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20.07.2010

Klimarechte: Das große Zittern vor dem CO2-Handel

Von: Kathrin Werner, Michael Gassmann

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© Getty Images
Auf die energieintensiven Industrien in Deutschland kommen heftige Margeneinbrüche zu, weil sie sich mit Zertifikaten für CO2-Emissionen eindecken müssen. Besonders der Mittelstand hat noch Lücken in der Vorbereitung.

Allein die Marge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) der Stahlhersteller wird 2020 87 Prozent niedriger sein als in diesem Jahr. In den Raffinerien schrumpft sie um 41 Prozent, in der Zementindustrie um 62 Prozent - sofern sich weder die Gesetze noch der CO2-Ausstoß der Unternehmen ändern. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Unternehmensberatung Goetzpartners, die der FTD vorliegt.

Betroffen sind vor allem mittelständische Unternehmen: Während Großkonzerne schon jetzt Klimarechte in großen Mengen kaufen, fehlt ihnen dazu das Kapital. Noch sind die Emissionsrechte recht günstig zu haben - Experten rechnen mit steigenden Preisen. "Die Mittelständler müssen prüfen, ob sie schon jetzt geringere Gewinne in Kauf nehmen, damit sie später die Zertifikate zur Verfügung haben", sagte Günther Schermer von Goetzpartners. "Mittelständler handeln oftmals erst, wenn das Problem akut ist. Viele hoffen noch auf Milderung."

Die Studie wirft ein Schlaglicht auf ein Dilemma: Einerseits will sich die EU als Vorreiter im Klimaschutz positionieren - andererseits soll die energieintensive Industrie mit ihren vielen Arbeitsplätzen nicht vergrault werden. Seit der Einführung des EU-Systems für Emissionshandel im Jahr 2005 sind Stromkonzerne, Stahlwerke, Zementfabriken und andere Klimasünder stets reichlich mit Zertifikaten ausgestattet worden - überwiegend gratis. Ab 2013 müssen die Unternehmen jedoch einen von Jahr zu Jahr steigenden Anteil ihrer Emissionsrechte ersteigern. Gleichzeitig streicht Brüssel die Gesamtmenge der Zertifikate um 1,75 Prozent pro Jahr zusammen.

Goetzpartners rechnet - in einer nach eigenen Angaben "konservativen" Prognose - damit, dass der Preis pro Tonne CO2 bis 2020 von heute rund 13 Euro auf dann 15 Euro steigt. Bis 2020 kämen auf das deutsche produzierende Gewerbe Kosten von mehr als 5 Milliarden Euro zu. Andere Prognosen gehen von bis zu 35 Euro aus.

"Die Kosten bereiten uns erhebliche Bauchschmerzen", sagte Gerhard Endemann von der Wirtschaftsvereinigung Stahl. "Das Thema ist bei allen Werken absolut präsent." Es bestehe die Gefahr, dass Stahlunternehmen sich künftig entscheiden, neue Hochöfen im Ausland zu bauen. "Die Alternative für die meisten Unternehmen ist oftmals nur, Teile der Produktion an andere Standorte zu verlegen, wo die CO2-Reduktion nicht so ein großes Thema ist", sagte auch Schermer.

Um ein Abwandern zu vermeiden und die Emissionen zu reduzieren, investieren die Unternehmen in Technik. Laut Schermer ließen sich so jedoch die steigenden CO2-Kosten nicht vollständig kompensieren. ArcelorMittal hat etwa in Eisenhüttenstadt ein Pilotprojekt, bei dem in der Stahlherstellung entstehendes Gas in den Produktionskreislauf zurückgeführt wird - so sinken die Emissionen. Der Spezialchemieanbieter H&R Wasag hat 2008 eine Raffinerie, die mit schwerem Heizöl betrieben wurde, auf effizienteres Erdgas umgestellt. Wie viel weiterhin in die Sparsamkeit investiert werde, hänge auch vom Preis der Zertifikate ab, sagte Finanzvorstand Andreas Keil. "Die Kosten werden mit Sicherheit steigen. Die Frage ist, ob man das an die Kunden weitergeben kann."

Gerade bei den Raffinerien, die Kraftstoffe herstellen, dürfte das scheitern, schließlich ist die Billigkonkurrenz aus dem Ausland so stark und das Überangebot so groß, dass schon 2009 einige Unternehmen Verluste einfuhren. "Wenn sich die Produktion verteuert, werden Raffinerien schließen müssen", sagte eine Sprecherin des Mineralölwirtschaftverbands.

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