Recht + Steuern Was im Kleingedruckten an Risiken lauert

Viele Mittelständler sind unterversichert. Anderswo zahlen sie doppelt. Ralph ­Brandmüller, Chef der Verpackungsfirma Esapaq, hat für impulse seinen Versicherungsordner geöffnet.

Was am 4. Februar in der Halle in einem Gewerbegebiet in der Nähe von Fulda passierte, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich war es ein kleiner elektrischer Heizlüfter, der stundenlang auf Hochtouren lief, um das Lager bei strengem Frost auf Plusgrade zu bringen. „Da schmilzt dann ein Stück Kunststoff, tropft auf ein heißes Bauteil und fängt an zu brennen“, mutmaßt Ralph Brandmüller. Jedenfalls brannte die Halle völlig aus.

Brandmüller, Mehrheitseigner der Esapaq mit Sitz in Gerstungen bei Eisenach, hatte in dem Bau Luftpolsterfolien für Verpackungen gelagert, die er herstellt. Die Solarmodule auf dem Dach gingen kaputt, vor der Halle geparkten Autos schmolzen die Stoßfänger weg. 250 000 Euro beträgt der Schaden nach ersten Schätzungen. Glück im Unglück: Der Brand beeinträchtigt nicht die Esapaq-Produktion. Dennoch entwickelte sich der Vorfall zu einem großen Ärgernis. Der Versicherer wollte zuerst nur ein Drittel der Summe zahlen. Begründung: Die Deckungssumme reiche nicht.

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Sachwerte sind oft unterversichert

„Der Versicherungsvertreter hat damals die Kosten des Rohbaus zugrunde gelegt“, erinnert sich Brandmüller. Dabei vergaßen Unternehmer und Vertreter, wie viel Eigenleistung im ­Innenausbau der Halle steckte. Nur: „Bei Wiederaufbau ist kaum Zeit für Eigenleistung.“

Dieter Freigang, der als Schadenberater Versicherte im Umgang mit Versicherern berät, kennt solche Fälle zur Genüge. „Die Versicherungssumme bei Sachschäden ist im Mittelstand fast immer zu niedrig angesetzt.“ Für Unternehmer Brandmüller war das Feuer in dem kleinen Lager ein Weckruf. Er hatte sich bisher nur ungern im Detail mit seinen Versicherungen beschäftigt. Jetzt will der Mittelständler ­alle Verträge einem Stresstest unterziehen. Vor zwei Jahren sei zwar ein Sachverständiger seiner Versicherung vor Ort gewesen, habe den Betrieb besichtigt und die Versicherungssummen nach oben angepasst. Dennoch: Brandmüller ist sich nicht mehr sicher, ob die Deckung ausreichen würde, um den Betrieb wieder aufzubauen. impulse hat den Unternehmer bei seiner Analyse begleitet – und Verträge von Experten prüfen lassen.

Die Halle in der Nähe von Fulda ist für Esapaq nur eine Nebenstelle. Produktion und Verwaltung befinden sich seit 2002 in einem Gewerbegebiet in Thüringen. Zwei Werkshallen mit insgesamt 6000 Quadratmetern. Hier wird Polyethylen-Granulat geschmolzen und zu transparenter Folie geblasen. Daraus entsteht dann in einem Kalander, einer riesigen Anlage, die fast bis zur Hallendecke reicht, das eigentliche Produkt: Zwei Lagen Folie schließen kleine Luftblasen ein. Fertig ist das Polster- und Verpackungsmaterial.

Daneben stehen noch weitere, kleine Maschinen, an denen Esapaq-Mitarbeiter die Folie je nach Kundenwunsch zuschneiden, sie zu ­Taschen und Beuteln schweißen. Allein der Luftpolster-Kalander, der 1997 rund 800 000 D-Mark gekostet hat, würde heute mit 1 Mio. Euro zu Buche schlagen. Auch die übrigen Maschinen sind teurer geworden. Hinzu kommt: „Das sind Einzelanfertigungen“, sagt Brandmüller. Solche Sondermaschinen im Notfall schnell neu bauen zu lassen dürfte einen deutlichen Aufpreis kosten. Dass in den Hallen zudem fertige Rollen Luftpolsterfolie lagern, plus Rohmaterial, Gabelstapler und Werkzeug, wäre da noch das geringste Problem.

Werkshallen, Maschinen und Vorräte von Esapaq sind viel zu niedrig versichert. Müsste Chef Brandmüller die Produktion in kurzer Zeit neu aufbauen, würde das Geld nicht reichen.

Seine Versicherung für Gebäude und Inhalt würde dafür nicht ausreichen, rechnet Schadenexperte Freigang vor. Maschinen und Material sind laut Police nur mit einer Summe von 2,75 Mio. Euro gedeckt. Die Versicherungssumme für das Gebäude orientiert sich an der Vergangenheit: nämlich an den Baukosten von 2002 plus einem Inflationsausgleich. Derzeit beträgt die Deckung rund 2,4 Mio. Euro.

In den Esapaq-Verträgen fehlt eine Klausel, die Versicherungsexperte Freigang für besonders wichtig hält: zum technologischen Fortschritt nämlich. „Gerade bei Maschinen genügt es nicht, vom Anschaffungspreis plus Inflation auszugehen“, sagt er. „Wenn sich der Stand der Technik verändert, muss der Versicherte eine moderne Maschine kaufen können. Selbst wenn die dann deutlich teurer ist.“

Und beim Gebäude gilt: „Die Versicherungssumme sollte so angesetzt sein, dass damit die Kosten gedeckt sind, die entstehen, wenn ortsansässige Handwerker dieses Gebäude in gleicher Art und Güte neu bauen“, sagt Freigang. „Plus 15 Prozent Nebenkosten.“ Stattdessen versichern Unternehmer oft nur den Verkehrswert, vergessen Eigenleistungen. Eine bessere Deckung wäre nach Freigangs Einschätzung schon bei einer unwesentlich höheren Prämie drin. Aktuell zahlt Brandmüller für die Police knapp 18 000 Euro pro Jahr. Abgesichert sind dafür Schäden durch Feuer, Sturm, Hagel, Einbruchdiebstahl und Leitungswasser. Einschlag von Flugkörpern und Elementarschäden bleiben ungedeckt. Mit einem Meteoriten rechnet Brandmüller nicht wirklich. „Und auch nicht mit einer Sturmflut.“

Zur Inhaltspolice gehört wie üblich auch bei Esapaq die Versicherung gegen Ertragsausfälle. Bis zu zwölf Monate lang würde der Versicherer Brandmüller bei einer Betriebsunterbrechung den entgangenen Gewinn und die laufenden Fixkosten ersetzen – auf der Basis der letzten betriebswirtschaftlichen Auswertung vom Steuerberater. „Zwölf Monate ist schon ganz gut“, sagt Experte Freigang. „Es kommt aber darauf an, welches Szenario man annimmt. Wenn das gesamte Gebäude abbrennt und auch der Inhalt einen Totalschaden erleidet, dann ist ein Jahr zu knapp.“ Brandmüller solle prüfen, wie viel zusätzliche Prämie für ­eine „Haftzeit“ von 18 Monaten fällig würde.

Eine eigene Elektronikversicherung hat der Unternehmer nicht abgeschlossen – in seinem Fall ist das auch aus Sicht des Fachmanns in Ordnung. Die Büroelektronik hat Brandmüller geleast. Gegen Feuer und andere Sachschäden ist sie über die Inhaltspolice versichert, für Verschleiß ist der Leasinggeber zuständig.

Eine Glasversicherung fehlt ebenfalls in Brandmüllers Ordner, das wusste er lange gar nicht. Bis sich vor einigen Jahren die Druck­luftdüse einer Maschine selbstständig machte, durch die Halle schoss und eines der Fenster zertrümmerte. „Ich hab bei der Versicherung gefragt, ob sie den Schaden ersetzt, er war aber nicht gedeckt“, berichtet Brandmüller. „Das waren am Ende nur 200 Euro. Die hab ich gerne selbst bezahlt.“

Haftpflichtschäden sind für Esapaq zwar nur ein untergeordnetes Problem. Dennoch fällt auf: ­Typische Vertragsdetails sind seit Jahren überholt. Im Extremfall könnte das Probleme bringen.

Zweiter wichtiger Bereich: Haftpflichtschäden. Esapaq verkauft seine Luftpolsterfolien vor ­allem an Verpackungsgroßhändler, hat keinen eigenen Außendienst oder Vertrieb, alle Mitarbeiter bleiben im Werk. Zwei eigene Lkw, die Brandmüller bis vor Kurzem für die Auslieferung der Folien hatte, sind inzwischen abgeschafft. Da könne nicht viel passieren, wofür sein Unternehmen haften müsse, meint Brandmüller. Dennoch hat er eine Haftpflichtpolice abgeschlossen, die einspringt, wenn seine Mitarbeiter oder Produkte unabsichtlich Schäden verursachen.

Nicht von seiner jährlich 2000 Euro teuren Betriebshaftpflicht gedeckt sind „Erfüllungsschäden“. Das sind Schäden, die entstehen, wenn Esapaq-Produkte nicht halten, was sie versprechen. „Das Thema könnte man aber kostengünstig reinnehmen“, sagt Helmut Riedel, Versicherungsberater aus dem süddeutschen Leonberg. Bei einigen Versicherern gehöre die Erweiterung bereits zum Standard. Auch die Versicherungssumme hält Riedel für veraltet: 5 Mio. Euro statt der jetzt vorgesehenen maximalen Entschädigung von 2 Mio. Euro sollten seiner Meinung nach drin sein – ohne Aufpreis. „Für die minimalen Leistungen“, sagt Riedel, „ist die Police jetzt deutlich zu teuer.“

Der Hamburger Versicherungsmakler Thorsten Hethey findet die Deckungssumme aus einem weiteren Grund zu niedrig angesetzt. Laut Gesetz haftet bei einem Feuer, das auf andere Grundstücke übergreift, derjenige, bei dem der Brand begonnen hat. „So kommen schnell etliche Millionen zusammen.“ Und dann kommt man mit 2 Mio. Euro nicht weit.

Unternehmer Brandmüller muss wohl mit seinem Versicherer reden. Auch weil er demnächst womöglich in ein neues Geschäftsfeld einsteigt: Er plant, im Lager ab August eine neue Anlage für spezielle Verpackungen aufzubauen. „Damit verändert sich die Betriebsbeschreibung“, sagt Experte Hethey. „Das muss er dem Versicherer melden, sonst könnte der sich bei einem Schaden weigern zu zahlen.“ Dabei genügt es, wenn Brandmüller eine solche Veränderung einmal pro Jahr rückwirkend in den Meldebogen einträgt, den die Assekuranz ihm regelmäßig schickt. Der Versicherer deckt dann auch Schäden ab, die zwischenzeitlich aus dem neuen Geschäftsfeld entstanden sind.

Noch ein Punkt fällt dem Makler auf: Brandmüller hat zusätzlich zur Betriebshaftpflicht auch privat eine Haftpflichtversicherung. „Das ist gar nicht nötig“, sagt Hethey. „Die ist für den Geschäftsführer mit drin.“

Vieles bleibt ungedeckt

Das Risiko, dass er selbst ausfällt und der Betrieb dann ohne Chef dasteht, will Brandmüller nicht versichern: Stattdessen hat er Vertreter bestimmt und Vollmachten hinterlegt.

Einige Risiken trägt Esapaq-Chef Brandmüller selbst, etwa, dass er oder andere Führungskräfte Fehler machen und damit dem Unternehmen schaden. Solche Führungsfehler lassen sich mit einer Managerhaftpflichtpolice abdecken, auch Directors and Officers Liability (D&O) genannt. Für Brandmüller kein Thema: „Ich versichere nicht den Schaden, sondern sorge dafür, dass er nicht eintritt.“

Für kleine Betriebe wie Esapaq mag das stimmen, gibt Jochen Körner zu, Geschäftsführer beim Versicherungsmakler Marsh. „Doch für größere Mittelständler sind D&O-Versicherungen höchst relevant.“ Sie bieten finanziellen Schutz, wenn sich Manager etwas zu Schulden kommen lassen, wofür das Unternehmen geradestehen muss.

Wenn der Chef selbst oder ein wichtiger ­Mitarbeiter ausfällt, zahlen Keyman-Policen. Eine Pflichtversicherung für Experte Körner, gerade in kleinen Betrieben wie Esapaq. „So etwas besitze ich aber auch nicht“, sagt Brandmüller. Stattdessen hat der 57-Jährige schon vor Jahren gemeinsam mit einem Unternehmensberater einen Plan für den Fall der Fälle geschrieben. „Wenn mir etwas passiert, übernehmen meine Stellvertreter die Geschäftsführung“, sagt Brandmüller. „Sie haben alle Vollmachten, kennen die Passwörter und Konto­daten.“ Von Anfang an, erklärt der Unternehmer, habe er versucht, den Betrieb so zu organisieren, dass er ohne ihn laufen würde. „Das ist mir in den wichtigsten Bereichen auch gelungen.“ Nur um die Versicherungen muss er sich jetzt noch einmal persönlich kümmern.

Kombipolicen: Fast alles Drin

Viele Versicherer haben Rundumverträge für die wichtigsten
Risiken einer Firma entwickelt. Doch sie sind nicht für jedes
Unternehmen geeignet.

Allroundvertrag
Kombipolicen decken die üblichen Standardschäden ab, bis zu ­einer einheitlichen Deckungssumme von 3 bis 10 Mio. Euro. Inbegriffen sind meist Sachschäden an Gebäude und Ausrüstung, Elektronikschäden, oft Ertragsausfall und Betriebshaftpflicht.

Risiko nach Branche
Prämien werden nicht nach individuellem Betriebsrisiko kalkuliert, sondern ähnlich wie bei Privatkunden: Je nach Branche des Versicherten bestimmt die Assekuranz eine Risikoklasse. Wer zum Beispiel Holz oder Papier verarbeitet, zahlt wegen der erhöhten Feuergefahr mehr. Die Prämie richtet sich nach der Größe des Betriebs, also Mitarbeiterzahl und Umsatz.

Die Masse macht’s
Typische Betriebe ihrer Branche, kleinere Mittelständler und Handwerker bekommen ­eine ordentliche Rundumdeckung zu guten Konditionen. Die Verträge sind im Vergleich günstig, weil die Versicherer neue Kunden gewinnen wollen und mit vielen gleichartigen Risiken planen.

Aber nicht für jeden
Kombipolicen schließen viele Risiken aus: Geschäfte außerhalb Europas sind oft nicht gedeckt, einige Branchen unerwünscht. Arbeitet ein Betrieb mit vielen Maschinen und wenig Menschen, passt die Prämie nach Mitarbeiterzahl mitunter nicht. Managerhaftpflichtschäden oder der Ausfall von Schlüsselpersonen sind ebenfalls nicht gedeckt.

Fazit: genau lesen
Nicht nur Versicherer, auch größere Makler haben Kombipolicen im Angebot. Unternehmer sollten sich die „Multi Risk“ oder „Gewerbe Spezial“ genannten Verträge im Detail ansehen und prüfen, ob sie zu ihrem Betrieb passen.

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