Wie eine Mondrakete auf dem Weg zur Abschussrampe ruht das Silo auf dem Tieflader. Freikletterer mit Schutzhelmen zurren die Halteseile und Trageketten fest, dann wuchtet ein Schwerlastkran den 35-Tonnen-Koloss hoch. "Wenn jetzt etwas abrutscht, ist das Silo Schrott", sagt Peter Kienle, der die Szene aus sicherer Entfernung beobachtet. Ernsthaft besorgt ist er nicht: Schließlich hat er die Aktion monatelang akribisch geplant. Hier sollte nichts schiefgehen.
Kienle ist Projektleiter des Logistikers Grieshaber und Experte für Übergrößen. Für Zeppelin Silos & Systems, Hersteller von Silos und Tankanlagen, schickt der Schwabe 26 Edelstahlsilos von Deutschland nach Texas – jedes 27 Meter lang, mit einem Durchmesser von sechs Metern. Ein taiwanesischer Kunststoffhersteller hat sie für sein US-Werk in Point Comfort bestellt, um Polyethylen-Pulver zu lagern.
Die Bedeutung von Spezialtransportgütern, die zu groß für herkömmliche Container sind, steigt weltweit. Die Duisburger Hafen AG, die mit ihrer Tochter VTS selbst Projektladungen abwickelt, geht von 500 Millionen Tonnen Sperrgut pro Jahr aus.
Schwieriges Sperrgut
Logistiker wie Grieshaber oder Rohde & Liesenfeldt schicken Lokomotiven und Turbinenschaufeln um den Globus. Oder sie verschiffen 40.000 Tonnen schwere Düngemittelfabriken nach Ägypten, zerlegt in 34.000 Teile. "Großanlagen aus Deutschland sind weltweit gefragt", erklärt Erich Staake, Chef der Duisburger Häfen. Und weil die Montage der komplexen Maschinen aufwendig ist, verschicken deutsche Exporteure sie auch gern am Stück.
Für Zeppelin ist schnell klar: Die Silos in einzelnen Edelstahlringen zu verschiffen wäre unwirtschaftlich. "Die Teile allein wären schon zu groß gewesen", erklärt Ivan Culjak, Logistikchef bei Zeppelin. Also fragt Culjak im Herbst 2007 bei Grieshaber an, was der XXL-Transport kosten würde. Peter Kienle kalkuliert – und sticht die Konkurrenten aus. Seine Lösung: Er treibt einen Reeder auf, der mit dem Hochseeschiff bis zum Verladekai in Point Comfort vorfahren kann. Andere Logistiker hätten den teureren Landweg über die Großstadt Houston nehmen müssen.
Die Kosten für die Route belaufen sich auf 1,6 Millionen Dollar. Den eigentlichen Transport führen Subunternehmer durch. "Wir arbeiten wie ein Reisebüro für Güter", sagt Experte Kienle. Er bucht Reeder, schreibt das Lastenheft und macht Zeitpläne, die korrekt umgesetzt werden: Tag 1: 30. Juni 2008. In den beiden Zeppelin-Werken in Bürgstadt bei Aschaffenburg und im französischen Sarre-Union gehen die Silos auf die Reise. In Unterfranken liegt die Produktion direkt am Main. Im Elsass ist das anders: Per Spezial-Lkw "Convoi Exceptionel" müssen die Silos zunächst 150 Kilometer bis nach Lauterbourg am Rhein kutschiert werden.
Tag 5: Über die Flüsse kommen die Riesenröhren am 4. Juli im Hochseehafen Rotterdam an und werden auf die Hochseeschiffe verladen. Alles geht glatt. Logistiker Kienle hat in 35 Dienstjahren allerdings auch schon erlebt, dass Schiffsunglücke den Fluss blockierten. "Für solche Fälle planen wir drei Tage Puffer ein."
Tag 8: Am 7. Juli legt das erste Hochseeschiff in den Niederlanden ab. Es verfügt über eigene Verladekrane an Bord, weil es im US-Werk Point Comfort keine gibt, hat außerdem ein Zwischendeck, weil sich die empfindlichen Edelstahltanks nicht stapeln lassen. Die sind fest vertäut: Vor Kurzem hat ein Konkurrent fünf ähnliche Behälter bei einem Sturm auf der Nordsee verloren. "Sie können schwimmen", sagt Kienle. Als eines der verlorenen Silos allerdings in Nordfrankreich am Strand angespült wurde, war es nicht mehr zu gebrauchen.
Tag 61: Insgesamt vier Hochseetransporte sind unterwegs. Alle 26 Silos landen Ende August in Point Comfort an. Weil der Preis für den Kraftstoff der Schiffsdieselmotoren (Bunkeröl), von dem die Schiffe bis zu 35 Tonnen pro Tag verbrauchen, sich zwischenzeitlich außerordentlich erhöht hat, muss Zeppelin zu den kalkulierten Kosten einen sogenannten Bunkerzuschlag drauflegen. "Dagegen haben wir uns aber abgesichert", sagt Zeppelin-Logistikchef Culjak.
Tag 62: Drei bis fünf Lkws bringen die Silos in mehreren Fuhren vom Hafen fünf Kilometer ins Landesinnere. Dafür hat Grieshaber-Experte Kienle Strom- und Telefonleitungen abhängen lassen, die in den USA oft quer über die Straße gespannt sind. Ende September beginnt dann der Aufbau. Zeppelin-Techniker werden die Arbeiten überwachen. Und Logistikspezialist Peter Kienle plant bereits die nächste Tour in Übergröße.
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