Fast alle Granden der deutschen Energiewirtschaft kamen Ende April nach Norddeich. Der Grund: Im ostfriesischen Badeort wurde der erste deutsche Meereswindpark Alpha Ventus eingeweiht. Sichtlich zufrieden genossen die Chefs des Betreiberkonsortiums Doti, hinter dem die Energieversorger Vattenfall, Eon und Ewe stehen, die mediale Aufmerksamkeit für den Aufbau ihres 60-Megawatt (MW)-Testfelds. Eine Pionierleistung, wagte sich bisher doch keiner mit Fünf-Megawatt-Turbinen in 30 Meter Wassertiefe. Der Windpark befindet sich 45 Kilometer nordwestlich von Borkum und ist von der Küste aus nicht zu sehen.
Die gute Stimmung verwundert nicht, ist doch mit der Errichtung vom Testfeld Alpha Ventus, in dem Biologen, Ingenieure und Techniker bei einem Etat von 50 Millionen Euro wichtige Forschungsergebnisse für die Zukunft erarbeiten wollen, der Einstieg in eine neue Ära der deutschen Energieversorgung gelungen. Denn erst mit der Offshore-Windenergie werden die ambitionierten Klimaziele der Zukunft wohl tatsächlich zu erfüllen sein.
Deshalb offenbarte Bundesumweltminister Norbert Röttgen, der mit dem Helikopter zum Offshore-Windpark flog, dass dieser Tag der schönste in seiner Amtszeit sei. Überschwänglich sprach der Minister vom "großen gesellschaftlichen Projekt" und einer "tollen Leistung" der beteiligten Firmen, obwohl das Projekt alles andere als ein "Spaziergang" war. "Es werden weitere 25.000 Megawatt Windenergie in der deutschen Nord- und Ostsee folgen", prognostizierte Röttgen. Er ließ keinen Zweifel daran, dass sich die Bundesregierung um einen zügigen Ausbau der Offshore-Windenergie bemühe. Laut Röttgen soll bis 2050 "die deutsche Energieversorgung praktisch CO2-frei sein".
Das ist Balsam für die Seele der noch jungen Offshore-Windenergie-Branche. Jahrelang lagen die Nerven ihrer Akteure blank. Während Großbritannien, Irland, Dänemark und die Niederlande fleißig Windmühlen im Meer errichteten, waren ihnen die Hände gebunden. Die Banken zögerten bei der Finanzierung ihrer Projekte - wegen des hohen Risikos. Die Politik tat sich schwer mit höheren Vergütungen für Windstrom. Das änderte sich erst mit der Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetz, die im Januar 2009 in Kraft trat. Die Netzbetreiber zeigten am Ausbau der Stromtrassen lange nur wenig Interesse. Naturschützer meldeten Bedenken gegenüber den Kabeltrassen an, die durch das geschützte Wattenmeer führen. Und zu guter Letzt sorgten sich Tourismusmanager um ihre Urlauber.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen hätte die Offshore-Windenergie in deutschen Gewässern durchaus scheitern können. An der Vorgeschichte zu Alpha Ventus lässt sich das gut ablesen. Als erstes von inzwischen knapp 30 Offshore-Projekten erhielt es 2001, damals noch unter dem Namen "Borkum West", von der Hamburger Behörde für Seeschifffahrt und Hydrographie eine Baugenehmigung. Realisiert wurde das Projekt aber erst viel später.
© 2010 ftd
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