Die neue Berliner Republik gibt sich gerne jung und weltoffen, volks- und vor allem wirtschaftsnah. Die politische Klasse feiert dies öffentlich und oft – und vor allem gerne sich selbst. Dabei hat Berlin heute wenig gemein mit vitalen Kapitalen wie London, Paris oder auch Warschau. In seiner Abgeschiedenheit und Künstlichkeit ähnelt vor allem das neue Regierungsviertel in Berlin-Mitte mehr und mehr steril anmutenden Kunstprodukten wie Brasilia oder dem neuen kasachischen Astana.
An und für sich sind sowohl Brasilia als auch Astana Paradebeispiele für ambitionierten Städtebau und eindrucksvolle Symbole für den Aufbruchwillen zweier Staaten. Gleichwohl sind in beiden Fällen politische Aquarien entstanden. Brasilia - in den 50er Jahren auf dem Reißbrett entworfen - ist trotz der Erhebung zum Unesco Weltkulturerbe ein weitgehend abgekapselter und wenig geliebter administrativer Moloch geblieben.
Astana (zu Deutsch "Hauptstadt"), seit 1997 politisches Zentrum der jungen kasachischen Republik, wird wohl ein ähnliches Schicksal ereilen. Die entstehenden Prachtbauten - in Ausmaß und architektonischer Gestaltung den Regierungsbauten in Berlin nicht unähnlich - wirken oft deplatziert und megaloman. In Brasilia und Astana geht am Freitagmittag das Licht aus - dann verlassen, wie in Berlin, Volksvertreter, Beamte und Lobbyisten die beiden Städte und reisen quer durch ihr Land dorthin, wo das wirkliche Leben stattfindet.
Nun ist Berlin natürlich weder eine sterile Neugründung wie Brasilia noch ein zur Kapitale erhobenes Provinzstädtchen wie Astana. Seit der Wende ist die Stadt zu einer der bedeutendsten europäischen Metropolen herangewachsen. Kein Zweifel, Berlin ist ein Magnet. Man fragt sich allerdings für wen: Es sind vor allem junge Kunstschaffende und Studenten, die den Weg auf die neue Insel der Glückseligen im Dreieck Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Mitte gefunden haben.
Die deutsche Wirtschaft hingegen befi ndet sich ganz offensichtlich auf der Flucht. Falls der gegenwärtige Trend anhält, kann die Stadt in wenigen Jahren zur wirtschaftsfreien Zone erklärt werden. Die verlängerten Werkbänke in West-Berlin wurden nach 1989 abgebaut, der Osten ist deindustrialisiert. Die wenigen großen Unternehmen, die sich nach der Wiedervereinigung in die Hauptstadt aufgemacht haben, legen wieder den Rückwärtsgang ein. Entscheidungen für Berlin sind die Ausnahme. Wichtiger noch ist der Umstand, dass die Stadt keinen gesunden Mittelstand vorzuweisen hat. Kurz: Berlin ist, wirtschaftlich betrachtet, eine Wüste.
Die deutsche Wirtschaft tut sich keinen Gefallen damit, wenn sie Berlin links liegen lässt. Unternehmer beklagen gerne und oft den Umstand, dass die Politik ihre Bedürfnisse nicht verstehe. Wie auch, so fragt man sich, wenn man der deutschen politischen Klasse erlaubt, in einem praktisch wirtschaftsfreien Raum zu operieren.
Natürlich ist die Wirtschaft politisch gut in Berlin vertreten. Allerdings sind Konzernrepräsentanzen und Verbandshauptquartiere kein adäquater Ersatz für eine funktionierende wirtschaftliche Infrastruktur. Es bedarf einer gesunden Mischung aus Wirtschaft und Politik in Berlin, um gute Rahmenbedingungen für politisches Handeln zu schaffen. Es geht nicht um Interessenpolitik, es geht um das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Klima, in dem in Berlin Politik gemacht wird.
Die Gründe für fehlende Investitionen in Berlin sind ohne Zweifel vielschichtig. Eine überforderte Verwaltung sowie überbordende Vorschriften spielen, wie oft in Deutschland, ganz sicher eine Rolle. Gleichzeitig ist die Stadt reich an Talenten, und sie ist, verglichen mit anderen Großstädten, ein verhältnismäßig kostengünstiger Standort. Die deutsche Wirtschaft sollte sich fragen, ob sie es sich leisten kann, Berlin zur wirtschaftsfreien Zone verkommen zu lassen.
© 1999 - 2012 impulse
Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück





















Diesen Artikel bookmarken bei...