Unternehmen Auferstanden aus Platinen

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Visionäre: Rolf Heinemann (r.) rettete 1990 mit Mut und Ideen seine Abteilung. Sein Sohn Ulf (l.) führte die Firma in eine neue Zeit.

Visionäre: Rolf Heinemann (r.) rettete 1990 mit Mut und Ideen seine Abteilung. Sein Sohn Ulf (l.) führte die Firma in eine neue Zeit.© Robert Gommlich

Solche Geschichten gibt es nur in Umbruchzeiten: Ein Angestellter sichert sich für ein paar Hundert D-Mark den Namen des größten volkseigenen Betriebs der DDR. Er kauft sich ein Buch über Unternehmensgründung - und legt los. Der ungewöhnliche Aufstieg der Softwarefirma Robotron.

Immer wieder kommt dieser Mann vorbei. Er trägt die Haare akkurat nach hinten gekämmt, der Schlips sitzt fest am Hals, sein Akzent klingt sächsisch. Den Mitarbeitern des US-Softwareriesen Oracle erscheint er zunehmend verdächtig. Sie haben ihren Stand auf der Computermesse Cebit in Hannover aufgebaut und warten nur darauf, Besuchern die Vorzüge ihrer neuen Datenbanksysteme zu erklären. Doch der Sachse will keine Werbebotschaften. Er stellt Detailfragen zur Leistungs­fähigkeit, zu klar umrissenen Problemen der Oracle-Programme. Wie war das genau bei Version 5.17? Die Oracle-Mitarbeiter staunen, rufen ihren Chef an. 5.17? Diese Version ist doch noch gar nicht auf dem Markt.

„Die waren damals völlig perplex, was wir wussten“, sagt Rolf Heinemann und lehnt sich vergnügt in seinem Stuhl zurück. Sein Besuch auf der Cebit ist fast 25 Jahre her. Seine Haare sind heute weiß, er trägt sie noch immer akkurat zurückgekämmt, der Schlips sitzt. Äußerlich ist Heinemann ganz Geschäftsmann. Aber in seinen Augen blitzt das Schlitzohr durch, auch mit 77.

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Heinemann erzählt seine Geschichte mit einer diebischen Freude, die nur der haben kann, der am Ende als Gewinner dasteht. Er hat aus der Ruine eines DDR-Betriebs ein florierendes Unternehmen gemacht (30 Millionen Euro Umsatz, über 20 Prozent Umsatzrendite). Er hat sich gegen furchteinflößend große Konkurrenten durchgesetzt (SAP, IBM, Microsoft). Er hat einen Markennamen von Weltruhm ergattert (für ein paar Hundert D-Mark). Er hat die Firma erfolgreich an seine Söhne übergeben.

„Siemens lebte hinterm Mond“

Heinemann ist die Hauptperson eines Unternehmerkrimis, wie es ihn nur in Umbruch­zeiten geben kann. Mit Mut und einigen Tricks gelang ihm einer der wenigen erfolgreichen Management-Buy-outs im Osten. Diesen Erfolg hat er vor allem seinem Unternehmergeist zu verdanken. Aber auch all jenen, die ihn für naiv hielten – und nicht ahnten, dass er über Jahre Raubkopien von Westsoftware gebaut hatte. Er kannte die Programme der Konkurrenz genauso gut wie die Experten aus dem Westen – manchmal sogar besser.

Vor der Wende hatte der Informatiker 20 Jahre lang die Datenbanksparte von Robotron geleitet. Robotron, das war ein gigantisches Kombinat: größter volkseigener Betrieb der DDR, 68 000 Mitarbeiter. Die Werke waren über die ganze DDR verteilt, sie statteten den Ostblock mit Computern, Schreibmaschinen und Software aus. Wenn das Sandmännchen abends den Kindern zuwinkte, dann oft aus einer Robotron-Bildröhre.

Mit der Wiedervereinigung soll das Unternehmen zerschlagen werden. Zu groß scheint der Technologieabstand. Im Westen steht schon Ende der 80er-Jahre in fast jedem Kinderzimmer ein Commodore 64. Die DDR konnte hingegen kaum US-Rechner importieren, die Amerikaner hatten ihren Klassenfeind früh auf die Embargoliste für Hochtechnologie gesetzt. Alle wissen, dass es in den kommunistischen Ländern an Ressourcen fehlte. „Software aus der DDR?“, heißt es nach der Wende im Westen. „Die braucht doch wirklich niemand.“

Rolf Heinemann ist anderer Meinung. Er will seine Abteilung retten – und ist überzeugt vom Können seiner Leute. Direkt nach dem Mauerfall berät er sich mit ein paar Kollegen und kauft ein kleines Buch mit dem Titel „Wie gründe ich eine GmbH?“. 50 000 Westmark Start­kapital, so liest er, würde er aufbringen müssen. Aber jeder Ostbürger darf zunächst nur 2000 Mark umtauschen. Heinemann sackt das Geld seiner Söhne ein („die hatten noch keine Verfügungsgewalt“) und nimmt auch die 2000 D-Mark seiner Frau („die hat sich nicht gewehrt“). Fehlen noch 42 000 D-Mark. Seine Mitarbeiter haben ihre 2000 Westmark schon anders verplant, sie träumen von einem Opel Kadett. „Nüscht is mit Auto“, sagt Heinemann. „Wir gründen eine Firma!“

Spioniert und programmiert

Heinemann kennt den Westen. In der DDR war er Mitglied der Nationalmannschaft im Orientierungslauf. Er durfte deshalb reisen, hatte Freunde in aller Welt. Er will den Leuten zeigen: Da im Osten, da gibt es noch was! Auf der Cebit in Hannover marschiert er von Stand zu Stand, will Kontakte knüpfen, Partner finden. Niemand nimmt ihn ernst. „Es war schrecklich“, sagt Heinemann. „Die waren so was von arrogant.“

Was offenbar keiner ahnt: Heinemann ist so gut über den Stand der weltweiten Softwareentwicklung informiert wie kaum ein Zweiter.

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