Müllberge können Manfred Fahrner gar nicht groß genug sein. Fast bis unters Dach der Werkshalle reicht der Schrotthaufen, den er zu Geld machen will. Bügeleisen, Bohrmaschinen, Toaster, Radios, Computer, Föhne. Ein Greifbagger haut seine Zähne in den Berg und quetscht die Geräte in eine Schneideanlage. Wenige Stunden später sind aus dem groben Haufen viele feine Häufchen geworden: Kupferkörnchen, Aluminiumflocken, Messingkügelchen, Kunststoffgranulat.
Was der Verbraucher als Abfall entsorgt, das verwandelt der Elektroschrott-Recycler Alba R-plus in mehr als 20 wertvolle Rohstoffe. Gut 40.000 Tonnen alte Elektroapparate laufen pro Jahr durch die Maschinen im pfälzischen Lustadt, die Mitarbeiter zerlegen etwa eine Million Fernseher und Computermonitore und 15.000 Tonnen Kühlgeräte. "In den vergangenen Jahren haben wir vor allem unsere Trenntechnik weiter verfeinert", sagt Vertriebsleiter Fahrner und lässt einen Mix aus Metall und Kunststoff durch die Finger rieseln.
"Vollkornmehl" nennt er die Zwischenstufe, immer weiter wandert das Gemisch durch Schredder, Siebe und über Magnetbänder. Möglichst schnell möglichst sauber trennen heißt das Ziel. Alba R-plus verkauft die zurückgewonnenen Rohstoffe vor allem an Metallhütten, aber auch an Gießereien in der Region, die der Autoindustrie zuliefern.
Nach einem Umsatzeinbruch wegen der Wirtschaftskrise ging es bei dem Elektroschrottverwerter schnell wieder bergauf, denn die Rohstoffpreise zogen drastisch an, wichtige Industriemetalle liegen heute fast auf Rekordniveau. Preistreiber ist der Wirtschaftsboom der Schwellenländer: China und Indien kaufen die Märkte leer, der Kampf um Rohstoffe wie Kupfer oder Indium tobt, der weltweite Bedarf wird weiter wachsen. Weil Deutschland die meisten Metalle komplett importieren muss, gelten Recyclingbetriebe wie das 60-Mitarbeiter-Werk in Lustadt als der richtige Weg, um weniger abhängig vom Ausland zu werden.
Klingt gut, ist aber Wunschdenken. Der Rohstoffbedarf der Industrie ist mehr als zehnmal so hoch wie das, was durch Recycling beschafft werden kann. Daran würde sich nichts ändern, wenn selbst die Wertstoffe in Müllkippen wieder aufbereitet würden.
Gleichwohl hält Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) Recycling für die "wichtigste heimische Rohstoffquelle". Und Experte Ulrich Grillo vom Bundesverband der Deutschen Industrie sieht im Recyceln von Metallabfall und Schrotten Deutschlands "heimische Mine". "Urban Mining" also, die moderne Version eines Bergwerks.
Das Geschäft der Wiederverwerter boomt
Die Rohstoffe zu erschließen ist Aufgabe einer Branche, die bisher eher als Schmuddelkind galt: die Abfallentsorger. Wobei die Branche selbst sich längst nicht mehr als Müllkutscher sieht. Axel Schweitzer, Mitinhaber des Alba-Konzerns, hat gedanklich die Seiten gewechselt: "Heute steht bei uns die Rohstoffversorgung im Fokus." Konkurrent Remondis bezeichnet sich bereits als "Unternehmen der Kreislaufwirtschaft", und im Branchensprech heißt das Sammeln, Entsorgen und Recyceln heute Stoffstrommanagement.
Das Geschäft der Wiederverwerter boomt. Die Recyclingindustrie hat sich zum wachstumsstärksten Wirtschaftszweig entwickelt, sagt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Dank der Recyclingware sparten die Hersteller beim Rohstoffimport bereits 2007 mehr als 5 Mrd. Euro. 2009 produzierte die deutsche Recyclingindustrie Rohstoffe im Wert von 8,4 Mrd. Euro. Und das IW prognostiziert weiteres Wachstum: 2011 liege der Umsatz mit Rohstoffen aus Altware bei etwa 10 Mrd. Euro, 2015 soll er doppelt so hoch sein.
Das sind imposante Zahlen, doch gemessen am Rohstoffbedarf der Industrie relativieren sie sich schnell. Zwischen 2003 und 2008 sind die Rohstoffimporte von 54 auf 127 Mrd. Euro gestiegen, heißt es bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Nach einem Einbruch im Zuge der Wirtschaftskrise sollen sie 2010 wieder ein ähnlich hohes Level erreicht haben.
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