16.03.2010

Internet: Entwicklungsland Deutschland

Von: Maximilian Geyer
An trüben Tagen bricht in ländlichen Regionen die Internetverbindung ab
Zoom An trüben Tagen bricht in ländlichen Regionen die Internetverbindung ab
© Getty Images
Ein Youtube-Video legt eine komplette Firma lahm, Datensätze werden im Auto transportiert, ganze Landstriche sind von der Telekom bereits abgeschrieben: Der Hightech-Standort Deutschland hat in Sachen Dantenübermittlung erheblichen Nachholbedarf. Ein Report aus den Tiefen eines Entwicklungslandes.

Das Gewerbegebiet, in dem sich Ralph Sager sein kleines Imperium aufgebaut hat, liegt ganz nahe an der Autobahn. Außerdem laufen zwei Schienenstrecken vorbei, weshalb die Gegend passenderweise „Zwischen den Bahnen“ heißt. Man könnte sie allerdings auch „Abseits der Datenautobahn“ nennen. Denn Sager mit seiner Werbetechnikfirma, seiner Waschstraße und seiner Gaststätte ist vom schnellen Internet abgeschnitten. Genauso die anderen zwölf Mittelständler, die sich in den vergangenen Jahren am Rande des niederbayerischen Ortes Ergolding niedergelassen haben.

Breitbandkabelatlas des Wirtschaftsministeriums
Zoom Breitbandkabelatlas des Wirtschaftsministeriums

Lediglich eine Minimalversorgung mit Übertragungsraten von maximal zwei Megabit pro Sekunde ermöglicht die Telekom den Gewerbetreibenden. Das gilt zwar schon als breitbandig, ist aber nicht mehr zeitgemäß. Zum Vergleich: Mit modernen VDSL-Anschlüssen sind in vielen Städten heute Geschwindigkeiten von 50 Megabit pro Sekunde möglich. „Das Tempo ist lächerlich, eine Zumutung“, beschwert sich Unternehmer Sager. „Wir arbeiten mit digitalen Druckunterlagen, da kommen enorme Dateigrößen zusammen. Es dauert Stunden, bis die durchgehen“, so der 42-Jährige. „Sollten dann zeitgleich noch Gäste in meinem Lokal mit ihren Notebooks über den dortigen W-Lan-Hotspot surfen, geht fast gar nichts mehr.“

Auch privat leidet der Unternehmer, der in seinen neuen Firmensitz seit 2006 etwa drei Millionen Euro investiert hat, unter der lahmen Verbindung. Über der Firmenzentrale hat er sich ein großes Loft bauen lassen, das er mit seiner Familie bewohnt. „Wenn mein zehnjähriger Sohn sich bei Youtube ein Video ansehen will, dann kann man vor lauter Ruckeln kaum etwas erkennen.“

TV-KABEL


Pack2000, eine 55-Mann-Firma aus Landshut, die Verpackungen für Großgeräte, medizinische Geräte und Server entwirft und produziert, nutzt seit zwei Jahren die Kabelfernsehleitung, um große Datenmengen zu transportieren.

Das Problem Irgendwie hat es funktioniert mit der Telekom, es gibt schließlich Breitband in der Gegend von Landshut. Aber die Leitung war und ist eine alte, ziemlich langsame. Pack2000 brauchte mehr Kapazitäten. Vor allem, wenn es darum ging, Arbeit mit nach Hause zu nehmen, große Datenmengen zu verschicken in die Home-Offices in der näheren Umgebung.

Die Alternative Das TV-Kabel. Denn das kann nicht nur Fernsehprogramm übertragen, sondern auch ganz große Datenmengen. Die Landshuter Firma nutzt seit 2008 die Leitung von Kabel Deutschland. Die Verbindung, ein sogenanntes Business- Paket, kann derzeit 32 Megabit pro Sekunde transportieren beim Downloaden. Und zwei Megabit beim Uploaden. „Was normal ist“, sagt Georg Nuss, der die IT-Abteilung leitet.
Die Kosten „Fast 30 Prozent billiger als Breitband“, sagt Nuss. Für die Telekom- Leitung, die weniger leistete, zahlte die Firma 54,99 Euro. Für die Kabel-TV-Verbindung mit größerer Internetbandbreite 39,90 Euro. „Wegen der Effektivität ist das für uns mehr für weniger Geld.“



Downloaden? Dauert!

Ludwig Baumann, der Kämmerer im Rathaus von Ergolding, kennt die Sorgen der Bürger und Unternehmer. „Noch schlechter als im Gewerbegebiet und im Zentrum ist die Situation in den ländlichen Ortsteilen“, sagt der 58-Jährige. Dort gibt es nicht nur unzureichende, sondern gar keine Breitbandversorgung. Hunderte Haushalte und etliche Betriebe in der DSL-freien Zone gehen dort noch online wie in den frühen Tagen des Internets: mit ISDN-Anschluss und 64 Kilobit pro Sekunde. Das Herunterladen einer normalen PDF-Datei nimmt so schon mal eine halbe Stunde in Anspruch. Wertvolle Arbeitszeit, vergeudet mit warten, warten, warten. „Das dauert jedes Mal, bis ich das Zeug runtergeladen habe. Ich kann ja nicht immer Brotzeit machen, während ich auf dringende Pläne warte“, klagt ein Handwerker aus dem Dorf Käufelkofen. Seinen Namen möchte er lieber nicht veröffentlicht sehen – er will schließlich nicht als Hinterwäldler dastehen, dem man nicht einmal eine Mail mit Anhang schicken kann.

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