Aus Erfahrung ist im Emissionsrechtehandel noch niemand klug geworden. Es gibt einfach noch zu wenig davon. Seit der Einführung des EU-Handelssystems im Jahr 2005 sind Stromkonzerne, Stahlwerke, Zementfabriken und andere Klimasünder stets reichlich mit Rechten ausgestattet worden, noch dazu überwiegend gratis. Die Manager fühlen sich also durchweg wohl in ihrer Haut, wenn es um die Zertifikate geht.
"Diese Situation wird sich bald ändern", sagt Michael Wilkins von der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P). Der Chef der Abteilung Carbon Markets bei den Londoner Bonitätsprüfern bezieht seine Einschätzung nicht aus dem Bauch, sondern aus einer Umfrage und der Faktenlage. Letztere wird sich komplett ändern: So erhalten Stromerzeuger mit Beginn der dritten Phase des EU-Emissionssystems ab 2013 keine Gratiszertifikate mehr, sondern müssen diese ersteigern. In anderen Branchen wird die Schraube nach und nach angezogen. Wieder andere Industrien beziehen das System erstmals ein, darunter Luft- und Schifffahrt sowie Chemie. Gleichzeitig streicht Brüssel die Gesamtmenge der Zertifikate Jahr für Jahr um 1,75 Prozent zusammen.
Erstmalig wirkliche Verknappung
Kurz: Das Recht zur Luftverschmutzung wird, wie politisch gewollt, erstmals zum wirklich knappen Gut. "Die Preistendenz ist langfristig steigend", sagt Heiko Siemann, Analyst bei der HypoVereinsbank. Die meisten seiner Kollegen sehen das auch so. Prognosen gehen für 2012 überwiegend von Lizenzpreisen zwischen 20 und 35 Euro je Tonne Kohlendioxid (CO2) aus. Heute sind es rund 13 Euro.
Viele energieintensive Unternehmen haben noch nicht richtig realisiert, was danach auf sie zukommt, wie S&P in seiner Umfrage herausfand. "Die Firmen müssen das Kohlendioxid-Risiko erst noch voll in ihre Finanzierungsentscheidungen einbeziehen", sagt Wilkins. Die aktuelle Krise hat sie in dem bisher nonchalanten Umgang mit Klimarechten vielmehr bestärkt. Sie dämpfte den Energiekonsum und nährte das Gefühl einer komfortablen Ausstattung mit Emissionsrechten. Etwa 89 Prozent der 513 von S&P befragten Firmen gaben an, Klimarechte beeinflussten Finanzierungsentscheidungen nicht. Sieben Prozent machen demnach Gewinn mit dem Rechteverkauf, nur vier Prozent müssen zukaufen.
170 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß bei RWE
Wie stark die künftigen Zuteilungsregeln einzelne Firmen beeinflussen können, rechnete RWE-Finanzchef Rolf Pohlig kürzlich vor. Kaum ein anderes Unternehmen stößt ähnlich viel Klimagas aus wie RWE, rund 160 bis 170 Millionen Tonnen CO2 jährlich. Schon jetzt muss der Kraftwerksbetreiber rund ein Drittel der Zertifikate zukaufen. Die Rechnung beläuft sich auf gut 1 Milliarden Euro. Der Konzern setzt alle Hebel in Bewegung, um sein Klimakostenrisiko zu senken - von massiven Investitionen in erneuerbare Energien bis zur Lobbyarbeit für längere Atomlaufzeiten. Dennoch kalkuliert Pohlig für 2013 eine Belastung des operativen Ergebnisses von mindestens weiteren 1 Milliarden Euro ein. Das könne das Ergebnis auf das Niveau von 2009 zurückwerfen.
Um den Effekt zu bremsen, bunkert RWE schon jetzt Klimarechte in großen Mengen durch Zukauf. Andere gehen ähnlich vor und halten mit ihrer Nachfrage, wie Rechtehändler beobachten, die Notierung der Zertifikate an der Energiebörse EEX seit Monaten auf einem konstanten Niveau zwischen 12 und 15 Euro. "Das Bewusstsein für die künftige Knappheit und die Zuteilungslücke bei den Unternehmen steigt", so Hypo-Analyst Siemann.
Die Unternehmen müssen darauf setzen, dass die EU-Emissionsregeln bis 2020 umgesetzt werden wie geplant. Zweifel daran könnten wachsen, wenn nach Kopenhagen auch die für den Spätherbst im mexikanischen Cancún geplante Konferenz über eine Nachfolgeregelung für das Kioto-Protokoll platzt. Doch eine Alternative haben die EU-Firmen nicht.
Eine mögliche Lösung haben viele allerdings schon näher ins Auge gefasst, beobachtet Wilkins: "Langfristig gehen die Unternehmen davon aus, mehr Kosten an den Endverbraucher weiterzureichen." Wenig originell, aber wahrscheinlich.
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