Rund jedes zehnte in deutschen Apotheken verkaufte Medikament kommt aus dem Ausland - denn dort sind viele Arzneien wesentlich günstiger. Etwa 40 mittelständische Unternehmen haben sich deshalb darauf spezialisiert, Pillen billig im europäischen Ausland zu kaufen, um sie dann an deutsche Großhändler und Apotheken zu liefern. Jährlicher Umsatz: 3 Milliarden Euro.
Laut Bundesverband der Arzneimittelimporteure spart diese kleine Branche den Kassen jährlich rund 300 Millionen Euro Medikamentenkosten. Im Vergleich zu 32 Milliarden Euro Gesamtausgaben scheint das zwar wenig, allerdings zwingen die Importeure die Pharmafirmen, ihre deutschen Preise gar nicht erst so eklatant viel höher anzusetzen als in der restlichen EU. Denn sonst droht Konkurrenz durch Import. Das wiederum spart laut Verband jährlich rund 3 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der von Philipp Rösler (FDP) geforderte Herstellerrabatt, mit dem der Gesundheitsminister Arzneimittelhersteller zu Preissenkungen zwingen will, bringt gut 1 Milliarde Euro.

Weil es Kosten spart, sind Apotheker hierzulande verpflichtet, importierte Arzneimittel abzugeben, wenn sie 15 Prozent oder 15 Euro preiswerter sind als die im deutschen Handel angebotenen. Insgesamt müssen Apotheker fünf Prozent ihres Arzneiumsatzes mit Importen bestreiten. Bei manchen Produkten wird mehr als die Hälfte aus dem Ausland gekauft, darunter Eli Lillys Schizophrenie-Blockbuster Zyprexa oder Roches Osteoporose-Arznei Bonviva.
Doch das wichtige Wettbewerbsinstrument im Arzneimittelmarkt könnte verschwinden. Den Importeuren von Medikamenten stehen harte Einschnitte bevor: Die Bundesregierung will die gesetzliche Importquote abschaffen. Zusätzlich müssen die Importeure künftig einen höheren Rabatt auf ihre Produkte geben. "Jeder zweite Importeur könnte zumachen", sagt Edwin Kohl, Chef von Deutschlands größtem Importeur Kohlpharma.
Der bislang per Gesetz erzwungene Wettbewerb ärgert die deutschen Pharmafirmen schon lange. Seit Jahrzehnten wettern die großen Hersteller gegen die ihnen unbequeme Branche. "Die Importe sind eines der größten Ärgernisse für die Hersteller", sagt der Versorgungsforscher Gerd Glaeske von der Uni Bremen. "Sie sind das einzige Mittel, um bei patentgeschützten Arzneien einen Preiswettbewerb zu erzeugen."
Das soll anders werden: Das Gesundheitsministerium will die Importarzneimittel "auf ihre weitere Notwendigkeit" überprüfen. Gespart werden soll durch andere Maßnahmen - wie den Herstellerrabatt. Glaeske sieht die geplante Abschaffung als Zugeständnis an Big Pharma: "Rösler hat die Hersteller in die Pflicht genommen, da braucht es dann auch wieder eine freundliche Geste."
Die Importeure hingegen sind doppelt getroffen. Ohne die gesetzliche Abgabepflicht gibt es wenig Anreize, auf Importarzneien zurückzugreifen: Die Patienten zahlen - ob Import oder nicht - immer die gleiche Rezeptgebühr, sparen also selbst nichts. Theoretisch könnten zwar die Kassen Verträge schließen, doch Aufwand und Chaos bei den bestehenden Rabattverträgen sind schon groß genug.
Das größte Problem aber ist: Die Importeure gelten gesetzlich als Hersteller und müssen daher - genau wie die Pharmafirmen - auf jedes von ihnen verkaufte Medikament künftig 16 statt 6 Prozent Ermäßigung geben. "Das ist der Todesstoß für die Branche", sagt der Geschäftsführer von Eurimpharm, Andreas Mohringer.
Vor allem die kleineren Unternehmen könnten das nicht überleben. Die Marktführer dagegen bauen bereits alternative Geschäftsmodelle auf: Die Kohl-Gruppe ist selbst in den Apothekenmarkt eingestiegen, Eurimpharm produziert nebenbei Verhütungsspiralen. Die Firma Axicorp versucht sich zusätzlich im Generikageschäft und will biotechnologische Nachahmerprodukte, sogenannte Biosimilars, auf den Markt bringen. Wie erfolgreich diese Ideen sind, muss sich erst zeigen. Kohl ist sicher: "Es wird eine Marktbereinigung geben."
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