23.04.2010

Stahlindustrie: Salzgitter kämpft mit Kostenanstieg

Von: Kirsten Bialdiga
Es herrscht Unsicherheit in der Stahlbranche
Es herrscht Unsicherheit in der Stahlbranche
© Getty Images
Hohe Rohstoffpreise und eine unsichere Konjunkturlage erschweren die Planung des Stahlherstellers - das bringt auch das Jahresziel ins Wanken. Auswege aus dem Rohstoffdilemma sieht Salzgitter kaum.

Neue Rohstofflieferverträge und die Unsicherheit am Stahlmarkt bringen das Jahresziel von Salzgitter ins Wanken. "Wenn es hart auf hart kommt, müssen wir unsere Prognose anpassen", sagte Salzgitter-Chef Wolfgang Leese auf der Hannover Messe.

Die Wahrscheinlichkeit dafür bezifferte der Vorstandsvorsitzende des zweitgrößten deutschen Stahlkonzerns auf 50 Prozent. "Weder die Rohstoffkosten noch die nachgefragten Mengen noch der Verkaufspreis sind kalkulierbar - mehr Unsicherheit geht nicht", sagte der 63-jährige Stahlmanager, der den Spitzenposten bei Salzgitter aus Altersgründen nächstes Jahr an den jetzigen Finanzchef Heinz Jörg Fuhrmann übergibt.

Im März hatte Leese für den niedersächsischen Dax-Konzern einen Vorsteuergewinn in zweistelliger Millionenhöhe für das Jahr 2010 in Aussicht gestellt. Die meisten Analysten hatten mit einer deutlich optimistischeren Vorhersage gerechnet. Doch zwischenzeitlich haben die Minenkonzerne Vale, Rio Tinto und BHP Billiton in den Verhandlungen mit asiatischen Stahlunternehmen einen Preisaufschlag bei Eisenerz von 90 Prozent und mehr durchgesetzt. Gleichzeitig wurde die Laufzeit der Verträge von einem Jahr auf drei Monate begrenzt, um die Preise enger an das Spotmarktniveau zu koppeln.

"Wir sind noch in Verhandlungen mit den Rohstoffkonzernen, aber ich mache mir keine Illusionen, dass wir einen besseren Abschluss erzielen können", sagte Leese. Die Kosten für Erz, Kohle und Schrott seien im zweiten und dritten Quartal um 188 Euro pro Tonne Stahl gestiegen. Die Verteuerungen müssten auch im dritten Quartal über die Stahlpreise weitergegeben werden. Zum Ausmaß schwieg Leese.

"Wir wissen nicht, ob tatsächlich der Stahlverbrauch steigt"

Er sehe aber gute Chancen, Preisaufschläge durchzusetzen: "Bei den Verkaufsmengen liegen wir aktuell deutlich über unseren Erwartungen." Nach dem Einbruch 2009 hatten Kunden aus Auto-, Maschinenbau- und Bauindustrie im vierten Quartal wieder mehr gekauft. Ob der Trend anhält, sei unklar: "Wir wissen nicht, ob der hohe Auftragseingang darauf zurückzuführen ist, dass die Kunden ihre Läger auffüllen, oder ob tatsächlich der Stahlverbrauch steigt." Leese fürchtet, dass die Abnehmer in Erwartung steigender Stahlpreise über Bedarf ordern.

Auswege aus dem Rohstoffdilemma gibt es aus Leeses Sicht vor allem für kleinere Stahlhersteller wie Salzgitter kaum. Denkbar wäre eine Preisgleitklausel in den Verträgen mit Autokunden, die sich den Rohstoffkosten anpasst. Im Flachstahlgeschäft wäre das aber ein Novum. Zudem liefen Gespräche mit Kunden über kürzere Laufzeiten von Stahllieferverträgen.

"Mit einer solchen Volatilität der Einkaufs- und Verkaufspreise haben wir noch keine Erfahrung", räumte Leese ein. Salzgitter habe auf die Neugestaltung der Verträge aber wenig Einfluss. Das sei Sache führender Stahlkonzerne und der großen Autokunden. "Daran werden wir uns halten müssen."

Probleme beim Röhrengeschäft

Eine Beteiligung an einer Eisenerzmine zur Rohstoffversorgung schloss Leese aus. "Das wäre ein Milliarden-Dollar-Projekt", sagt er. Immerhin profitiert Salzgitter vom Rohstoffboom über seine 25,3-Prozent-Beteiligung am Kupferproduzenten Aurubis. Eine Aufstockung sei "zurzeit nicht beabsichtigt".

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Für eine negative Überraschung könnte das in der Krise bisher recht stabile Röhrengeschäft sorgen. "Bei der zweiten Röhrenlieferung für das Nordstream-Projekt zahlen wir drauf", sagte Leese. Man werde im laufenden Quartal Rückstellungen für Drohverluste in Millionenhöhe bilden müssen. Hintergrund sind die steigenden Materialkosten bei festen Verkaufspreisen. Quartalszahlen legt Salzgitter am 12. Mai vor.

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