Es gibt nicht viele Unternehmen, die seit gut 500 Jahren nahezu unverändert dasselbe Produkt anbieten und sich trotzdem für die Speerspitze des technologischen Fortschritts halten. Die Deutsche Post ist so ein Unternehmen.
Briefvorstand Jürgen Gerdes kann sie nicht mehr hören, die Geschichten von verlorenen Paketen und angeblich bummeligen Briefträgern, von Behördenmief und verschnarchten Schalterbeamten. Er bekommt dann einen sehr bestimmten Blick, unterbricht höflich seinen Gesprächspartner – und zückt ein schmales Büchlein mit dem Titel "Beliebte Vorurteile über die Post – intelligent entkräftet". Nummer 18 ist ganz frisch: "Die Post ist naiv: Sie will für ihren neuen Onlinebrief Geld verlangen, obwohl eine E-Mail kostenlos ist."
500 Jahre Tradition
Vom Postreiter zum Onlinebrief
1490 - Per Pferd durch halb Europa |
1520 - Das Post-Monopol entsteht |
1653 - Die erste Postkutschenlinie nimmt den Dienst auf |
1712 - Der Postmann klingelt |
1766 - Prunkvoll einwerfen: der Briefkasten |
1849 - Bayern führt die Briefmarke ein |
1865 - Berlin installiert eine Rohrpost |
1912 - Die Luftpost hebt ab |
1946 - Alles auf Gelb |
1965 - Postsortierung wird automatisiert |
2010 - Der Brief wird digital |
Deutschlands traditionsreichster Offlinekonzern startet ins Internetzeitalter. Der Onlinebrief, den der gelbe Riese voraussichtlich ab Juli seinen Kunden anbietet, ist für das Bonner Unternehmen das vielleicht wichtigste Projekt seit Abschaffung der Postkutsche. "Hier entscheidet sich die Zukunft des Unternehmens", sagt Gerdes und meint damit das klassische Briefgeschäft, den bisher größten Gewinnbringer.
Und nicht nur das: Mit dem Vorstoß ins World Wide Web kommt der Ex-Monopolist dem ehemaligen Schwesterunternehmen Deutsche Telekom in die Quere, das gemeinsam mit dem Onlinekonzern United Internet an einem ähnlichen Projekt namens De-Mail arbeitet. Es soll Ende 2010 starten. Zum ersten Mal treten die Ex-Staatskonzerne direkt gegeneinander an. Der Bund, bei beiden nach wie vor größter Aktionär, ist davon nur bedingt entzückt.
Doch Post-Chef Frank Appel hat keine Wahl. Seit Jahren nimmt die Zahl der E-Mails immer stärker zu, die der Briefe dagegen ab. Wenn dank des neuen De-Mail-Standards künftig auch Firmen Mitarbeitern die Gehaltsabrechnung übers Internet schicken, Anwälte Mandanten online schreiben und Bürger Rechnungen per Mausklick empfangen und bezahlen, was bleibt dann noch für die Post? Und was bleibt von den 1,4 Milliarden Euro Gewinn, die das Briefgeschäft im vergangenen Jahr abwarf?
So hat sich Appel für den Onlinebrief entschieden, wohl wissend, dass dieser im Erfolgsfall die traditionelle Briefsparte massiv beschädigen wird. "Wir müssen das Risiko eingehen, dass wir an der eigenen Kannibalisierung teilnehmen", räumt der Konzernchef ein. Ketzer würden sagen: Die Post begeht Selbstmord aus Angst vor dem Tod.
Wieder so eins jener "liebevoll gepflegten Vorurteile", jedenfalls aus Sicht von Briefvorstand Gerdes. Für ihn ist die Post schon lang keine schlafmützige Behörde mehr, sondern ein moderner, globaler Logistikkonzern. Auf den Rechnern der Post liefen eine der größten SAP-Installationen sowie die größte Microsoft.Net-Anwendung der Welt. Vollautomatische Packstationen seien inzwischen ebenso selbstverständlich wie Handyporto und iPhone-App. "Wir sind ein IT-Unternehmen mit angeschlossener Zustellung", sagt Gerdes. So gesehen ist die angepeilte Eroberung der digitalen Welt nur ein logischer Schritt.
Der Onlinebrief, so der interne Arbeitstitel, soll die Vorteile des Papierdokuments mit der Schnelligkeit einer E-Mail verbinden. Das elektronische Schreiben wird verschlüsselt gesendet, öffnen und lesen kann es nur der ausdrücklich bestimmte Empfänger, der sich zuvor einmalig am Postschalter legitimiert und ausgewiesen hat – ähnlich wie bei der Eröffnung eines Kontos bei einer Direktbank. So können auch sensible Unterlagen via Internet verschickt werden: Patientenakten, Versicherungspolicen, Kontoauszüge. Eine Revolution für die alte Papierpost.
Die einstige Ertragsperle Brief hat an Glanz verloren
Für den Dax-Konzern steht viel auf dem Spiel: Die Briefsparte ist seit ewigen Zeiten die Ertragsperle. Die Übernahme des Paketversenders DHL im Jahr 2000 und die anschließende weltweite Expansion wären nicht möglich gewesen ohne die Milliarden, die das Brot-und-Butter-Geschäft Jahr für Jahr in die Kasse brachte. Doch seit 2007 sind die goldenen Zeiten vorbei. Der Umsatz der Briefsparte sinkt, im vergangenen Jahr um fünf Prozent auf 13,5 Milliarden Euro. Der Gewinn schrumpfte sogar um mehr als ein Drittel. Für 2010 rechnet die Post mit einem weiteren Minus von zehn bis 20 Prozent. Mit dann nur noch ein bis 1,2 Milliarden Euro würde das Briefgeschäft lediglich noch die Hälfte zum operativen Gewinn des Unternehmens beisteuern – früher waren es regelmäßig mehr als 80 Prozent.
Quelle: capital.de
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