Peter Löscher sagt es zum dritten Mal. "Das ist ein großer Tag für Siemens." Und dann legt er noch nach: "Ein großer Tag für Frankreich und Deutschland. Ein großer Tag für Europa." Groß soll das hier aussehen, zukunftsgewandt, überlegt - so sehr ist der Siemens-Chef von der Idee beseelt, sein neuestes Geschäft wie eine strategische Großtat aussehen zu lassen und nicht wie eine schnöde Abwrackmaßnahme, dass er ein bisschen übertreibt.
Im Pariser Hotel Intercontinental Le Grand verkündet Löscher am Mittwoch den Verkauf von SIS an den französischen IT-Dienstleister Atos Origin. Der Konzernchef hat sich gerade seiner größten Sorge entledigt, hat sich den chronisch defizitären IT-Dienstleister SIS vom Hals geschafft. Ein Sanierungsfall, seit Jahren. Und das letzte große Hindernis auf dem Weg zu seiner Vision von Siemens, zum Umwelttechnologiekonzern, der sich auf die drei Sparten Energie, Medizin und Industiretechnik fokussiert. Auf dem Podium sitzt an seiner Seite der Atos-Chef Thierry Breton, ein früherer Minister, und macht gute Mine zu Löschers großem Spiel.
Es ist der erste große Deal des Siemens-Chefs, der seit Juli 2007 im Amt ist. Löschers Feuertaufe. Er hat endlich geschafft, was seinen Vorgängern nicht gelungen ist. Mit der Trennung von SIS kann Siemens das Kapitel Informations- und Kommunikationtechnologie abschließen, das der Konzern seit nun einem Jahrzehnt in immer neuen Geschäften zu beenden versucht. Es ist ein Kapitel mit einem tollen Anfang, als Siemens zu den Pionieren der Branche zählte, und einem ziemlich traurigen Schluss.
Im Laufe der Zeit hatte der behäbige Konzern in der schnelllebigen Telekommunikationsbranche ebenso wie bei IT-Diensten den Anschluss verloren. Es ging am Ende um die unrühmliche Benq-Pleite, um Gigaset oder das Milliardengrab NSN, um das Geschäft mit Handys, Telefonen oder Mobilfunknetzen, das einst zum Kerngeschäft gehörte. Dem eigentlich konsequenten Beschluss auszusteigen, folgte eine Pannenserie, die Milliarden kostete, Zehntausende Arbeitsplätze - und viel Renommee
Und ganz raus ist Siemens immer noch nicht. Es bleiben Anteile am Netzwerkausrüster NSN, einem Joint Venture mit Nokia, das immer noch mehr Geld kostet als es einbringt und für das immer noch keine Käufer gefunden sind. Und auch der Ausstieg aus dem IT-Servicegeschäft, den Löscher am Mittwoch verkündete, wird nur schrittweise vollzogen, denn er ist an Bedingungen und Verpflichtungen geknüpft, die den Konzern viel Geld kosten.
Noch ist völlig ungewiss, wann es Siemens gelingen kann, aus der mit Atos Origin vereinbarten Konstruktion endgültig auszusteigen. Da macht es also Sinn, erstmal von der neuen Partnerschaft zu schwärmen. Und sich an den Komplimenten des neuen Partners zu wärmen: "Du hattest eine harte Arbeit zu erledigen, als Du die Struktur des Unternehmens verbessert hast", schmeichelt Breton. Da stören Fragen nach den Lehren aus der Vergangenheit nur die Harmonie. Auf die Anteilsverkäufe der Vergangenheit angesprochen, die zumeist unglücklich gelaufen sind, mag sich Löscher an diesem Tag jedenfalls nicht äußern. "Das ist heute nicht Thema", befindet er schmallippig.
Doch er weiß, dass er in den kommenden Jahren daran gemessen wird, ob er es besser macht als seine Vorgänger. Wiederholt er die Fehler der Vergangenheit, hat Siemens wieder einmal nichts begriffen. Dann hat Löscher auch seine Feuerprobe nicht bestanden. Denn der scheibchenweise Ausstieg des Münchner Konzerns aus dem IT-Geschäft ist längst zum Lehrstück geworden, wie man es besser nicht machen sollte.
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