Innerhalb von knapp sechs Jahren bekam Peter Koehnen* gleich zweimal Besuch vom Finanzamt. Beim ersten Mal hatte der Zufallsgenerator den Krefelder Textileinzelhändler für die Steuerprüfer ausgewählt. Ende 2007 rückten die Beamten wieder an. Begründung: Er habe zu wenig Gewinn erwirtschaftet.
Aufgefallen war der Unternehmer, als die Leute in der Veranlagungsstelle die Steuererklärung auf Plausibilität prüften. Die Umsatzrendite sah schlechter aus als in den Vorjahren, zudem lag sie jetzt deutlich unter dem Branchenschnitt. "In solchen Fällen setzen die Beamten gern die Kollegen von der Außenprüfung in Marsch", weiß Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Christoph Enders aus Bergisch Gladbach.
Da sollte man gewappnet sein. Messen lassen müssen sich mittelständische Firmenchefs an den Richtsätzen der Finanzverwaltung – ermittelt bei Betriebsprüfungen in kleinen und mittleren Firmen aus Handel, Handwerk und Dienstleistung.
Schwarzumsatz gesucht
Wenn die Steuerkontrolleure jetzt ausschwärmen, haben sie frische Zahlen parat: die Richtsatzsammlung 2007 für über 70 Branchen. Die wichtigsten Kennzahlen sind Roh- und Reingewinn in Prozent vom Umsatz. Liegen die Bilanzzahlen erheblich unter den Vergleichswerten, wird es ungemütlich. Denn dann wittern die Beamten Schlamperei oder Schwarzumsätze. Dann steigen sie richtig in Bücher und Belege ein. Im schlimmsten Fall verwerfen sie die Buchführung und schätzen Umsatz und Gewinn. Berater Enders: »Das sollten Firmenchefs verhindern.«
Sie warten deshalb besser nicht, bis die Steuerprüfer irgendwann auf der Matte stehen. Stattdessen vergleichen sie die eigenen Zahlen regelmäßig mit den Werten der Finanzverwaltung. Für 2007 fällt auf, dass die Finanzverwaltung in einigen Handwerksbranchen ein bis zwei Prozentpunkte mehr Umsatzrendite erwartet als im Jahr zuvor. Das betrifft zum Beispiel Dachdecker (jetzt 14 bis 19 Prozent) oder Elektroinstallateure (5 bis 22 Prozent). Zugelegt haben nach der amtlichen Statistik auch Imbissbetriebe (23 Prozent) oder Spielhallen (15 bis 20 Prozent).
Dass die Geschäfte wegen der Mehrwertsteuererhöhung in vielen Bereichen bereits 2007 schlechter liefen, scheint sich in der Finanzverwaltung noch nicht herumgesprochen zu haben. Insbesondere der Einzelhandel bekam die Flaute sofort zu spüren: "Die Betriebe haben schwer zu kämpfen", sagt Stefan Genth vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) in Berlin. Die Finanzbehörden erwarten dagegen gute Umsätze und Gewinne. So soll etwa der Textileinzelhandel im Durchschnitt 13 Prozent Umsatzrendite erzielt haben. "Völlig abwegig", kommentiert Unternehmer Koehnen, "wir sind heilfroh, dass wir gerade noch schwarze Zahlen schreiben."
Schon ist Ärger für die nächste Betriebsprüfung programmiert. Spätestens wenn die Beamten sich anmelden, sollten Firmenchefs prüfen, wo sie stehen. Dann ist es höchste Zeit, nach Ursachen für gravierende Abweichungen von den Plan-Gewinnen zu forschen. "Plausible Gründe gibt es genug", sagt der Koblenzer Steueranwalt Rüdiger Fromm. Etwa Sonderabschreibungen im Anlagevermögen, Verlust von größeren Aufträgen, neue Sortiments- oder Kundenstrukturen, größere Werbekampagnen. Oder – wie bei Einzelhändler Koehnen – hohe Teilwertabschläge auf Ladenhüter.
Schätzung abwehren
Bleiben Zweifel, nehmen sich die Prüfer speziell in Handwerksbetrieben und kleinen Geschäften die Kassenbücher vor. Ob alle Aufzeichnungen echt sind, versuchen sie verstärkt mit Hilfe des Chi-Quadrat-Tests zu überprüfen. Tauchen einzelne Zahlen ("Lieblingsziffern") besonders häufig auf, wird die Kasse womöglich nicht sauber geführt. Dann dürfen die Beamten Gewinne schätzen. Firmenchefs und Berater nehmen deshalb alle gängigen Kontrollrechnungen vorweg. Experte Fromm: "Das heißt: weniger Prüfungsstress."
* Name geändert
© 2008 impulse.de
Ihre Meinung
Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück






















Diesen Artikel bookmarken bei...