Wenn Sänger Rod Stewart auf Tour geht, bucht er meist zwei Hotelzimmer. Eins für sich und das zweite für seine Modelleisenbahn. Es sei wunderbar, die freien Stunden mit Kleben, Malen und Basteln zu verbringen, schwelgt er.
Der britische Barde ist mit seiner ungewöhnlichen Leidenschaft nicht allein. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer kann nicht ohne seine Eisenbahn. Ebensowenig wie Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und HSV-Torhüter Frank Rost. Sie alle tauchen immer wieder ab in die heile Welt der Modellbahn, in der die Bäume immer grün sind, die wartenden Fahrgäste am Bahngleis stets lächeln und die Zugführer weder Verspätungen noch Stellwerkschäden kennen.
Doch diese heile Welt hat mit dem wirklichen Leben der Modelleisenbahner nichts mehr gemein. Unter den Herstellern tobt ein brutaler Überlebenskampf.
Marktführer Märklin – insolvent. Seit der Verkauf gescheitert ist, versucht der Insolvenzverwalter die Traditionsfirma in Eigenregie zu sanieren.
Die Nummer drei der Branche, der österreichische Hersteller Roco – war ebenfalls pleite. Bei Roco hat zwar der Verkauf geklappt. Doch was der neue Mehrheitseigner, der Freisinger Baustoffhändler Franz Josef Haslberger, mit seinem Spielzeug vorhat, versteht niemand so genau. Vor zwei Jahren übernahm er auch noch den angeschlagenen Nürnberger Konkurrenten Fleischmann. Gewinne macht das Unternehmen bislang nicht.

Auf den beiden Modellbahnherstellern Roco und Fleischmann, die in der Modelleisenbahn Holding zusammengefasst sind, lasten hohen Ausgaben und enorme Schulden. Die Erlöse aus dem operativen Geschäft reichten in den vergangenen Jahren meist nicht aus, um die Kosten zu decken. Dank Sonderangeboten ist es zuletzt zwar gelungen, den Umsatz aufzublasen – ob die Unternehmen damit allerdings dauerhaft in die Gewinnzone kommen, ist fraglich.
Vieles deutet darauf hin, dass Roco und Fleischmann zum zweiten Mal auf den Abgrund zurasen. Diesmal gemeinsam.
Dass die Modellbahner unter Druck stehen, ist nichts Neues. Seit den 90erJahren verliert die Eisenbahn den Kampf ums Kinderzimmer immer häufiger gegen Spielekonsolen und Internetgames. Traditionsunternehmen wie Trix und Arnold wurden von Wettbewerbern geschluckt. Zwischen 1999 und 2005 ist die Zahl der in Deutschland produzierten Miniaturzüge laut Statistischem Bundesamt um die Hälfte geschrumpft. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass die Umsätze zuletzt wieder leicht anzogen.
Was bei Roco und Fleischmann verwundert, ist die Selbstsicherheit, mit der bereits der Turnaround ausgerufen wird. Das Sanierungsprogramm sei abgeschlossen, verkündete Geschäftsführer Leopold Heher Anfang des Jahres stolz. Roco habe 2009 operativ wieder Geld verdient. Und durch einen deutlichen Umsatzsprung soll in diesem Jahr die gesamte Gruppe wieder schwarze Zahlen schreiben.
Nachvollziehbar ist das nicht. Der letzte veröffentlichte Geschäftsbericht der Modellbahn Holding stammt aus dem Jahr 2007. Auf Nachfragen von Capital will der Ex-Unternehmensberater Heher grundsätzlich nicht antworten.
Quelle: capital.de
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