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03.12.2010

Wachstumszone: Boom Boom in Basra

Von: Christian Litz
Respekt und Vertrauen: Wenn Florian Amereller (l.) mit Abdul al-Mussawi in dessen Moschee in Basra redet, hält sich sein Mitarbeiter Michael Bäume (M.) abseits
Zoom Respekt und Vertrauen: Wenn Florian Amereller (l.) mit Abdul al-Mussawi in dessen Moschee in Basra redet, hält sich sein Mitarbeiter Michael Bäume (M.) abseits
© Max Becherer
Nebenan gehen die Bomben hoch. Florian Amereller und Michael Bäume fädeln derweil Geschäfte für deutsche Unternehmen ein, mitten im Irak.

Ins Herz des Reichtums will er fliegen, nach Basra. Abends muss er da sein, alles klarmachen. Alles. Das entscheidende Gespräch. Heute Abend muss er in Basra mit Abdul al-Mussawi sprechen. Um den geht es. Der muss Ja sagen.

Noch ist Florian Amereller in Bagdad. 7 Uhr. Früher Morgen, aber die grelle Sonne schmerzt schon, vor Hitze flirrt die Luft. Amereller steht im blauen Jackett, mit Kaffeetasse in der Hand im so seltenen Schatten. Den spenden vier Meter hohe, bombensicherdicke Betonwände. Am Stahltor stehen Männer mit Maschinenpistolen, Kaugummi kauend, Sicherheit versprechend. Amereller, schwarzhaarig, groß, stabil, wartet nahe dem Flughafen in der Festung der Sicherheitsfirma Sabre. Sabre heißt Säbel.

Amereller wird dort lang warten, aber er wird nicht fliegen.

Verhandlungen: Im Vorraum einer Moschee beratschlagen Johny Paulus, Michael Bäume, Florian Amereller, Anwalt Cheliel al-Fais und Abdul al-Mussawi (v.l.)
Zoom Verhandlungen: Im Vorraum einer Moschee beratschlagen Johny Paulus, Michael Bäume, Florian Amereller, Anwalt Cheliel al-Fais und Abdul al-Mussawi (v.l.)
© Max Becherer

Mit seinem großen hellen Lächeln wirkt Amereller jünger als seine 45 Jahre. Er wohnt seit 13 Jahren in Kairo, ständig ist er unterwegs, mit vier Blackberrys und Handys, für das Netz der Emirate, das ägyptische, das Saudi-Netz, das deutsche.

Er telefoniert ständig, meist in perfektem Arabisch. Bei anderen, auch bei Irakern, klingt es wie Nahkampf in der Kehle, bei ihm elegant. Heute geht es um die Firma MDC, ansässig am Schatt al-Arab, zuständig für "Oil & Gas Field Services & Supplies". Sie will mitmischen bei neuen Öldeals. Bei MDC ist Amereller nicht Anwalt, sondern selbst Unternehmer, gemeinsam mit anderen Deutschen und der einheimischen Hanna-Shaikh-Familie. Wegen der Firma muss er heute Abend in Basra sein.

Abdul al-Mussawi ist der Bruder des Imams und leitet die Geschäfte des Clans. Er muss einmal nicken, damit MDC an den Start gehen kann. Dieses Nicken ist entscheidend.

"Hier wird in Zukunft viel Geld verdient", sagt Amereller. "Nirgendwo sonst auf der Erde gibt es solch ein Wachstumspotenzial." Im Südirak lagert Öl in 1500 Metern Tiefe. Woanders auf der Welt wird bis zu 4000 Meter tief gebohrt, für schlechteres Öl. Jetzt werden die Aufträge verteilt. Die US-Armee ist gerade abgezogen, nun kriegen amerikanische Konzerne kaum noch Öl-Konzessionen von den Irakern. Späte Rache. Dafür französische, italienische, spanische, malaysische, russische Firmen. Die brauchen Technik, am besten deutsche Technik. MDC will ihnen die geben, das wird das Geschäft. "Es müssen neue Raffinerien gebaut, Pipelines verlegt werden", sagt Amereller. "Die ganze Infrastruktur ist alt."

Auch viele Krankenhäuser sind in Planung. Dämme. "Nichts funktioniert richtig." Das ließe sich ändern. Mit Geld. Und für Geld wird das Öl sorgen. So einfach ist die Rechnung. Ob sie aufgeht?

Hier Bumm Bumm, dort Boom Boom

Heute ist Dienstag, gestern gab es in Kerbela, heilige Stadt der Schiiten, 25 Tote und 68 Verletzte. Nur Stunden später brachte ein Bomber seinen Bus in Bagdad durch viele Kontrollen bis zur Station eines Fernsehsenders: sechs Tote. Der Weg zum Flughafen führt an der Ruine der Trade Bank vorbei. Explosion vorige Woche, 20 Tote. Amerellers Mitarbeiter Ahmed al-Janabi war drin. "Ich bin durch die Luft geflogen, ein paar Meter", sagt al-Janabi. Er lächelt und sieht aus, als würde er sich schämen. "So ist der Irak."

Öl. Noch mehr Öl

Lange lahmgelegt Seit 1980 befindet sich der Irak fast immer im Kriegszustand. Von 1991 bis 2003 legte ein Embargo der Uno die Wirtschaft weitgehend lahm.

So viel Öl Der größte Reichtum des Irak ist Öl. Die BP Statistical Review of World Energy kommt auf 112,5 Millionen Barrel Öl, die in der Erde liegen. Nur Saudi-Arabien und Venezuela haben mehr. Vielleicht noch der Iran.

Chancen Wegen Krieg und Boykott wurde im Irak wenig Öl gefördert. Die Anlagen, Raffinerien, Tanks sind sanierungsbedürftig. Da Deutschland weder an Krieg noch an Besatzung beteiligt war, gibt es wenig Vorbehalte.

Norden oder Süden? Bagdad ist lebensgefährlich. In Basra im Süden und in Erbil, Mossul und Kirkuk im Norden geht es entspannter zu. Hier liegen viele der größten Erdöl- und Erdgasfelder.

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