Dunkel ist es und voller Leute. Alles schnattert durcheinander. Ordner schieben sich durch das Gewusel, platzieren Promis in der ersten Reihe. "Da ist Jeanette Biedermann", tuschelt eine Frau. Fotografen gehen am Catwalk in Stellung, endlich sitzen alle, das Licht glimmt nur noch schwach. Der sonst weiße Laufsteg trägt ausnahmsweise Braun. Dann wummern die Bässe los, ein Stroboskop wirft Blitze, die Wand strahlt, und aus dem gleißenden Gold tritt das erste Mannequin.
"Hoffentlich fällt keines der Models hin", sagt Eckard Kern. Auf Fliesen zu laufen ist ungewohnt, doch die Mädels marschieren unverdrossen. Kern entspannt sich. "Großartige Kleider", sagt er. Die Fliesen lobt er nicht, es sind schließlich seine eigenen. Kern ist Chef von Villeroy & Boch Fliesen, er hat sie hier verlegen lassen, die Holzoptik auf den Boden, das Dekor in Silber und Gold an der Wand.
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Seine Idee war das nicht. Ein junger Modedesigner hatte angerufen: "Hallo, hier ist Kilian Kerner", sagte der. "Ich mache demnächst eine Modenschau und möchte meinen Catwalk fliesen lassen. Hätten Sie Lust?" Villeroy & Boch sagte Ja. Das war vor einem guten Jahr. Seitdem haben beide Partner viel gelernt. Zum Beispiel, dass sich in fünf Wochen zwar ein Laufsteg stylen lässt, dass aber der Zug für Shootings und Kampagnen längst abgefahren ist. Schnell war klar: Soll künftig mehr dabei rumkommen, das Marketing das Möglichste rausholen, heißt es frühzeitig planen. Generalstabsmäßig. Routine für Villeroy & Boch, für Kerner, den Kreativen, ein Lernprozess.
Kleine Unternehmer können viel lernen, wenn ein größerer Partner mit Know-how in ein Projekt einsteigt. Auch wenn's erst nur ums Geld geht, das der Große mitbringen soll - bald merken viele Kleine, dass der noch mehr zu bieten hat. Dass sich bei dem was abgucken lässt. Das kann viel bringen, gerade wenn ein Kleiner auf dem Sprung ist, wachsen will und fragt: Was brauche ich dafür? Oder wenn er sich an Neues ranwagt, sich noch gar nicht auskennt oder plötzlich mit ganz großen Tieren verhandeln muss.
"Gerade Kreativen nützt die Zusammenarbeit weit mehr als das Blättern im BWL-Handbuch", sagt Andrea Kuhfuß von der Bremer Wirtschaftsförderung. Sie betreut Kooperationen kleiner Firmen mit großen Unternehmen und weiß, wie sehr vor allem Anfänger profitieren. Sie erfahren am eigenen Leib, wie die Großen es angehen, erkennen Unterschiede zur eigenen Denk- und Arbeitsweise. Aha-Effekte sind eingepreist. Vorausgesetzt, die Chemie stimmt und der erfahrene Partner lässt sich in die Karten schauen.
Villeroy & Boch zeigte sein ganzes Blatt und lud Kerner ein. So fuhr der Designer von Berlin ins saarländische Merzig, schaute in Büros, Werkstätten und ins Keramikmuseum. "Das ist der Wahnsinn", sagt er. Vitrinen voller Vasen, Teller, Kacheln. 170 Jahre Erfahrung. "Ich bin ja kein Anfänger mehr, ich habe auch schon zwölf Kollektionen gemacht", sagt der 31-Jährige. "Aber die Leute bei Villeroy & Boch sind einfach sehr gut organisiert und professionell." Er sprach mit den Chefs und merkte: Kreativität allein überzeugt nicht. Jedes Projekt wird ständig hinterfragt, auch der Catwalk. "Die Idee muss passen - zu unserer Strategie, unserer Marke und unserer Zielgruppe", sagt Jacqueline Bauer, die bei Villeroy & Boch Fliesen das Marketing leitet. Sie weiß, was sie will, hat den Businessplan stets im Kopf.
Das Zusammenspiel ist für die Kleinen ein Lernprozess. Wer ernst genommen werden will, muss zuverlässig sein. Und aktiv das Projekt vorantreiben: Drei Wochen Pause macht Kerner heute nach einer Show. Dann ruft er Frau Bauer an und bespricht die Designs für die nächste Saison.
Der Designer mit den Fliesen
Noch wollen sie zusammenarbeiten. Villeroy & Boch ist zufrieden. Das Marketing hat den Ausflug ins Modezelt gründlich abgeklopft: Was bleibt hängen bei den Kunden? "Eine gemeinsame Show ist ja noch keine Botschaft", sagt Bauer. Im Gegenteil. Innenarchitekten scheren sich wenig um Kerner, das Modevolk ist nicht auf Fliesen aus. So riet Bauer zur Splittung der PR: Jeder bedient seine Fachmedien. Villeroy & Boch zeigt, was es draufhat in der Raumgestaltung. Kerner hält es umgekehrt: Mode nach vorn, Fliesen in den Hintergrund. Da sind sie richtig - als Erkennungszeichen. "Ich bin der Designer mit den Fliesen", sagt Kerner. Nun will er weiterwachsen. Kürzlich hat er einen Investor ins Haus geholt, einen Onlineshop eröffnet. Jetzt baut er sein Marketing aus. Einen Fachmann dafür hat er schon eingestellt.
Ein Musterbeispiel für eine Langzeitverbindung. Auf Dauer lassen sich Fehler ausmerzen, und Routinen wachsen. Kaum Lerneffekt hat dagegen, wer sich nur kurz zusammentut und seinem Agenten die Kommunikation überlässt. Kerstin Geffert ist Chefin der Berliner Mode-PR-Agentur Silk Relations und verkuppelt viele ihrer Klienten. Zum Beispiel den Modedesigner Markus Lupfer, der im Berliner Soho House seine Kollektion zeigte - ein teures Unterfangen. Finanzielle Unterstützung und Getränke kamen vom Likörhersteller Cointreau. "Ich spiele in solchen Fällen die Bälle hin und her, beschleunige Prozesse", sagt Geffert. Viele Partner sehen sich beim Event zum ersten Mal. Und danach nie wieder.
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