Unternehmen Aufpreis für Schweizer

Kein Interesse an Umsatzmaximierung: Der Freiburger Antiquar Michael Plietzsch will Schnäppchenjäger von seinem Laden fernhalten

Kein Interesse an Umsatzmaximierung: Der Freiburger Antiquar Michael Plietzsch will Schnäppchenjäger von seinem Laden fernhalten© dpa picture alliance

Ein Freiburger Antiquar verlangt von Schweizer Kunden 20 Prozent extra. Der Händler sieht sich als Kämpfer gegen die Schnäppchenmentalität – und hat jetzt eine Anzeige wegen Volksverhetzung am Hals. Dabei nutzen auch andere Händler die Kaufkraft der Eidgenossen.

Andere machen Werbung in ihren Schaufenstern mit Rabatten. Michael Plietzsch hat dagegen einen Zettel an die Scheibe seines Freiburger Antiquariats gehängt, das Kunden abschrecken soll. Schweizer Schnäppchenjäger sind in seinem Laden nicht willkommen.

„Es ist eine symbolhafte Aktion gegen die Gier“, sagt Plietzsch. Seit der Freigabe des Wechselkurses zwischen Euro und Schweizer Franken hat der Shoppingtourismus in der Grenzregion neue Ausmaße erreicht. Schließlich ist für die Eidgenossen alles, was sie jenseits der Grenze kaufen, plötzlich rund 20 Prozent billiger als zuvor.

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Aktion gegen Shoppingwahn und Gier

Die meisten Händler der Region freut das. Michael Plietzsch stößt der Einkaufswahn ab. Er habe nichts gegen Schweizer, „ich will aber diesen Shopping-Hype nicht im Laden haben.“ Zuletzt habe er rund zehn  Prozent mehr Schweizer Kunden im Laden gehabt, die erkenne er am Dialekt. „Im Zweifel frage ich, woher sie kommen“. Den Ausweis lasse er sich aber nicht zeigen.

Seither wird der Einzelhändler vor allem im Internet angefeindet, pro Tag bekomme er rund 100 Emails. „Ich bin kein Rassist. Ich habe nichts gegen Schweizer, ich habe nur etwas gegen diese Schnäppchenjäger-Haltung“, sagte der Unternehmer in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. „Dass es nun die Schweizer trifft, liegt nur daran, dass wir in unserer Grenzregion mit diesen Währungsunterschieden konfrontiert sind.“

Einzelhändlerkollegen schütteln den Kopf

Seine Einzelhändlerkollegen aus der Region haben für die Aktion nur wenig Verständnis. „Andere Einzelhändler schütteln den Kopf. Das ist geschäftsschädigend, da wird keiner nachziehen“, sagte der Geschäftsführer des Verbands, Olaf Kather, der Nachrichtenagentur dpa. Am Ende des Tages zähle schließlich nur „das Geld in der Kasse.“

Buchliebhaber Plietzsch geht es offenbar nicht um Gewinnmaximierung, sondern um Grundsätzliches. „Ich verkaufe in meinem Antiquariat keine reproduzierbaren Gegenstände wie Lebensmittel, sondern Unikate, Kulturgegenstände“, sagte der Unternehmer im Gespräch mit der „Süddeutschen“. „Da hatte ich besonders in der letzten Zeit den Eindruck, dass auch solche Leute Kulturgegenstände kaufen, die zum Beispiel wertvolle Fotos aus dem 19. Jahrhundert einfach nur als Wertanlage sehen. Es geht gar nicht mehr darum, dass sie die Bilder schön finden oder ästhetischen Gefallen daran finden.“ Mit dem Preisaufschlag wolle er sich nicht bereichern, Mehreinnahmen, so sagt er, gingen an eine Einrichtung für geistig behinderte Menschen. Seit der Zettel hinge, kämen aber ohnehin kaum Schweizer Kunden.

Anzeige wegen Volksverhetzung

Wie die Schweizer Zeitung „Blick“ berichtet, wurde der Antiquar nun sogar angezeigt. Ein Deutscher, der in der Schweiz aufgewachsen und wohnhaft sei, werfe dem Unternehmer Volksverhetzung vor. Ob es zu einem Verfahren kommt, sei noch unklar.

Plietzsch fühlt sich im Recht. „Schließlich bekommen Deutsche im Schweizer Tourismus auch 20 Prozent Rabatt. So hätte ich das auch machen können.“

Preisaufschläge sind in der Schweiz normal

Schweizer sind Preisaufschläge ohnehin gewohnt. Das Konsumenten-Magazin „Espresso“ des Radiosenders SRF 1 hat kürzlich die Preise verglichen, die europäische Online-Kleiderhändler wie Esprit, H&M, Marc O’Polo oder Heine, verlangen. Das Ergebnis: Bei einigen Shops müssen Kunden, die aus der Schweiz bestellen, 30 bis 70 Prozent mehr zahlen als Kunden aus Deutschland.

 

Im deutschen Online-Shop von Heine kostet der blau-weiße Pullover 79,95 Euro. Nach dem aktuellen Wechselkurs müsste er  rund 85 Schweizer Franken kosten. Stattdessen müssen Schweizer Frauen 139,95 CHF hinlegen.

Im deutschen Online-Shop von Heine kostet der blau-weiße Pullover 79,95 Euro. Nach dem aktuellen Wechselkurs müsste er rund 85 Schweizer Franken kosten. Stattdessen müssen Schweizer Frauen 139,95 CHF hinlegen.

 

Die Preise in Online-Shops sind für Schweizer Kunden traditionell höher, die Händler nutzen die starke Kaufkraft der Eidgenossen aus. Die Freigabe des Wechselkurses hat das Ungleichgewicht verstärkt, weil die Preise in Franken nicht entsprechend gesunken sind. Eine Jeansbluse vom Heine-Versand kostete zum Beispiel in Deutschland 49.90, Schweizer bezahlten 89.90 Franken – rund 70 Prozent mehr.

Die Kleiderketten begründeten dem Radiosender gegenüber den Preisunterschied mit Extrakosten wie längerer Transportweg, Zollgebühren und Steuern. Außerdem würde ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung in der Schweiz erbracht und in Schweizer Franken bezahlt.

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