"Unsere Unternehmen werden sich im Ausland künftig stärker konzentrieren und mit weniger Fabriken zusammenarbeiten, die über eigene Prüfsysteme selbst kontrolliert werden können", sagte der Chef der Lidl-Muttergesellschaft Schwarz Unternehmenstreuhand, Klaus Gehrig, der "Lebensmittel Zeitung". Metro-Chef Eckhard Cordes hatte auf der Hauptversammlung kürzlich direktes Engagement des Unternehmens für bessere Arbeitsbedingungen für Frauen in Bangladesch zugesagt. Metro war vor einem Jahr wegen eines Todesfalls in einer Zulieferfabrik angegriffen worden.
Informationen der Financial Times Deutschland zufolge wird derzeit außerdem in der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels (AVE) über die Zukunft des BSCI-Standards diskutiert. Darin sind zahlreiche Sozial- und Umweltstandards zusammengefasst, die die Bedingungen bei Unternehmen der Zulieferkette verbessern sollen. "Möglicherweise müssen wir engmaschiger kontrollieren und auch frühe Produktionsstufen bis runter zur Baumwolle mit einbeziehen", heißt es bei AVE-Mitgliedern. "Dabei könnte im Extremfall ein neuer Standard herauskommen. Wir sind aber noch in einer sehr frühen Phase der Diskussion." Dem AVE gehören fast alle großen deutschen Händler wie Metro, Rewe, Otto, C&A und Peek & Cloppenburg an. Die von ihr initiierte Business Social Compliance Initiative (BSCI) ist Verwalter des gleichnamigen Standards, auf dessen Einhaltung sich die Händler verpflichten können.

Die Aussagen der Spitzenmanager deuten auf eine Neuorientierung bei der Beschaffung in den Handelsunternehmen hin. Bislang waren die Einkaufsorganisationen praktisch ausschließlich auf Kostenminimierung und Qualitätsmaximierung beim Endprodukt ausgerichtet. Die Verantwortung für die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards war - wenn überhaupt - an externe Prüforganisationen übergeben worden, die etwa die jährliche BSCI-Zertifizierung von Fabriken in Asien vornehmen.
Angesichts der Kritik an externen Prüfverfahren sowie der wirkunsgvollen Recherchen von Nichtregierungsorganisationen wie die Kampagne für saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign, CCC) gilt das Verfahren inzwischen kaum noch als zeitgemäß.
Organisationen wie CCC betreiben weltweite Netzwerke, über die sie Recherchen in asiatischen Fabriken in den Industrieländern publik machen, für die die jeweiligen Fabriken produzieren. Selbst einzelne Verstöße in Asien werden so immer öfter bekannt. So werden jedes Jahr vor der Hauptversammlung des internationalsten deutschen Handelskonzerns Metro in überregionalen Medien neue Rechercheergebnisse aus Fabriken veröffentlicht, die für Metro produzieren. Seit Jahren werden zudem deutsche Markenhersteller wie Puma oder Adidas immer wieder öffentlich auf unhaltbare Zustände in ihrer Lieferkette hingewiesen. Im April hatte CCC Lidl zu einer Kehrtwende veranlasst. Das Unternehmen hatte mit der Einhaltung des BSCI-Standards in seiner Lieferkette geworben, wollte es aber nicht auf eine gerichtliche Überprüfung ankommen lassen, nachdem CCC Verstöße angeprangert hatte. Lidl unterschrieb eine Unterlassungserklärung und darf nicht mehr mit dem Siegel werben.
Der Chef der Unternehmensgruppe Gehrig räumte nun indirekt Verstöße ein und sprach den externen Zertifizierern pauschal die Zuverlässigkeit ab. "Am Ende steht für mich fest, dass wir uns auf die ganzen Audits und Zertifizierungsverfahren, ob im Ausland oder in Deutschland, nicht wirklich verlassen können."
Wann die von Gehrig angekündigte Straffung und Kontrolle der Lieferkette umgesetzt werden soll, will Lidl derzeit nicht sagen. Der Meinungsbildungsprozess sei gerade erst angestoßen, hieß es. Deshalb seien weder über künftige Produktionsstandorte noch über die Formulierung der Standards, die Organisation der unternehmenseigenen Kontrollen oder mögliche Mehrkosten durch eine geänderte Beschaffungsstrategie Aussagen möglich. Konkurrenten und Zertifizierer äußerten Zweifel an den Plänen. So sagte der Chef der Aid-by Trade-Stiftung, Johannes Merck: "Ich glaube, dass die Prüfung durch Zertifizierungsstellen mit ihren Siegeln im Moment der einzige wirtschaftlich vernünftige Weg ist." Auch er wies allerdings auf Mängel im derzeitigen System hin. Die Stiftung vergibt indirekt selbst Siegel.
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