Melanie Schramm hat einen Termin beim Arbeitsamt. Mal wieder. Die 20-Jährige sucht vier Jahre nach ihrem Realschulabschluss immer noch nach einer Ausbildungsstelle. Doch nach mehreren hundert erfolglosen Bewerbungen macht sie sich keine Hoffnungen mehr. Sie hat zwar ihre Bewerbungsunterlagen mitgebracht. "Aber das hat noch nie geklappt", sagt sie. Dabei steht in der Zeitung, es gebe zu wenig Azubis. Melanie kann darüber nur lachen.
Und die Zahlen sprechen auch eine andere Sprache. Das Lehrjahr beginnt und im August waren bei der Bundesagentur für Arbeit deutschlandweit noch 70.300 freie Lehrstellen und 97.400 Stellensuchende registriert. Rein rechnerisch fehlen also 27.100 Lehrstellen - Azubi-Mangel?
"Was man jetzt genau als Mangel definiert, darüber könnte man Doktorarbeiten schreiben", sagt Ilona Mirtschin von der Bundesagentur für Arbeit. "Fakt ist aber, dass die Unternehmen nicht mehr das Luxusproblem haben, sich aus den Schulabgängern den Besten suchen zu können. Dafür gibt es zu wenige."
Sophie Huppert leistet sich trotzdem den Luxus. Sie sucht aus. Sie lädt ihre Bewerber ein und schaut sie sich genau an. Huppert leitet die Delsack GmbH, die in Hamburg und Bremen mit 20 Mitarbeitern industrielle Folien, Planen und Stoffe herstellt. Sie sucht einen technischen Konfektionär und genau das ist ihr Problem. "Der Beruf ist unbekannt. Wenn sich Jugendliche über ihre Ausbildung unterhalten, dann geht es um Berufe wie Mechatroniker oder Bürokauffrau", sagt sie. Nur vier Bewerbungen landeten auf ihrem Schreibtisch. Der erste Bewerber war zu jung, der zweite wusste nicht, was ein technischer Konfektionär ist, der Dritter erschien nicht zum Vorstellungsgespräch. Der vierte Bewerber hingegen wusste, dass ein technischer Konfektionär industrielle Planen herstellt, lötet, vermisst und näht, war interessiert und begabt. Er arbeitete zur Probe, bekam die Stelle. Und ließ sie sausen. Er wollte nicht von Kiel nach Hamburg ziehen.
Betriebe haben hohe Ansprüche
"Gute Bewerber haben die Möglichkeit zu pokern und tun das auch", sagt Knut Böhrnsen von der Hamburger Agentur für Arbeit. Kleinen Unternehmen mit Ausbildungsplätzen in unattraktiven Berufen fehlen also tatsächlich Azubis. Sie sind abhängig von ihren Bewerbern und müssen um deren Zusage bangen. Verkehrte Welt.
Melanie Schramm hingegen wollte schon von Hamburg nach Rostock ziehen. Dort am Flughafen sollte sie 2007 als Reiseverkehrskauffrau anfangen. Ihre bisher einzige Zusage. Sie hatte die Stelle direkt nach dem Abschluss bekommen, doch kurz bevor sie anfangen sollte, kam die Absage. Sie sagt, die Begründung war, dass sie keinen Führerschein hatte. Kunststück als 17-Jährige. Heute ist sie sicher: "Das lag an meiner Fünf in Mathe. Was anderes kann ich mir nicht vorstellen. Viele Firmen haben enorm hohe Ansprüche und Voraussetzungen. Und selbst wenn der Job nur die Anforderung 'Hauptschulabschluss' hat, bekomme ich Absagen."
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