Der Gartenstuhl hat einen Haken, und der ist kaputt. Jetzt lässt sich der Stuhl nicht mehr zusammenklappen. Ärgerlich, schließlich liebt Hans-Jochen Leitl das 20 Jahre alte Möbelstück. Eigentlich müsste er es wegschmeißen, denn Ersatzteile gibt es nicht mehr, sagt Hersteller Allibert.
Doch sein Sohn Stephan hat eine Idee, wie er den Gartenstuhl retten kann: Er ruft Hannes Kuhn an. Bei dem lässt Designer Leitl oft Prototypen seiner Kreationen herstellen, etwa Teile für Kaffeemaschinen oder für Ravensburger Spiele. Jetzt will er ein Einzelstück: den Verstellhaken für den Gartenstuhl. Kuhn hat eine Maschine, mit der er den Haken ausdrucken kann. Dreidimensional, in der richtigen Höhe, der richtigen Breite, der richtigen Tiefe. Das Ergebnis: Das neue Teil sieht aus wie das Original, der Gartenstuhl ist wieder komplett und Stephan Leitls Vater glücklich.
Keine Vision, sondern Realität
Ersatzteile einfach auszudrucken ist heute keine Vision mehr, sondern Realität. Möglich macht das eine Technik, die umgangssprachlich unter 3-D-Druck bekannt ist, Fachleute sagen Generative Fertigung oder Additive Manufacturing. Statt mit Tintenstrahl und Papier arbeiten die Hightech-Drucker mit Laser und Pulver aus Kunststoff, Gips, Harz oder Metall und bauen daraus in Mikrometer dünnen Schichten dreidimensionale Teile auf.
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Gartenstuhlbesitzern kann man damit eine Freude machen, für kleine und mittelständische Unternehmen ist es eine große Chance: Sie können viel einfacher neue Produkte in Kleinserien produzieren und sehen, ob es einen Markt dafür gibt. Teure Werkzeuge und Maschinen - all das braucht man dafür nicht mehr. Schließlich gibt es ja den 3-D-Drucker.
Dienstleister brauchen nur eine Datei
Den müssen die Unternehmer nicht einmal kaufen. Sie wenden sich einfach an Menschen wie Hannes Kuhn: Dienstleister, die solche mindestens 200.000 Euro teuren Druckmaschinen in ihren Hallen stehen haben und darauf jedes beliebige Teil für ihre Kunden fertigen. Alles, was die Dienstleister brauchen, ist eine Datei mit dem Konstruktionsplan. Bekommen sie den übers Internet, schicken sie ein oder zwei Tage später das fertige Produkt zurück.
"Diese Technologie bringt so bahnbrechende Vorteile", sagt Kuhn, "dass man Spritzgießen und den ganzen alten Quatsch wie Sägen, Drehen und Bohren vergessen kann." All diese Arbeitsschritte fallen weg beim 3-D-Druck. Kuhn ist davon so überzeugt, dass er das Spritzgussunternehmen seines Vaters in Weingarten unweit des Bodensees aufgegeben hat. "Das war alles so alt", sagt er, "da hätte ich 2 bis 3 Mio. Euro investieren müssen."
2,20 Meter Höhe und 1,35 Meter Breite
Kuhn schmiss alles raus. Weg mit den sechs Spritzgussmaschinen und dem Werkzeugbau. Stattdessen schaffte er einen 3-D-Drucker an, den Lasersinter Formiga P 100. Kein Gerät, das man sich mal eben auf den Schreibtisch stellt, schon allein wegen der Ausmaße: 2,20 Meter Höhe, 1,35 Meter Breite. Gewicht: 860 Kilogramm. "Mit dieser einen Anlage bin ich in der Lage, ein ähnliches Produktspektrum abzudecken wie mit den acht Maschinen, die ich vorher hatte", sagt Kuhn. "Konstruktionsdaten festlegen, ausdrucken, fertig."
Seit 2007 ist er im Geschäft. Kuhn ist Chef, ein Angestellter, eine Sekretärin, seine Frau arbeitet auch noch mit. Bald will er expandieren und drei bis vier Ingenieure einstellen. 2010 hatte sein Unternehmen Kuhn-Stoff 400.000 Euro Umsatz. Ein Anfang.
© 1999 - 2012 impulse
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