Recht + Steuern Wenn Mitarbeiter bis 70 arbeiten (sollen)

Viele Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften, weil bald große Arbeitnehmer-Generationen zu Ruheständlern werden. Was eine - vielleicht freiwillige - Rente mit 70 bewirken könnte.

Eigentlich klingt es ganz logisch: Die Bundesbürger werden immer älter und zugleich immer weniger. Deswegen sollten sie in den kommenden Jahrzehnten auch länger arbeiten und schrittweise später in Rente gehen, argumentieren Wirtschaft, Arbeitsmarktexperten und Politiker. Kommt die volle Rente irgendwann vielleicht erst mit 70 Jahren? Schon die beschlossene Rente mit 67 ist heftig umstritten.

Was könnte ein noch späterer Renteneintritt bezwecken?

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Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, hält Anreize für nötig, damit Arbeitnehmer, die fit sind, freiwillig bis 70 arbeiten können. Ähnliche Überlegungen hatten zum Beispiel auch schon der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, und EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) angestellt. Denn viele Branchen bangen um die Fachkräfte der Zukunft. „Die Babyboomer reißen große Lücken“, warnte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Das sind die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er, die langsam, aber sicher ins Rentenalter kommen.

In welchen Berufen droht besonderer Fachkräftemangel?

Bereits heute gibt es in 139 von 615 Berufsgattungen Engpässe, wenn qualifizierte Mitarbeiter rekrutiert werden sollen, wie eine neue IW-Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums ergab. Von 6,7 Millionen Beschäftigten in diesen Branchen scheiden in den kommenden 15 Jahren 2,1 Millionen aus. Groß dürfte der Ersatzbedarf etwa bei Kraftfahrern und in der Krankenpflege sein. Auch bei Leitungskräften in Erziehung, Sozialarbeit und im Tiefbau drohen Lücken, ebenso in der Überwachung des Bahnbetriebs und bei Vermessungstechnikern.

Wie viele Ältere sind überhaupt berufstätig?

Der Anteil älterer Arbeitnehmer ist schon stark gestiegen. So waren im Jahr 2000 von den 60- bis 64-Jährigen nur 20 Prozent erwerbstätig, aber 62 Prozent Rentner. Im vergangenen Jahr waren bereits 50 Prozent erwerbstätig und nur 37 Prozent Rentner. Im Sommer 2014 registrierten die Arbeitsagenturen 173.000 sozialversicherungpflichtig Beschäftigte ab 65 Jahre, nachdem es sieben Jahre zuvor nur 96.000 waren. Darunter sind jetzt auch 43 000 Senioren im Alter von 70 bis 74 Jahren, von denen es zuvor 25.000 gab. Dazu kommen inzwischen noch 276.000 über 70-Jährige, die ausschließlich eine geringfügige Beschäftigung haben.

Können Ältere einfach länger arbeiten?

In ihrem jüngsten Rentenpaket hat die Bundesregierung gerade einen abschlagsfreien früheren Ausstieg mit 63 ermöglicht, wenn 45 Beitragsjahre erreicht sind. Teil des Pakets ist aber auch, dass Arbeitnehmer mit der Firma vereinbaren können, eine feste Zeit über das Renten-Eintrittsalter hinaus weiterzumachen. Hintergrund ist laut Bundesarbeitsministerium, dass Beschäftigte grundsätzlich auch im Rentenalter berufstätig sein dürfen. Tarifverträge legen aber oft fest, dass Arbeitsverhältnisse mit einer Altersgrenze enden – diese kann nun hinausgeschoben werden.

Können Ältere den Fachkräftebedarf decken?

Allein mit einem längeren Arbeitsleben dürfte die Fachkräftelücke nicht zu schließen sein. Zumal 70-Jährige eher nicht auf Baugerüste klettern sollten. Deshalb sagt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), man müsse auch die Arbeitsmarktchancen für Frauen, An- und Ungelernte sowie Menschen mit Behinderung weiter verbessen. Dazu müssen laut Experten auch Nachwuchsförderung und Zuwanderung kommen. Überhaupt spielt die generelle Alterung der Gesellschaft eine Rolle. So beziehen Ruheständler inzwischen durchschnittlich gut 19 Jahre Rente – ungefähr doppelt so lange wie vor 50 Jahren.

 

Was Unternehmen rechtlich beachten müssen, wenn sie Arbeitnehmer über das Renten-Eintrittsalter hinaus beschäftigen wollen, lesen Sie an diesem Dienstag auf impulse.de.

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