keinen Einzigen gefunden. Keinen Einzigen!” Ein paar Kollegen hätten mal nachgefragt, einen Termin zur Beratung vereinbart – und abgewunken. “Die haben alle gesagt: Das kann ich mir nicht leisten.”

    Zwei Jahre Pflegezeit – und dann?

    Für die Firmen ist das Modell zwar kostenneutral, nicht aber für die pflegenden Mitarbeiter. Die büßen ein Viertel ihres Gehaltes nicht nur in der Zeit ein, in der sie zu Hause für ihre ­Eltern einkaufen und kochen, sondern auch danach, wenn sie schon wieder voll arbeiten. Hinzu kommt, dass es meist Frauen sind, die ihre Angehörigen betreuen. Also diejenigen, die ohnehin weniger verdienen und von der Gehaltseinbuße besonders hart getroffen werden. Und nicht zuletzt: Laut Gesetz müssen sie spätestens nach zwei Jahren auf ihre Vollzeitstelle zurückkehren, obwohl die private Situation unverändert ist – die durchschnittliche Pflegezeit beträgt acht und nicht zwei Jahre. Dann fangen die Probleme meist wieder von vorn an.

    Aber es gibt ja immerhin Wilfried Brandebusemeyer. Der hat es gemacht, er hat Familienpflegezeit genommen. Brandebusemeyer, ein Hüne mit grauem Vollbart. 1972 hat er seine erste Schicht im Stahlwerk Georgsmarienhütte angetreten, wie zuvor schon sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater. Er hat im Walzwerk gearbeitet, ehe er ins Betriebsrats­büro umzog, eine Männerwelt, damals noch viel mehr als heute. Im Herbst 2010 starb plötzlich seine Frau, und sein Leben wurde nicht nur durch die Trauer erschüttert. Plötzlich kam ­eine ganz neue Aufgabe auf ihn zu: Seine Frau hatte sich zu Hause um die Mutter gekümmert, die in der Wohnung darunter wohnt und auf Hilfe im Alltag angewiesen ist. Mit einem Mal war das Brandebusemeyers Aufgabe.

    Er nahm Familienpflegezeit. Für ein halbes Jahr reduzierte er seine Arbeitszeit auf 17,5 Stunden pro Woche. Die übrige Zeit brauchte er, um zu Hause alles zu regeln: einen Pflegedienst zu suchen – für die Zeit, wenn er wieder voll arbeiten würde. Verwandte zu mobilisieren und einen Plan auszuarbeiten, wer die Mutter morgens aus dem Bett holt und ihr mittags etwas kocht. Drei Tage verbrachte er noch in der Georgsmarienhütte – und war sehr froh darüber. “Das ist der Vorteil, dass man bei der Familienpflegezeit nicht ganz aussteigen muss, sondern im Job bleiben kann.”

    Wenn da nur nicht der finan­zielle Nachteil wäre. Um den zu verdeutlichen, holt Brandebusemeyer Block und Stift aus der Schreibtischschublade und rechnet vor, was das Ganze kostet: Bei einem angenommenen Grundgehalt von 4000 Euro verzichtet ein Angestellter auf fast 16.000 Euro, wenn er sich ein Jahr lang intensiv um die Eltern kümmert. “Wäre meine Mutter im Pflegeheim, würde das rund 30.000 Euro kosten, und der Staat müsste den größten Teil davon finanzieren”, sagt Brandebusemeyer. “So werden die Leute auch noch dafür bestraft, dass sie sich um ihre Angehörigen kümmern.”

    Auch der Mönchengladbacher Geschäftsführer Wallrafen-Dreisow sieht ein strukturelles Problem. Das Geld der Sozialkassen fließe nur in stationäre Pflege, sagt er. Die Pflege zu Hause aber sei Privatsache, das zahle die Familie allein – durch Gehaltseinbußen oder indem sie aus eigener Tasche eine Billigkraft aus Polen oder Rumänien holt. Und das Thema bleibt, wo es immer war: im Kreise der Familie, als Privatsache. “Pflege ist in vielen Unternehmen immer noch ein Tabu”, sagt Merz-Mann Rüdiger Koch. “Viele Beschäftigte fürchten sogar, dass sie sich als potenzielle Schlechtleister outen, wenn sie ihrem Chef von der Belastung durch die Pflegesituation erzählen.”

    In der Georgsmarienhütte zumindest braucht dies niemand zu fürchten. Das Stahlwerk liegt im Süden Osnabrücks in einer ländlichen Gegend. Mehrgenerationenhaushalte sind hier normal, viele Arbeiter kümmern sich zu Hause um ihre Eltern. “Die anderen Kollegen wissen das auch, darüber wird gesprochen”, sagt Arbeitsdirektor Felix Osterheider. Er sieht in der Familienpflegezeit nach wie vor eine Chance für das Unternehmen. Die Kollegen würden ihre schwierige Situation sonst gedanklich mit an den Arbeitsplatz nehmen. In der Familienpflegezeit aber könnten sie sich in der gewonnenen Zeit um die Angehörigen kümmern – und dafür im Betrieb einen freien Kopf haben.

    Die Georgsmarienhütte bietet das Modell also weiterhin an, obwohl es praktisch keine Nachfrage danach gibt. “Auch ich würde das nicht noch einmal machen”, sagt Brandebusemeyer. “Wenn die Familienpflegezeit zu Ende ist, ist das Geld weg, und die Pflege ist immer noch da.”

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse.de
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