Sie gehen durch ihr neues Reich, das so lange nicht geblüht hat. Der Vater noch wie ein Fremder, wie ein Gast, er will Türen öffnen, die verschlossen sind. Er biegt falsch ab, er schaut Mitarbeitern über die Schulter und lächelt, als wolle er fragen: "Und was machen Sie?" Der Sohn schreitet schon mehr, die Hände auf dem Rücken gefaltet, ganz wie der neue Herr, er kennt Namen, Produkte und Preise, als würde er seit Jahren nichts anderes machen: Uhren produzieren.
Sie machen es aber erst seit ein paar Wochen, Hans-Jochem Steim, der Vater, und Hannes Steim, der Sohn. Sie haben Junghans gekauft, den Uhrenhersteller aus Schramberg im Schwarzwald, der einmal der größte der Welt war.
Und wie die Angestellten sie anschauen! Ehrfürchtig, zögerlich lächelnd, es sind Gesichter darunter, in denen bereits viel zusammengefallen ist, Gesichter, die Angst kennen. Hoch konzentriert sind sie, es ist eine totenstille Arbeit, ein Schrauben und Stecken, Feilen und Polieren von Zeigern, Rädchen, Ziffernblättern, und doch wandern die Augen still nach oben, wenn die neuen Eigentümer kommen.
Sie scheinen es immer noch nicht glauben zu können, was ihnen widerfahren ist: Junghans ist gerettet, es geht weiter nach der Insolvenz, in Schramberg werden auch nach 148 Jahren weiter Uhren produziert.
Es ist eine Geschichte wie ein Märchen, zumal in diesen Zeiten, eine Geschichte, bei der man den Haken suchen möchte, weil alle zufrieden sind: die Mitarbeiter, der Insolvenzverwalter, die Schramberger, die Gewerkschaft, die Händler und natürlich die Steims.
Vielleicht aber klingt sie nur zu gut, weil solche Geschichten sonst anders ausgehen, weil die großen Namen in Deutschland so oft verschwinden oder in Hände fallen, die zu Klauen werden.
Nicht aber Junghans, das bis zum Herbst im Imperium von Egana Goldpfeil dämmerte, bis der Mutterkonzern selbst ins Taumeln geriet. "Wir haben die moralische Verantwortung gespürt, Junghans zu kaufen", sagt Hans-Jochem Steim. Was für ein Satz.
Wer die steile Straße in das alte Schramberg fährt, möchte sofort umkehren, um noch einmal hinabzufahren. Das Städtchen liegt im Tal, als sei es einmal vergessen worden. Es kauert zwischen den steilen Bergen, in ihm atmet alter Stolz, alte Größe, aber auch Verfall und Abstieg. Ein riesiges Junghans-Plakat an einer Hauswand, leere erhabene Fabrikhallen, die vor sich hin träumen wie verlassene Paläste. So viel Tradition kriecht aus jeder Fuge - was nur, will man fragen, ist hier passiert?
© 2009 ftd
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