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20.10.2010

Wendezeit: Neues Leben

Von: Nikolaus Förster

© Werner Mahler/OSTKREUZ
20 Jahre nach der Grenzöffnung entsteht im Osten ein neues Unternehmertum – innovativ, flexibel und krisenerprobt. Mit alten Traditionen und modernsten Technologien.

Er ist extra nach Dresden gefahren, zu Robotron, dem größten Computerhersteller der DDR. In der Tasche: der Businessplan, sein Businessplan. Knut Löschke, 37, will raus aus dem Kombinat Wälzlager und Normteile, eine Softwarefirma gründen. Alles ist durchkalkuliert, bis ins Detail. Jetzt braucht er nur noch ein Gutachten. Von Robotron. Von Doktor Lodahl.

Und dieser Mann, der jetzt vor ihm sitzt, hinter dem gewaltigen Schreibtisch mit dem grauen Tastentelefon, müsste nur Ja sagen – und sein Projekt unterstützen. Jetzt, im Sommer 1988. Erich Honecker hängt eingerahmt an der Wand, im rechten Winkel zum leergefegten Schreibtisch steht ein kleiner Tisch mit Stühlen aus Stahlrohr, überzogen mit rotem Kunstleder. Löschke rückt ganz nah an Lodahl heran, malt die Zukunft aus. Vergeblich: "Herr Löschke, warum sollte ich mir Konkurrenz schaffen?"

Löschke steht auf, geht zur Tür – da kommt der Direktor hinter seinem Schreibtisch hervor, eilt zu ihm: "Die Idee ist ja nicht schlecht. Vielleicht sehen wir uns in einem anderen Leben wieder."

Das andere Leben.

Es beginnt ein Jahr später.

Am 9. November 1989, als Günter Schabowski vor laufender Kamera die Mauer schleift. "Sofort, unverzüglich" sei eine Ausreise möglich, stammelt er ins Mikrofon. Löschke sitzt vor dem Fernseher. Was für ein Kabarett! Das hätte seine Frau sehen sollen! Doch die ist – gerade jetzt – nicht da. Die da oben haben sie für ein paar Tage rausgelassen, nach Frankfurt am Main, zum 65. Geburtstag ihrer Mutter. Er ist als Faustpfand in Leipzig zurückgeblieben, mit Sohn und Tochter, sieben und acht Jahre alt. Als er am nächsten Morgen aufwacht, versteht er, was passiert ist. "Innerhalb einer Nacht hat sich alles verändert", sagt Löschke 20 Jahre danach. "Wirklich alles."

Das Kombinat fällt auseinander. An dem Tag, als Helmut Kohl in Bonn für einen Beitritt der DDR zur BRD plädiert, am 1. März 1990, trägt Löschke seine Firma PC-Ware ins Handelsregister ein, verpfändet – was seine Frau erst später erfährt – sein Haus an die Deutsche Bank und startet durch. Heute gehört der IT-Dienstleister, der Software lizenziert, zu den größten Unternehmen Ostdeutschlands, mit 1800 Mitarbeitern in 25 Ländern. Umsatz: fast 890 Millionen Euro.

In die Freiheit entlassen

Es sind jene Monate nach dem Mauerfall, in denen die Menschen neu anfangen, Firmen gründen, an alte Traditionen anknüpfen und enteignete Familienbetriebe wiederbeleben. Mit einem Mal herrscht nicht nur Reise- und Redefreiheit. Auch die Wirtschaft wird in die Freiheit entlassen. 20 Jahre später hat sich in Ostdeutschland ein neuer Mittelstand etabliert, wird in Technologien investiert, feiern alte Marken ein Comeback.

Es knubbelt sich

Um die traditionellen Technologiezentren Ostdeutschlands haben sich neue Netzwerke etabliert. Hochschulen, Forschungseinrichtungen, ehemalige volkseigene Betriebe und neu angesiedelte Konzerne drängen im Verbund mit Startups in Zukunftsmärkte.

Perfekte Linsen
Platzprobleme haben sie nicht bei Carl Zeiss in Jena. Für 5000 Mitarbeiter war das große Produktionsgebäude einst ausgerichtet, ganze 1700 arbeiten hier jetzt noch, von den Optikmeistern, die an den alten Schleiftischen die Linsen so präzise polieren, wie es kein Roboter kann, bis zu den Technikern, die Lasermikroskope nach Kundenwunsch bauen. Trotz des personellen Aderlasses weht hier kein kalter Wind durch leere Flure. Aus überflüssigen Produktionshallen sind Büros geworden, in denen sich Tochterfirmen, Startups und Forschungseinrichtungen angesiedelt haben. Auch zu den Füßen der Zentrale beherbergt der Zeiss-Campus innovative Gäste: Eine neue Fachhochschule hat der Freistaat Thüringen hier eingerichtet, ein aufgehübschter DDR-Zweckbau beherbergt das Studentenwohnheim.

Hightech in Jena
Das bunte Gewirr aus Konzern, Forschung und Kleinunternehmen ist beispielhaft für die neue alte Optik-Hochburg Jena, heute Herzstück eines Hochtechnologieclusters für photonische Technologien, zu dem Namen wie Zeiss, Jenoptik und Schott gehören. Dazu kommen kleine Unternehmen wie Analytik Jena, von denen viele aus Forschungen an der Universität entstanden. Einige ihrer Institute unterhält sie auf dem Beutenberg-Campus, einem Hügel, auf dem sich viele Existenzgründer und eine Gruppe von Forschungseinrichtungen angesiedelt haben, darunter das Institut für Photonische Technologien (IPHT), Fraunhofer- und Max-Planck-Institute.

Strom aus Sonnenenergie
Von der Raumfahrt über Materialwissenschaft bis hin zu Medizintechnik reicht das Spektrum der Anwendungen, für die hier Technologien entwickelt werden – und natürlich Solarstrom. Der Branchenkrise und Billigkonkurrenz zum Trotz. In Mitteldeutschland hofft man auf die Entwicklung neuer Hochleistungszellen für verschiedene Anwendungsbereiche. Der Fotovoltaikboom hat viele Städte in den neuen Bundesländern zu Solarzentren gemacht, neue Anwendungsbereiche für ihre traditionellen Stärken erschlossen: Freiberg, Bitterfeld und die Mikroelektronikstädte Dresden und Erfurt sind Wachstumskerne von Europas größtem Solarcluster, weltläufig "Solar Valley Mitteldeutschland". Die Mischung aus traditionellem Können und staatlicher Förderung hat hier zur Ansiedelung von Firmen wie Q-Cells geführt, die heute zwar schlingern, aber dazu beigetragen haben, dass ein Netz von Zulieferern, Startups und Forschungseinrichtungen entstanden ist.

Chipboom an der Elbe
Dresden sucht als Wissenschaftsstadt ihresgleichen, vor allem in den Materialwissenschaften. Der Schlüsseldisziplin auch für die Halbleiterindustrie. Die großen Forschungsverbünde Max Planck, Fraunhofer und Helmholtz führen renommierte DDR-Institute fort und haben neue gegründet. Hinzu kommt die Technische Universität, die mit einer eigenen Aktiengesellschaft ihre Ideen vermarktet. Die Krise der Solarbranche weckt in der Region unschöne Erinnerungen an die Malaise der Halbleiterindustrie, derentwegen sich Sachsen zum "Silicon Saxony" ausgerufen hatte. Der Chipboom an der Elbe begann, als sich AMD und Qimonda ansiedelten – quasi auf den Trümmern des VEB Robotron. Der Konzern war nach der Wende in die Knie gegangen und hatte ein Heer von Fachleuten hinterlassen. Heute sucht die Branche nach neuen Feldern: Ein Grüppchen von Forschungseinrichtungen und Firmen wie dem Oled-Hersteller Novaled haben sich zum "Organic Electronics Saxony" zusammengeschlossen, einem Cluster für Plastikschaltkreise. Andere Unternehmen setzen mit dem Projekt "Cool Silicon" auf die Entwicklung stromsparender Mikroelektronik.

Innovationsstau in der Chemie
Anders als die optische und die Halbleiterindustrie ist die ostdeutsche Chemieindustrie nur spärlich mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen gesegnet. Zwar hat die Branche wieder Fuß gefasst in und um die alten Standorte Bitterfeld, Leuna, Schkopau, Freiberg. Fachwissen haben die Menschen in der Region, und an Schornsteinen stören sie sich auch nicht. Die Entscheidung, nach der Wende eine neue Großraffinerie in Leuna anzusiedeln, hat eine mittelständisch geprägte Unternehmenslandschaft entstehen lassen, auch große Firmen wie BASF Schwarzheide sind aus dem alten Bestand hervorgegangen. Doch gerade die Kleinen investieren wenig in Forschung und Entwicklung – Prozesse in der Chemie zu etablieren ist teuer. Den Innovationsmangel zu beheben, sehen die Macher des Clusters Chemiekunststoffe als ihre wichtigste Aufgabe: Die Fraunhofer-Gesellschaft hat ein Zentrum für Polymerforschung eingerichtet, in Halle und Potsdam führt sie zwei Chemieinstitute der DDR-Akademie der Wissenschaften fort. In Leuna entsteht ein Biotechnologieforschungszentrum. Die Hochschulen Ilmenau, Schmalkalden und Merseburg bekommen neue Studiengänge, die berühmte Bergbauakademie Freiberg ein Energieforschungszentrum.

Georg Dahm

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