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18.08.2010

Reportage: Besuch beim letzten Kurzarbeiter

Von: Jarka Kubsova
Zurück im Leben: Dieter Stumpf, Prozesssteuerer bei Lufthansa Cargo, ist froh, dass die Kurzarbeit vorbei ist
Zurück im Leben: Dieter Stumpf, Prozesssteuerer bei Lufthansa Cargo, ist froh, dass die Kurzarbeit vorbei ist
© FTD/Andreas Reeg
Sie gilt als deutsches Erfolgsmodell: 1,5 Millionen Menschen waren in der Rezession in Kurzarbeit. Sie bekamen weniger Geld - und behielten dafür ihren Job. Jetzt arbeiten fast alle wieder voll. Einer von ihnen ist Dieter Stumpf. Er hat die Krise bei Lufthansa Cargo erlebt.

Manche Grundsätze sind sehr einfach: Dinge kommen, Dinge gehen. Die Dinge, um die sich Dieter Stumpf kümmert, kommen meistens von oben und immer aus der ganzen Welt. Flieger bringen sie in Säcken und Kisten vor das Tor einer großen grauen Halle am Frankfurter Flughafen, da warten sie, bis Dieter Stumpf sagt: Dieser Sack muss nach Kiel oder Mailand, diese Kiste nach Osnabrück oder Prag. Dann kommen Lkw oder andere Flieger und tun das, was Stumpf gesagt hat. Das ist sein Job, er ist Prozesssteuerer bei Lufthansa Cargo, einer Tochter der Deutschen Lufthansa.

Ein Kerl, 53 Jahre, mit breitem Schnauzer, kräftigem Leib und fester Stimme.

Es war im Spätherbst vor zwei Jahren, als auf einmal keine Dinge mehr kamen. Die große Halle, in der es sonst tobt und tost, dass der Schädel brummt, in der Hunderte Männer Tausende Kisten und Säcke umladen, aufladen, bringen und wegfahren, war plötzlich still und leer, nichts rührte sich.

Stumpf stand mit seiner Truppe am Tor herum und schaute ins Nichts: "Was ist da bloß im Gange?", fragten die Männer sich und auch: "Was sollen wir denn hier?"

Die Krise war da. Plötzlich und heftig. Und jeder wartete auf das, was eigentlich in jeder Krise passiert: Bricht die Wirtschaft ein, werden Leute entlassen, massenweise, auch das ist ein einfacher Grundsatz.

Doch in dieser Krise kam es anders. Die Unternehmen entließen nicht massenhaft, sie setzten auf Kurzarbeit, so zahlreich wie noch nie zuvor. Um die fünf Millionen Arbeitslose würde es diesen Herbst in Deutschland geben, prophezeiten viele Wirtschaftsforscher zu Beginn des Abschwungs. Tatsächlich ist die Zahl der Arbeitslosen während der Krise nie über 3,5 Millionen gestiegen - obwohl die Wirtschaft historisch einmalig schrumpfte.

Vom deutschen Jobwunder ist nun die Rede, das Ausland staunt, kaum ein anderes Industrieland ist besser durch die Krise gekommen. Die Kurzarbeit, ein altes Instrument, das bisher vor allem das Baugewerbe in den Wintermonaten genutzt hat, hat einen großen Anteil daran. 1,5 Millionen Menschen waren in der Spitze in Kurzarbeit. Dieter Stumpf war einer von ihnen.

Seit einiger Zeit fahren die Betriebe die Kurzarbeit wieder zurück. Ein Instrument verschwindet, das dem Land geholfen und es verändert hat. Aber etwas wird bleiben. "In der nächsten Krise wird vieles anders werden", sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Das Ganze war ein Lernprozess. Für die Politik, für Tarifpartner und für Unternehmen."

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