26.05.2010

Inflationsangst: Große Sorge um kleine Preise

Von: Thomas Fricke, Martin Kaelble und Mark Schroers
Die weltweit ultralockere Geldpolitik der vergangenen Monate macht vielen Anlegern Angst
Die weltweit ultralockere Geldpolitik der vergangenen Monate macht vielen Anlegern Angst
© FTD
Seit der Euro purzelt, geht in Deutschland die historische Panik vor der Geldentwertung um. Dabei ist diese Gefahr nirgends so gering wie im Euro-Raum. Dort droht den Krisenländern eher Deflation.

Der Euro stürzt, die Zentralbank kauft Staatsanleihen, und die Südländer kämpfen mit ihren Schulden. Für manchen ist das Grund genug, der Euro-Zone rasende Inflation zu prophezeien. Seit Wochen decken sich Kleinsparer mit Gold ein. Und in den Zeitungen kursieren Tipps, wie Anleger ihr Geld vor Wertverlust retten.

Dabei spricht gerade in der aktuellen Krise und im Fall Deutschland nicht viel für beschleunigt steigende Preise, sagen Volkswirte. Im Gegenteil: Die Inflationsgefahr scheint nirgends so gering wie im Euro-Raum, dessen Krisenländer eher mit der Gefahr einer deflationären Abwärtsspirale leben.

Abwertung lässt Importe teurer werden

Trotz stark gestiegener Rohstoffpreise ist die aktuelle Euro-Inflation mit 1,5 Prozent historisch niedrig. In Deutschland beträgt sie gar nur ein Prozent. Das ist deutlich weniger als in Großbritannien mit fast vier und den USA mit über zwei Prozent. Ob sich daran etwas ändert, ist fraglich.

Ein Grund zur Sorge könnte der gesunkene Euro-Kurs sein. Jede Abwertung lässt Importe teurer werden. Nach Rechnungen der Société Générale dürfte der bisherige Kurssturz die Inflation aber gerade um 0,3 bis 0,6 Prozentpunkte erhöhen.

Fraglich ist auch, ob der Kauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) tatsächlich inflationär wirkt. Kritiker warnen, dass sich die Geldmenge so erhöhe und allein die Erwartung einer Inflation bereits gefährlich sei. Dagegen spricht, dass die Preiswächter alles tun, um diese Erwartung zu entkräften. Denn die EZB schöpft das Geld, das sie über die Käufe ins System fließen lässt, gleich wieder über Termineinlagegeschäfte ab. Dabei bietet sie den Banken an, überschüssiges Geld bei ihr gegen einen geringen Zins zu parken. Hierfür akzeptiert sie exakt die Summe, die sie für die Anleihekäufe ausgegeben hat.

Bei der Kontrolle der Geldmenge hilft der EZB, dass andere Refinanzierungsgeschäfte auslaufen. Anfang Juli müssen die Banken etwa den Ein-Jahres-Tender zurückzahlen, bei dem die EZB vor einem Jahr 442 Milliarden Euro verliehen hatte. "Das trägt dazu bei, einen unerwünschten Anstieg der Geldmenge zu verhindern", sagte Michael Schubert, EZB-Experte der Commerzbank.

Also blieben nur die klassischen Indikatoren wie Auslastung der Produktionskapazitäten, Geldmenge oder Inflationserwartungen der realwirtschaftlichen Akteure, die die These einer akuten Inflationsgefahr untermauern könnten. Doch diese sprechen nach Einschätzung von David Milleker, Chefökonom von Union Investment, derzeit alle gegen Inflation.

Zwar zieht die Konjunktur in den meisten Euro-Ländern seit Monaten deutlich an. Nach dem historischen Einbruch 2008/09 sind die Kapazitäten aber noch stark unterausgelastet. In Deutschland liegt die Quote mit knapp 80 Prozent weiter unter dem langfristigen Durchschnitt. Zudem ist die Euro-Arbeitslosigkeit in der Krise von knapp sieben auf zehn Prozent gestiegen, in Ländern wie Spanien und Irland sogar auf zweistellige Quoten. Das dämpft auf absehbare Zeit den Lohndruck. Gegen steigende Preise spricht auch der Wettbewerb in der Krise. In Griechenland, Portugal und anderen Südländern ist der Druck hoch, Preise zu senken. "Das wird ein langer und schwieriger Anpassungsprozess", sagt Robert Barrie, Chefvolkswirt bei Credit Suisse. Und nahezu alle Euro-Länder müssen in den nächsten Jahren ihre Haushalte konsolidieren.

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All das spreche eher für sinkende als für steigende Inflation, sagte Ken Wattret, Europa-Chefvolkswirt bei BNP Paribas. "Bei ungenutzten Kapazitäten, schwachem Konsum und sinkenden Lohnstückkosten wird der disinflationäre Prozess noch einige Zeit dauern." Ähnlich urteilt Milleker: "In der Tendenz ist in Deutschland auf die nächsten Jahre mit einem leicht unterdurchschnittlichen Preisauftrieb zu rechnen, in den Peripheriestaaten wird dieser Trend sogar sehr ausgeprägt sein, um wieder Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen." Ein Grund, wieso der Internationale Währungsfonds die EZB aufruft, an ihrem lockeren Kurs festzuhalten.

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Quelle: ftd
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