Richard Kampf erinnert sich genau an den heißen Herbst vor zwei Jahren. 39 Grad zeigte das Thermometer in Cape Coral an Floridas Golfküste – und wieder war die Klimaanlage in seinem Haus ausgefallen. Zum 14. Mal schon. Unterm Dach wühlte sich der Techniker durch die Verkabelung.
Seit dem Einzug im Jahr zuvor bereitete das neue Heim Ärger. Nicht nur die Klimaanlage machte Sperenzchen, Kampfs Hals fühlte sich rau an, der 57-Jährige hatte Hustenanfälle und Nasenbluten. Seine Frau Pat litt unter trockenen Augen, sie musste ständig Tropfen benutzen.
Seine gesamten Ersparnisse hatte Kampf in das Haus gesteckt, 319.000 Dollar, und niemand konnte ihm erklären, was los war. Bis der Techniker von oben rief: "Ich glaube, ich habe die Ursache gefunden: Sie haben hier chinesische Knauf-Gipsplatten."
Richard Kampf ist einer von mehr als 2500 Amerikanern, die den deutschen Baustoffhersteller zur Rechenschaft ziehen wollen. Seit dem Ausbau ihrer Häuser mit Knauf-Platten beklagen sie Probleme mit Schwefelgasen. Elektrische Leitungen korrodieren, Armaturen und Rohre verfärben sich schwarz. Viele der Betroffenen berichten von Gesundheitsbeschwerden. Die Klagen sind in einem Bezirksgericht in Louisiana zusammengefasst, in einer der berüchtigten "class actions".
Knauf befindet sich im Zentrum eines der größten Produkthaftungsfälle der vergangenen Jahre. Im Raum stehen Schadensersatzforderungen in dreistelliger Millionenhöhe. Tausende Hausbesitzer fordern Kompensation für erlittene Schäden durch Gipskartonplatten, die zwischen 2005 und 2007 aus China importiert wurden. Ein Fünftel der Platten stammt von Knauf Plasterboard Tianjin (KPT), einer chinesischen Tochterfirma des deutschen Konzerns. Haben die Kläger Erfolg, wäre das eine Katastrophe für das Familienunternehmen.
Jahrzehntelang galt Knauf als Musterbeispiel des weltweit erfolgreichen deutschen Mittelständlers. Das Unternehmen aus Iphofen bei Würzburg ist in mehr als 40 Ländern vertreten, in rund 150 Werken stellt es Gipsprodukte her, seit Mitte der 90er-Jahre auch in China. Im laufenden Geschäftsjahr wird der Umsatz auf rund 5 Mrd. Euro klettern.
Doch der Erfolg machte die Franken blind. Lücken bei der Qualitätskontrolle, mangelndes Risikobewusstsein, ein miserables Krisenmanagement und der Versuch, Probleme kleinzureden, führten dazu, dass der Konzern zum Opfer seiner Globalisierungsstrategie wurde.
In der weitläufigen Zentrale am Ortsrand von Iphofen weiß man um die Tragweite der Vorgänge in den USA und China – und gibt sich einsichtig. "Da sind viele Faktoren unglücklich zusammengekommen", sagt Hans Peter Ingenillem, einer der beiden Geschäftsführer. Sein Counterpart Manfred Grundke ergänzt: "Ich verstehe, dass die Leute verärgert sind. Unseren nachgewiesenen Anteil an den berechtigten Beanstandungen werden wir regulieren."
Die Ursprünge des Desasters datieren auf Anfang 2006. Damals stieg in den USA die Nachfrage nach Gipsplatten sprunghaft an. Die Wirbelstürme "Katrina" und "Rita" hatten ganze Landstriche verwüstet. Zugleich steuerte der Bauboom auf seinen Höhepunkt zu. Der chinesischen Knauf-Tochter KPT kam die Extranachfrage recht. Sie verschiffte 4,5 Millionen Quadratmeter Gipsplatten, rund ein Viertel der Jahresproduktion aus Tianjin, nach Amerika.
"Diese Lieferungen waren kein gutes Geschäft", sagt Ingenillem zerknirscht. Die Bitterkeit ist angebracht, denn der Kaufmann weiß, dass die Sache eine Dimension annehmen könnte, die selbst ein Unternehmen von der Größe Knaufs in Bedrängnis bringt.
Amerikahandel: Abenteuer Wildwest |
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Was deutsche Unternehmen bei Geschäften in den USA beachten müssen |
Haftung begrenzen "Der wichtigste Schritt ist die Gründung einer US-Tochtergesellschaft mit begrenzter Haftung", sagt Henry Roske von der Kanzlei H. Roske & Associates LLP, die deutsche Unternehmen auf dem US-Markt berät. Dafür biete sich der Bundesstaat Delaware an, der sei kostengünstig und flexibel. Die Tochter schließt die Verträge in den USA ab. "Somit bleibt die Vertragshaftung schon mal auf die USA begrenzt." |
Restrisiko bedenken "Produkthaftung ist in den USA aber immer Herstellerhaftung", warnt Roske. Wenn das Produkt in Deutschland hergestellt wurde, nütze auch die US-Tochter nicht als Puffer. Im Klagefall ist dann der deutsche Hersteller dran. |
Anleitungen anpassen Bei Schadensersatzklagen geht es meist um eine mangelhafte Anleitung, die zu Unfällen führt. "99,9 Prozent der deutschen Bedienanleitungen würden dem US-Markt nicht gerecht", sagt Roske. Kommt es zu Verletzungen beim Aufbau, der Bedienung oder der Wartung und die Anleitung hat auf diese Gefahren nicht hingewiesen, "dann ist stets die deutsche Zentrale dran". Anleitungen müssen auch auf Spanisch verfasst sein. |
Klagefreude einkalkulieren "Das ganze System der Sammelklagen ist pervertiert", sagt Roske. "Es ist ein betrügerisches Erpressungselement." Da dem Kläger keine Kosten entstehen, sind die Amerikaner sehr klagefreudig und die Laienjurys dem Kläger oft wohlgesinnt. Gerade wenn es gegen ausländische Firmen gehe, sagt Roske. Deshalb muss die Produktbeschreibung so gut sein, dass es im besten Fall gar nicht zu Unfällen kommt. Oder im Schadenfall kein Anwalt das Mandat übernimmt, weil er keine Chance auf Erfolg sieht – denn nur dann verdient er. |
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