Ziel des Gemeinschaftsunternehmens soll es sein, die heimische Stahlindustrie bei der weltweiten Beschaffung von Rohstoffen zu unterstützen. Die firmenübergreifende Gesellschaft soll sich an Minenprojekten oder der Ersteigerung von Schürfrechten beteiligen. "Warum sollen wir Afrika den Chinesen überlassen?", sagte Schulz mit Blick auf den Rohstoffreichtum des Kontinents.
Der Vorstoß des ThyssenKrupp-Chefs zeigt, wie sehr das Wachstum der Schwellenländer die Rohstoffversorgung der deutschen Industrie bedroht - für Schulz die "wichtigste Herausforderung in den kommenden Jahren". Die Rohstoff AG sei für andere Branchen offen, die mit Aluminium, Kupfer, Blei oder Zink zu tun haben.
Auf politischer Ebene wird das Projekt derzeit auf Initiative der Bundesregierung zusammen mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie diskutiert. "Ich begrüße die Überlegungen der Wirtschaft", sagte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) der FTD. Allerdings lehnte er die von Schulz gewünschte Minderheitsbeteiligung des Bundes an der Rohstoff AG ab. Der Staat werde nur mit Bürgschaften und Garantien helfen. "Für die Rohstoffbeschaffung ist die Wirtschaft selbst zuständig. Ein VEB Rohstoffe passt nicht in unsere Wirtschaftsordnung", sagte Brüderle.
Auch die EU arbeitet an einer Rohstoffstrategie. Industriekommissar Antonio Tajani will in Kürze einen Plan vorlegen, wie die Europäer besseren Zugang zu Rohstoffmärkten im Rest der Welt bekommen und mehr heimische Rohstoffe gewinnen könnten. Handlungsbedarf sieht der Italiener auch beim Recycling und der Erforschung von Ersatzstoffen für knappe Basismaterialien. Im Visier hat die EU-Kommission vor allem die für Hochtechnologie wichtigen seltenen Erden und Metalle der Platingruppe.
Die deutsche Stahlbranche musste zuletzt unter rapide steigenden Rohstoffkosten leiden. Die großen Erzlieferanten Vale, Rio Tinto und BHP haben in einem Vierteljahr allein Preiserhöhungen von mehr als 90 Prozent realisiert. Verschärft wurde das Problem noch durch einen Wechsel des Preissystems beim Eisenerz: Im Frühjahr hatten die drei führenden Erzkonzerne durchgesetzt, dass die Preise für Eisenerz künftig quartalsweise statt jährlich neu verhandelt werden. Das erhöht aus Sicht der Stahlhersteller die Volatilität, erschwert die Kalkulation und schmälert die Margen.
Nach dem Konzept von Schulz soll die deutsche Stahlindustrie ihre Beschaffungstöchter in eine gemeinsame Gesellschaft einbringen, eine "Deutsche Rohstoff AG", die mittelfristig an die Börse gehen soll. Bis das Konzept realisiert werden könne, werde noch mindestens ein Jahr vergehen, schätzte Schulz.
Bei der Konkurrenz stieß das Modell vorerst auf Skepsis. ArcelorMittal-Vorstand Michel Wurth sagte zwar, es gebe bereits einen ersten Gesprächstermin mit ThyssenKrupp in Sachen Rohstoff AG. Er fügte jedoch hinzu: "Wir haben eine eigene Rohstoffsparte, die relativ stark ist." Ähnlich verhalten äußerte sich Saarstahl-Chef Klaus Harste: "Der Einkauf ist eine Hoheitsaufgabe eines jeden Unternehmens und bietet damit auch die Möglichkeit, sich vom Wettbewerb abzusetzen." Zudem könne es zu Kartellproblemen kommen.
Wie sehr der Wechsel des Erzpreissystems die Branche derzeit erschüttert, erklärte Dillinger-Hütte-Chef Paul Belche bei einem Branchentreffen in Düsseldorf so: "In unserem Kampf ist eine Front dazugekommen - bisher waren alle Unternehmen auf der Rohstoffseite gleich."
Belche plädierte sogar dafür, Rohstoffeinkäufer für die Stahlindustrie künftig bei den Banken abzuwerben. Damit solle die entsprechende Expertise für Absicherungsgeschäfte ins Haus geholt werden.
© 2010 ftd.de
Ihre Meinung
Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück





















