David Boies hatte unmittelbar nach dem Urteilsspruch einen Ratschlag für den Rivalen seines Klienten Oracle. "Wenn ich SAP wäre - und ich bin es nicht - würde ich nicht unbedingt einen weiteren Prozess haben wollen", sagte der renommierte Prozessanwalt im Gerichtssaal zu Journalisten. "Warum würde SAP den wohl peinlichsten Abschnitt in der gesamten Firmengeschichte noch einmal erleben wollen?"
Boies und die anderen Anwälte und Mitarbeiter der von Oracle engagierten Anwaltskanzleien umarmten und beglückwünschten sich am Montagnachmittag zum Sieg gegen den weltgrößten Hersteller von Unternehmenssoftware. Wenig später löcherten sie zwei der acht Geschworenen, die nach der Urteilsverkündigung noch einmal in den Gerichtssaal zurückkehrten. Die Anwälte wollen erfahren, wie die Jury ihre Strategie beurteilte. "Was überzeugte, was nicht - was haben wir falsch, was richtig gemacht?", fragte Boies die beiden Geschworenen. Die Jury benötigten rund acht Stunden, um zu ihrem Urteil zu gelangen.
In dem Prozess ging es um Anschuldigungen von Oracle, dass die SAP-Tochter Tomorrow Now illegal Informationen und Software von Oracle-Servern heruntergeladen hatte. Tomorrow Now benutzte das Material, um Software von Kunden der Anfang 2005 von Oracle übernommenen Firma Peoplesoft zu warten. SAP hatte Tomorrow Now Anfang 2005 gekauft und hoffte, Oracle damit durch die Peoplesoft-Übernahme verunsicherte Kunden abzunehmen. Oracle verklagte SAP und Tomorrow Now im März 2007, im Oktober 2008 stellte SAP die texanische Servicetochter ein. Oracle-Anwalt Boies sagte während des Prozesses, SAP habe den illegalen Zugriff auf das Oracle-Material orchestriert um so das Wachstum des vor allem durch Zukäufe stärker werdenden Rivalen im Markt für Unternehmenssoftware zu behindern.
Der Walldorfer Softwarekonzern hatte kurz vor Prozessauftakt am 1. November zugesagt, dass er Oracles Vorwurf, er sei indirekt an der Urheberrechtsverletzung durch Tomorrow Now beteiligt gewesen, nicht mehr anfechten werde. In dem Prozess musste deshalb nur noch die Frage geklärt werden, wie viel SAP dem Konkurrenten für die Verletzung von 120 Urheberrechten zahlen muss. Bevor der Prozess startete, hatte sich SAP jahrelang mit Oracle zu einigen versucht, allerdings ohne Erfolg.
Die SAP-Anwälte wollten das Urteil nicht kommentieren und verwiesen Journalisten an einen SAP-Sprecher. "Wir sind natürlich enttäuscht von diesem Urteil und werden alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten erwägen, einschließlich Anträge und Revision, falls notwendig", sagte der Sprecher Bill Wohl. Das werde dauern, fügte er hinzu. Aber SAP hoffe, dass der Streit ohne zusätzliche jahrelange Gerichtsverfahren gelöst werden könne. SAP könnte versuchen, die zuständige Richterin Phyllis Haminton zu einer Senkung der Schadenersatzsumme zu bewegen.
SAP hatte seine Rückstellungen kurz vor Prozessbeginn auf 160 Mio. Dollar aufgestockt und dabei bleibe es bis auf weiteres, sagte Wohl. "Bis eine Zahlung an Oracle tatsächlich fällig wird, wird eine geraume Zeit vergehen", sagte Wohl.
© 2010 ftd.de
Ihre Meinung
Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück





















